Erst ein Meme, jetzt ein Trend: Im Netz entdecken junge Hörer den „Divorced Dad Rock“. Warum ausgerechnet die uncoolste Rockmusik der 2000er plötzlich wieder funktioniert.
Plötzlich hören junge Leute wieder Musik, über die das Internet jahrelang Witze gemacht hat: Auf TikTok kursieren Clips, in denen Anfang-Zwanziger mit erstaunlicher Inbrunst Songs von 3 Doors Down, Nickelback oder Staind mitsingen. Streamingdienste führen zahlreiche Playlists mit dem Titel „Divorced Dad Rock“, die millionenfach gehört werden. Und während sich das Netz noch fragt, ob das alles ironisch gemeint ist, sind große US-Tourneen von Bands wie Creed plötzlich wieder ausverkauft. Ein Meme ist zum Pop-Phänomen geworden – und zu einem jener Momente, in denen das Internet sichtbar macht, wie zyklisch Popgeschichte funktioniert.
Die Bezeichnung selbst ist natürlich eine Karikatur. Das Internet liebt solche Figuren: den „Gym Bro“, die „Karen“, den „Sad Boy“. Der „Divorced Dad“ ist eine weitere Meme-Archetypisierung aus den Untiefen der Internetkultur. Er beschreibt jene Rockmusik der späten 1990er- und frühen 2000er-Jahre, die so klingt, als hätte sie ihr emotionales Zentrum irgendwo zwischen Selbstzweifel, Pathos und Vorstadtparkplatz.
Ganz neu ist diese Etikettierung allerdings nicht. „Dad Rock“ war schon früher ein spöttischer Begriff – ursprünglich für Classic-Rock-Bands, deren rebellischer Sound irgendwann zur Musik der Vätergeneration geworden war. „Divorced Dad Rock“ ist nun die Weiterentwicklung und meint keineswegs nur Männer – im Gegenteil. Wer sich durch entsprechende TikTok-Clips klickt, merkt schnell, dass die ironische Begeisterung für diese Musik geschlechterübergreifend und quer durch die Generationen geht.
Ein Meme schafft ein eigenes Genre
Die Besetzungsliste des Genres liest sich wie eine Playlist aus der Zeit, als Rock noch das Autoradio dominierte: Creed, Nickelback, 3 Doors Down, Staind, dazu Bands wie Puddle of Mudd oder Daughtry. Interessant ist allerdings, dass der Begriff „Divorced Dad Rock“ selbst erst den Eindruck eines Genres erzeugt. Die Bands, die heute darunter versammelt werden, hätten sich zu ihrer Hochphase vermutlich nie als gemeinsame Szene verstanden. Streng genommen ist „Divorced Dad Rock“ also weniger ein klar umrissenes Genre als ein nachträgliches Cluster des Internets: Erst das Meme bündelt diese Künstler zu einer ästhetischen Familie.
Dass diese teilweise fast 30 Jahre alte Musik heute wieder auftaucht, hat auch strukturelle Gründe. Plattformen wie TikTok oder Streamingdienste funktionieren längst wie gigantische Poparchive: Alte Songs verschwinden dort nie wirklich, sie warten nur darauf, wieder entdeckt zu werden. Pop wird in dieser Umgebung nicht mehr chronologisch gehört, sondern memetisch.
Gerade Songs aus der Post-Grunge-Ära – oder aus jenem breiten Feld des radiotauglichen Alternative- und Mainstream-Rocks der frühen 2000er – eignen sich dafür erstaunlich gut. Ihre Dramaturgie ist simpel, aber effektiv. Mitsingbarkeit ist TikTok-tauglich. Ein kurzer Clip reicht, und der Song entfaltet wieder genau den Effekt, für den er ursprünglich geschrieben wurde: kollektive Lautstärke.
Als Rockmusik noch Mainstream war
Klanglich ist das, was heute unter „Divorced Dad Rock“ versammelt wird, erstaunlich eindeutig: Schwere Gitarren, viel Hall und Refrains, die mit maximaler Direktheit auf Mitsingbarkeit gebaut sind. Wäre „Divorced Dad Rock“ eine Schriftart, es wäre wohl Comic Sans – nicht besonders subtil, aber mit maximalem Wiedererkennungswert. Das alles soll gefallen. Und zwar sofort.
Um zu verstehen, woher dieser Sound kommt, muss man einen Blick zurück in die 1990er-Jahre werfen. Der Grunge von Bands wie Nirvana, Pearl Jam oder Soundgarden hatte Rockmusik Anfang des Jahrzehnts radikal entglamourisiert – Schwermut statt Pose hieß die Devise.
Doch Popgeschichte hat bekanntermaßen die Angewohnheit, radikale Bewegungen schnell zu domestizieren. Aus dem Grunge entwickelte sich bald ein radiotauglicher Nachfolgesound: Post-Grunge. Die emotionale Schwere blieb, aber sie wurde geglättet, melodischer arrangiert und in größere Produktionen gegossen.
Mitsing-Pathos für die Massen
Post-Grunge markiert damit einen Moment, der heute fast historisch wirkt: eine Phase, in der Rockmusik noch selbstverständlich Mainstream war. Bands liefen im Radio, standen in den Charts und füllten große Hallen. Rock war keine Nischenkultur, sondern Teil der popkulturellen Mitte.
Vielleicht erklärt das auch die Architektur dieser Songs. „Divorced Dad Rock“ ist vielleicht das letzte Kapitel einer Rockära, in der Bands noch selbstverständlich davon ausgingen, dass ein Refrain von 20.000 Menschen gleichzeitig gesungen wird.
Genau das wurde später zum Problem. In der Rockkritik der 2000er-Jahre galten diese Bands schnell als Inbegriff des Uncoolen: zu gefällig, zu kommerziell, zu viel Pathos. Besonders Nickelback wurden über Jahre hinweg zum Lieblingswitz der Internetkultur, der bis heute Bestand hat.
Popgeschichte verläuft in Zyklen
Auch die einstigen Rebellen dieser Ära sind inzwischen sichtbar gealtert. Selbst Figuren, die einmal als aggressive Gegenentwürfe zum Mainstream galten, wirken heute eher wie das, was das Meme beschreibt: Väter. Wenn etwa Fred Durst, einst das rebellische Gesicht von Limp Bizkit, mit grauem Bart und Basecap auftritt, sieht er weniger nach Rockskandal aus als nach jemandem, der gleich den Grill anwirft.
Doch Popgeschichte verläuft selten linear. Genres, die einmal als peinlich galten, kehren irgendwann als Kult zurück: Jede Generation entdeckt irgendwann den vermeintlichen Trash der vorherigen neu. Hinzu kommt ein struktureller Wandel der Popkultur. Streaming hat die alten Coolness-Hierarchien weitgehend aufgelöst.
Früher war klarer definiert, welche Musik als geschmackssicher galt und welche nicht. Heute existieren diese Grenzen kaum noch. In Playlists stehen Indie, Rap, Metal und Nostalgierock direkt nebeneinander. Jeder hört alles, Ironie und Ernst lassen sich dabei kaum noch sauber trennen. So ist es auch mit dem „Divorced Dad Rock“: Man hört ihn ironisch – und merkt spätestens beim zweiten Refrain, dass man längst mitsingt.
Source: tagesschau.de