Jeffrey Epstein ist kein Ausrutscher und auch kein Einzelfall, sondern ein Produkt eines Systems, das Macht über Moral stellt. Die sogenannten Epstein Files legen nicht nur Namen offen, sie entblößen eine globale Elite, die auch nach 2008 – sprich: nach der rechtskräftigen Verurteilung Epsteins in Florida wegen Sexualdelikten an Minderjährigen und seinem umstrittenen „Plea Deal“ – weiterhin bereit war, mit ihm zu verkehren. Das gilt nicht nur für Akteure in Europa und Nordamerika, sondern auch für den Nahen Osten und insbesondere für die Vereinigten Arabischen Emirate.
Wer sich mit den Epstein-Files auseinandergesetzt hat, erkennt schnell ein Muster: Epstein suchte systematisch den Zugang zu Machtzentren. Er bewegte sich dort, wo Kapital und Einfluss konzentriert sind. Die Emirate sind ein solches Zentrum – globaler Finanzplatz, Logistikdrehscheibe, sicherer Hafen für Vermögen aus aller Welt.
Hinzu kommen strukturelle Schattenseiten wie Arbeitsausbeutung, intransparente Finanzstrukturen und ein Milieu, in dem Diskretion oft höher bewertet wird als Aufklärung. All das passt zu Epsteins Lebensstil und Geschäftsmodell.
In veröffentlichten Unterlagen finden sich zahlreiche Hinweise auf Kontakte zwischen Epstein und Sultan bin Sulayem, dem langjährigen Chef von DP World und einem der einflussreichsten Manager Dubais. De facto waren die beiden eng befreundet. Epstein sah in Sulayem einen „guten“ und „hörigen“ Araber und Muslim.
Es ging um Einladungen, um Gespräche, um Netzwerke. Epstein reiste wiederholt in den Nahen Osten, suchte Investoren und versuchte, sich als Finanzarchitekt globaler Projekte zu inszenieren. Sulaymen, der ebenso von Epstein begeistert zu sein schien, unterstützte ihn dabei bereitwillig.
Doch der Kontakt zu Sulayem mutet auch Düsteres an. War es ein Zufall, dass Epstein, der unschuldige Mädchen und Frauen auf seine Privatinsel Little Saint James verfrachten ließ, ausgerechnet die Nähe zu einem der größten Hafenbetreiber der Welt suchte? Ebenso brisant ist auch eine E-Mail, in der sich Epstein bei Sulayem offenbar für ein Foltervideo bedankt.
Maxwell machte keinen Hehl aus ihrem Rassismus, suchte aber im Geschäftlichen die Nähe zu Golfarabern
Es existieren bis heute keine strafrechtlichen Anklagen gegen bin Sulayem im Zusammenhang mit Epsteins Verbrechen. Vor kurzem trat er jedoch von mehreren Positionen zurück. Offiziell ohne Zusammenhang. Inoffiziell steht über allem wohl der Reputationsschaden für Dubai und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Parallel dazu zeigt der Blick auf Ghislaine Maxwell, Epsteins Hauptkomplizin, eine ideologische Dimension, die ebenso aufschlussreich ist. In einer E-Mail nach den Anschlägen vom 11. September 2001 äußerte sie sich offen rassistisch über „Araber“ und fantasierte über deren Vernichtung.
Das war keine ironische Floskel, sondern Ausdruck einer Denkweise, die Menschen kollektiv entwertet. Während nach 9/11 Millionen Muslime unter Generalverdacht standen, bewegte sich Maxwell weiterhin ungehindert in elitären Kreisen. Und sie hatte offenbar kein Problem damit, gleichzeitig die Nähe zu wohlhabenden Golfarabern zu suchen. Verachtung im Privaten, Geschäftsbeziehung im Öffentlichen.
Hier liegt die eigentliche Doppelmoral. Öffentlich wird Diversität beschworen, privat werden Stereotype reproduziert. Öffentlich kritisiert man autoritäre Regime im Nahen Osten, privat pflegt man Kontakte zu deren Eliten – solange es opportun ist.
Eine Praxis, die nicht nur von Epstein und Konsorten gepflegt wurde, sondern von nahezu der gesamten politischen Klasse des Westens – und zwar bis heute. Araber:innen erscheinen im sicherheitspolitischen Diskurs als Bedrohung, im ökonomischen Kontext als Investoren. Diese Gleichzeitigkeit ist kein Widerspruch, sondern hat rassistische, neokoloniale Struktur.
Ein Fragment der Kiswah, des schwarzen Tuchs der Kaaba in Mekka
Ein weiteres Detail verdeutlicht die kulturelle Geringschätzung, die das Epstein-Milieu kennzeichnete. Zahlreichen Berichten und 2017 geführten E-Mail-Korrespondenzen zufolge besaß Epstein ein Fragment der Kiswah, des schwarzen Tuchs der Kaaba in Mekka.
Die Kiswah wird jährlich erneuert. Einzelne Fragmente werden teils als diplomatische oder symbolische Geschenke weitergegeben. In den Mails ist von der saudischen, in den Emiraten lebenden Geschäftsfrau Aziza al-Ahmadi die Rede, die bei der Beschaffung des Stücks eine Rolle gespielt haben soll. Gerichtsfeste Anklagen gegen sie existieren nicht. Doch die aktuelle Faktenlage legt nahe, dass das Fragment gezielt organisiert wurde.
Dokumenten und Fotos zufolge soll sich dieses Kiswah-Stück in Epsteins Anwesen befunden und auf dem Boden gelegen haben. Sollte das zutreffen, wäre es mehr als geschmacklos.
Die Kaaba ist für Muslime weltweit das spirituelle Zentrum ihres Glaubens. Ein solches Objekt als Dekor oder Bodenbelag in der Villa eines verurteilten Sexualstraftäters zu verwenden, wäre ein Akt symbolischer Entweihung. Es passt zur Logik eines Mannes, der alles als verfügbar betrachtete: Körper, Kontakte, Symbole.
Ob Epstein mit dem schwarzen Tuch tatsächlich nur seinen Fußboden schmücken wollte oder ihm eine andere Bedeutung zuschrieb, ist unklar. Im Internet kursieren mittlerweile zahllose Verschwörungstheorien. D
Diese sind weiterhin mit Skepsis zu beobachten. Doch ebenso falsch wäre es, offensichtliche Widersprüche zu ignorieren. Denn Epsteins Netzwerk, das öffentlich von Aufklärung, Philanthropie und Fortschritt sprach, war im Privaten von Machtmissbrauch, Rassismus und moralischer Verachtung durchzogen.