Der Name, den man 90 Minuten lang erwartet, fällt erst in den letzten Sekunden des Films „Holt – Der Windkraft-Schwindler“. Wenn ein Donald Trump gezeigt habe, dass man mit einer Vorstrafe zum mächtigsten Mann der Welt werden könne, sagt der zu mehrjähriger Haftstrafe verurteilte Hendrik Richard Holt in einem der Interviews mit den Filmemachern Jan Peter und Sandra Naumann, dann könne auch er, der selbst erklärte Dealmaker aus Haselünne, noch alles werden.
Tatsächlich reicht das Modell Trump hier weit über die Vorstrafe hinaus. Der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete „New York Times“-Journalist Russ Buettner schrieb in seinem Buch „Lucky Loser“, Trump habe „die Medien effektiv manipuliert, um sich selbst als berühmt und reich darzustellen, bevor er wirklich erfolgreich war“. Reichtum, so die Lehre, muss nur selbstbewusst genug behauptet werden. Genau das tat auch Holt, den diese Dokumentation als größenwahnsinnigen Narzissten porträtiert.
Auffällig ist die poppige Glam-Inszenierung. So wird der stets wie aus dem Ei gepellt auftretende Holt in einem gemieteten Bentley Mulsanne oder im Sperrholzmodell eines Privatjets interviewt. Für die Filmemacher entlarvt das Sichtbarmachen der Kulisse die Selbstinszenierung des Hochstaplers. Aber Holt weiß: Behauptung ist die halbe Miete. So behauptet er gleich, immer noch einen Bentley Mulsanne zu besitzen. Und die fast neunjährige Haftstrafe sieht er als nur kleinen Knick auf dem Weg nach oben: „Ich hab mich moralisch sicherlich falsch entschieden, aber faktisch nicht falsch.“
Erschreckend ist es, wie plump und doch erfolgreich der organisierte Betrug der Holt Holding ablief, in den viele Familienmitglieder involviert waren. Die Holding gab sich als Frühphaseninvestor für Windkraftprojekte in Deutschland aus, besorgte vermeintlich alle nötigen Zustimmungen und Gutachten von Kommunen und Anwohnern und verkaufte diese im Paket an Energieunternehmen. Viele der Unterlagen waren aber schlicht gefälscht, die Unterschriften routinemäßig durchgepaust. Die eingenommenen Millionen hat der Holt-Clan verprasst.
Nicht nur der Doktortitel war frei erfunden
Eine Anzeige wegen Urkundenfälschung rief bereits im Januar 2019 Nils Leimbrock auf den Plan, einen Dezernenten der Osnabrücker Staatsanwalt, der bald feststellte, dass nicht nur der Doktortitel, mit dem der Investor sich schmückte, frei erfunden war, sondern auch sonst so gut wie nichts zusammenpasste: „Es waren alles nur Gesellschaftshüllen zur Begehung von Straftaten.“ Obwohl die Ermittler Holt also auf den Fersen waren, gelang es diesem, Kontakte in die ganz große Politik zu knüpfen. Im Februar 2020 war seine (gar nicht existente) Firma Holt Energy Sponsor der Münchner Sicherheitskonferenz. Für mehrere Hunderttausend Euro („wirklich geschenkt“) hatte sich Holt hier eingekauft: „Da wusste ich, jetzt sitze ich am richtigen Tisch.“
Diese Geschichte wurde schon mehrfach in Podcasts und Reportagen erzählt, auch das Finale mit dem Zugriff im Hotel Adlon am 17. April 2020, wodurch ein finales Großgeschäft im dreistelligen Millionenbereich, das „Project Munich“, verhindert wurde. Ebenso das bereits vorbereitete Absetzen ins Ausland. Wichtiger aber als die im Gespräch mit Ermittlern rekonstruierten Taten selbst sind für Peter und Naumann, die keine Verbrecherglorifizierung betreiben wollen (und es ein ganz klein wenig doch tun), die Strukturen, in denen diese Taten stattfanden. Es sagt viel über eine Gesellschaft, wenn das hemmungslose Protzen mit Reichtum nicht als Warnzeichen gesehen wird, sondern als Ausweis für Glaubwürdigkeit. Charisma, Selbstdarstellung und das Versprechen des großen Geschäfts scheinen immer noch blind zu machen.
Der Kampf um die Deutungshoheit ist noch nicht vorüber
Der Clou der Dokumentation aber ist, dass sie den Kampf um Diskurshoheit als noch nicht beendet sichtbar macht. Alle Aufnahmen mit Holt sind im Jahr 2025 entstanden, während seiner Ausgangszeiten im offenen Vollzug. Wie der Abgestürzte dabei versucht, erneut sein Image aufzupolieren, zeigt sich an Aussagen wie der, die längst in Andorra ansässige Holt Holding verfüge immer noch über Geldmittel: „Ich bin zu keiner Zeit insolvent gewesen.“ Die Ermittler lässt das ungläubig den Kopf schütteln: „Da ist nichts mehr.“ Ein Zweifel bleibt.
Die Filmemacher, die Holt als Sujet benutzen, wissen, dass er sie ebenso zu benutzen sucht. Sie treten dem mit gründlicher Recherche, aber vor allem mit dem Schnitt entgegen: Widersprüche werden direkt aneinandermontiert. So behalten sie zwar das letzte Wort, aber die Dauerbeschallung mit Parolen, die von Gordon Gecko in „Wall Street“ stammen könnten – auch optisch offenbar ein Vorbild –, entfaltet ihre eigene Strahlkraft: „Gier ist gut“, heißt es einmal direkt zitiert. Dann wieder: „Die Gegner sind alle Menschen, die sich gegen meine Interessen stellen.“ Dieses Duell ist spannend anzusehen, weil alles an Aufstieg und Fall des Schwindlers Holt immer schon filmaffin war. Bluffen ist eine Form des Schauspiels, vielleicht die spannendste. Und dass es Windbeutel in teuren Anzügen weit bringen, erfahren wir täglich.
Source: faz.net