„On the Border – Europas Grenzen in der Sahara“ zeigt am Beispiel einer Stadt in Niger eindrucksvoll das Scheitern europäischer Antimigrationspolitik
Ein Juwelier und ehemaliger Touristenführer, der mehrere Sprachen spricht und auf Deutsch über bayerisches Bier scherzt, beklagt das Ausbleiben der europäischen Gäste
Foto: Presse
„Man muss wissen, ein Nigrer migriert im Regelfall nicht. Zumindest nicht in Richtung Europa.“ Die Berliner Polizistin Antje Pittelkau ist 2018 Leiterin von EUCAP (European Capacity Building Mission) in Niger. Die zivile Aufbaumission der Europäischen Union bildet „Hand in Hand“ mit den Behörden lokale Polizeikräfte aus, um illegale Migration zu verhindern.
Stolz verweist Pittelkau zu Beginn von On the Border auf den bisherigen Erfolg, den sie sogar Bundeskanzlerin Merkel präsentieren durfte. Sechs Jahre später, nach dem vereinbarten Ablauf des „nichtexekutiven“ Mandats, ist das Ziel eindeutig verfehlt: In Niger, einer ehemaligen französischen Kolonie, regiert seit einem Putsch gegen Präsident Mohamed Bazoum eine Militärjunta mit engen Beziehungen zu Russland und China.
Über einen Zeitraum von knapp sechs Jahren besuchte das österreichische Regieduo Gerald Igor Hauzenberger und Gabriela Schild für On the Border – Europas Grenzen in der Sahara in regelmäßigen Abständen die im Norden des Landes gelegene Stadt Agadez, jahrhundertelang ein florierender Handelsknoten und kultureller Schmelztiegel.
Die fatalen Folgen des „Anti-Schlepper-Gesetzes“
Die Langzeitbeobachtung erweist sich rasch als Vorteil: Statt einer Momentaufnahme rücken die Veränderungen, die das europäische Engagement nach sich zieht, in den Fokus. Bevor auf Betreiben der EU das „Anti-Schlepper-Gesetz“ erlassen wurde, welches Schleusertätigkeiten mit drakonischen Strafen sanktionierte, war Agadez die wichtigste Drehscheibe für den Menschentransport Richtung Libyen.
Das Gesetz aber veränderte durch den Wegfall von Einnahmen das Leben in der Region: Drogenhandel, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Gewalt und Prostitution nahmen rapide zu, auch weil das europäische Versprechen, die negativen Auswirkungen abzufedern, nur bedingt eingehalten werden konnte.
Bei der politischen Einschätzung der Lage stützt sich On the Border ausschließlich auf die Erzählungen zweier einheimischer Männer und einer Frau. Ein Juwelier und ehemaliger Touristenführer, der mehrere Sprachen spricht und auf Deutsch über bayerisches Bier scherzt, beklagt das Ausbleiben der europäischen Gäste.
Die Zeiten der Paris-Dakar-Rallye sind vorbei
Die Zeiten, in denen es noch Direktflüge nach Paris gab und die Rallye Paris–Dakar hier Station machte, sind vorbei. Eine Radiomoderatorin berichtet aus ihrem kleinen Studio über die bevorstehenden Wahlen und die Probleme, die das neue Gesetz für Frauen mit sich bringt.
Im Mittelpunkt steht jedoch ein Mann, mit dem das Regieduo ein offensichtlich besonders vertrauensvolles Verhältnis entwickelte. Rhissa Feltou, der zunächst amtierende und kurz darauf von der Zentralregierung in Niamey seines Amtes enthobene Bürgermeister, wird zum zentralen Protagonisten. Während seine Familie in Straßburg lebt, möchte Feltou seine Heimatstadt nicht verlassen. Als Angehöriger der Tuareg betrachtet er sich als Grenzgänger zwischen den Kulturen, in seiner Freizeit scheitert er daran, die Unmengen von Plastikresten von den Bäumen zu zupfen.
Dem touristischen Blick kann sich On the Border mit teilweise pittoresk anmutenden Bildern dennoch nicht völlig entziehen, etwa wenn die berühmte Große Moschee zum wiederholten Mal die rote Stadt aus Lehm überragt oder die Wüstenlandschaft im Breitbildformat grenzenlos scheint.
Nachdem das Filmteam im Jahr 2023 das Land verlassen musste, gründete die nigrische Militärdiktatur mit den Juntas der Nachbarstaaten Mali und Burkina Faso die „Allianz der Sahelstaaten“. Die Region Agadez, knapp doppelt so groß wie Deutschland, wurde mit dem Ende des europäischen Leuchtturmprojekts zur „High Risk Area“.
On the Border – Europas Grenzen in der Sahara. Gerald Igor Hauzenberger, Gabriela Schild, Österreich 2025, 103 Min.