Doku droben Diplomaten: Macht und Ohnmacht welcher Deutschen

Einmal ist die Hilflosigkeit der deutschen Außenpolitik vor den Kameras so offensichtlich, dass der Botschafter gar nicht drum herum reden kann. Oder will. Steffen Seibert, Botschafter in Israel, steht in den palästinensischen Gebieten und muss erleben, wie vor seinen Augen passiert, was Palästinenser gerade noch ihm und seiner Kollegin aus dem Vertretungsbüro in Ramallah eindringlich geklagt hatten: eine israelische Familie zieht in ein Haus, das Palästinenser räumen mussten. Die Gesprächspartner Seiberts kämpfen mit den Tränen, die Kamera hält drauf, und Seibert, bewegt, sagt, man werde mit Berlin sprechen, mit den israelischen Partnern, man werde sagen, was man gesehen habe, wie falsch es sei und unnötig. Ob das helfe? „Um ganz ehrlich zu sein, bislang hat es nicht viel genützt.“

Es sind solche Momente, die die ZDF-Doku-Reihe „Die Diplomaten“ von Fabian Herriger und Marisa Uphoff auszeichnen. In vier Teilen begleiten die Journalisten Diplomaten, verteilt über die Welt und in unterschiedlichen Funktionen, bei ihrer Arbeit, und manchmal fangen sie solche Momente ein, die viel mehr über Macht und Ohnmacht deutscher Außenpolitik verraten, als es jemals auf den Sprechzetteln des Ministeriums stehen würde. Deutschland sucht seinen Platz in der sich neu sortierenden Weltordnung, das sagt ja nicht nur der Bundeskanzler bei jeder Gelegenheit. Überall läuft der Wettlauf nach Ressourcen und neuen Partnerschaften – während sich Deutschland nicht nur durch Russland bedroht sieht und die transatlantische Freundschaft schwindet, sondern auch das zu verlieren droht, was die Bundesrepublik stets attraktiv gemacht hat: die eigene wirtschaftliche Stärke.

Trump und die Rolltreppe

Es gibt also große Fragen zur deutschen Außenpolitik, die in der Doku aber meist Experten von außen formulieren müssen, weil die Diplomaten schon bleiben, was sie sind: Diplomaten. So trägt Johann Wadephul auch hier seine bekannte Linie vor, dass trotz aller Irritationen über das amerikanische Verhalten der Kern der transatlantischen Beziehungen so wertvoll sei für Deutschland, und man deshalb versuche, sie zu bewahren. Auch das ist ja nur ein Eingeständnis, dass es mit Blick auf Russland (noch) nicht ohne Washington geht. Aber die Kameras sind auch im Fahrstuhl mit Wadephul bei der UN-Generalversammlung dabei, als er kurz darüber lästert, ob es nichts Wichtigeres zu diskutieren gebe, als wer nun die Verantwortung trage für eine defekte Rolltreppe – für den US-Präsidenten gab es das damals gerade nicht, weil er und seine Frau im UN-Hauptgebäude fast ins Stolpern geraten wären.

Steffen Seibert, der deutsche Botschafter in Israel, erfährt von dem Schaden, den Raketeneinschläge in ein Krebszentrum in Tel Aviv angerichtet haben.ZDF und Jan Müller

Solche Momente und kleine, eher abseitig anmutende Geschichten geben einen seltenen Einblick in den Alltag der deutschen Diplomatie: wie jene des Hausmeisters, der die seit 2012 geschlossene Botschaft in Damaskus betreut hat, bis er sie 2025 für die damalige Außenministerin Annalena Baerbock aufschließen durfte – während die Diplomaten selbst weiter im Hotel wohnen und arbeiten, mit Siegelstempeln und Desinfektionstüchern auf dem Zimmer. Von den Sorgen der Botschafterin in Singapur um die Qualität der Dolmetscher über die Strenge der Mitarbeiterin des Protokolls bis hin zum Botschafter auf Fidschi beim Pflanzen eines Setzlings am Strand (Kampf gegen den Klimawandel) reichen die Beobachtungen.

Was die Doku nicht beantwortet, ist die Frage, wie aus alldem die Linie einer deutschen Außenpolitik entsteht. Oder: Warum man nichts ändert, wenn man wie am Beispiel Seiberts merkt, dass man nichts bewirkt. In gewisser Weise bleibt die Betrachtung so ein wenig unpolitisch. Denn darüber, wie die von der CDU behauptete „Außenpolitik aus einem Guss“ die Rollen von Auswärtigem Amt und Kanzleramt tatsächlich im Alltag verändert hat, erfährt man wenig und ebenso über die Machtstrukturen im Auswärtigen Amt selbst – obwohl sich gerade dort stets die Frage aufdrängt, ob ein Minister das Haus prägt, oder andersherum (wie es im Falle von Wadephul manche „Parteifreunde“ beklagen). Ganz am Ende des vierten Teils geht es kurz um den Korpsgeist im Haus, die Mitarbeiterin vom Protokoll wird verbeamtet. Das hätte auch der Anfang sein können für die nächste spannende Doku mit demselben Untertitel: „Inside Auswärtiges Amt“.

Die vierteilige Serie Die Diplomaten – Inside Auswärtiges Amt ist von Dienstag an in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Source: faz.net