Erstmals übernehmen die Grünen das Münchner Rathaus. Das haben sie vor allem Fehlern der SPD zu verdanken – und dem FC Bayern
Überraschung in München: Der grüne Dominik Krause wird nach der Stichwahl neuer Oberbürgermeister
Ricarda Lang plant einen Besuch auf dem Oktoberfest – „einfach nur um neben Markus Söder zu stehen, wenn er einem Grünen zuschaut, wie er das Fest eröffnet“, schrieb sie am Wahlabend auf Bluesky.
Die Grünen haben allemal Grund zum Feiern, denn obwohl es zuletzt irgendwie in der Münchner Luft lag, war es doch eine Überraschung: Dominik Krause wird mit gerade einmal 35 Jahren der erste grüne Oberbürgermeister Münchens. Der bisherige SPD-Amtsinhaber Dieter Reiter verabschiedet sich mit gerade einmal 43,6 Prozent in der Stichwahl in den politischen Ruhestand.
Dabei galt die Wiederwahl des in der Stadt bis vor kurzem allseits beliebten Dieter Reiter, der als OB mehrmals Weihnachtslieder über München veröffentlicht hatte, noch vor Wochen als ausgemacht. Möglich machte es CSU-Ministerpräsident Markus Söder: Die Altersgrenze von 67 Jahren, die die Wiederwahl Reiters ins OB-Amt verhindert hätte, schaffte er 2023 kurzerhand ab – wohl auch, um einen grünen Oberbürgermeister zu verhindern.
Dieser Schuss ging nach hinten los: Ausgerechnet die erneute Kandidatur Reiters kostete die SPD nach 42 Jahren im Rathaus am Marienplatz nun den Wiedereinzug. Der Grund: Ein handfester Skandal erschütterte Reiters eigentlich so solide geglaubte Kandidatur. Reiter war jahrelang Mitglied im Verwaltungsbeirat, später im Aufsichtsrat des FC Bayern – ohne das Amt im Stadtrat genehmigen zu lassen. 90.000 Euro kassierte er auf dem Posten.
Erst nach tagelangem Herumlavieren gelang Reiter so etwas wie eine Entschuldigung, das Geld vom FC Bayern spendete er. Doch für seine Wiederwahl war das zu wenig.
Dass dieser Text sich bisher vor allem um den Wahlverlierer dreht, zeigt freilich: Das gestrige Ergebnis ist mehr Niederlage der SPD als Sieg der Grünen. Deren Kandidat Dominik Krause tritt zwar mit einem jugendlichen Elan auf, den Dieter Reiter zuletzt nicht mehr aufbrachte, war aber bis zur gestrigen Stichwahl weit weniger bekannt als sein Amtsvorgänger.
Kann Dominik Krause die schmutzigste Straße Deutschlands retten?
Krause, der mit einem Hausarzt verlobt ist, setzt sich offensiv für queere Rechte und gegen Rechtsextremismus ein, was in München durchaus gut ankommt. Wirkliche materielle Verbesserungen für die Bewohner:innen der teuersten Stadt Deutschlands konnte er als Zweiter Bürgermeister bisher jedoch nicht erreichen.
Im Wahlkampf hatte Krause vor allem auf das Thema Wohnen gesetzt. Kein Thema treibt die Müncher:innen mehr um als die explodierenden Wohnkosten. Derweil bauen Apple und Google neue Büros, die noch einmal Tausende bestbezahlte Fachkräfte in die Stadt holen werden. Die höchsten Mieten Deutschlands dürften bald noch einmal kräftig steigen.
Krauses Mittel gegen die Wohnungsnot: 50.000 neue Wohnungen. Das klänge freilich realistischer, hätte Krause sie nicht in München, sondern auf dem Mars versprochen: Bauland ist dort weniger knapp und Genehmigungsverfahren unkomplizierter.
Zumindest was den klima- und menschenfreundlichen Umbau der Stadt betrifft, können die Münchner:innen sich von Krause deutlich mehr erhoffen als von seinem Amtsvorgänger. Das zeigt sich exemplarisch an der Landshuter Allee, die aufgrund ihrer enormen Feinstaubbelastung auch als schmutzigste Straße Deutschlands bekannt ist.
Reiter hatte dennoch immer wieder auf einem Tempolimit von 50 km/h bestanden und sich dafür auch mit Gerichten angelegt. Krause kritisierte das und warb stets für die vom Gericht zuletzt wieder angeordnete Geschwindigkeitsbegrenzung auf Tempo 30.
Als Bürgermeister plant Krause einen Ausbau sicherer Radwege und eine Begrünung der Stadt. Ob er für seine ökologischen Vorstellungen im Stadtrat mehr Rückgrat zeigen wird als seine arg gefügige Partei in den vergangenen JJahrenauf Bundesebene, wird sich zeigen.
Krause muss den Münchner:innen nun beweisen, dass er ihren Vertrauensvorschuss verdient und tatsächlich konkrete materielle Verbesserungen für sie erreichen kann. Leicht wird das nicht: Der Münchner Haushalt ist zwar mit rund neun Milliarden Euro größer als der des Saarlandes, knapp sind die Stadtkassen trotzdem.
Doch auch immer mehr Münchner:innen stehen in der teuersten Stadt Deutschlands unter enormem Druck. Ob Dominik Krause diesen Menschen helfen kann, wird über Erfolg oder Misserfolg seiner Amtszeit entscheiden.