Vier kräftige Preissenkungen in sechs Wochen: Die Butterpreise befinden sich quasi im freien Fall. Für ein 250-Gramm-Päckchen Butter der Eigenmarken zahlen Verbraucher derzeit nur noch 1,29 Euro. So günstig war das Streichfett seit mehr als zwei Jahren nicht mehr. Besonders die Discounter Aldi und Lidl unterbieten sich fast im Gleichschritt. Kein Wunder, denn vor Weihnachten, wenn die Nachfrage zum Backen steigt, locken niedrige Butterpreise die Kunden in die Läden. Butter gilt als Eckpreisartikel, an dem Verbraucher das allgemeine Preisniveau erkennen. „Butter ist für Sonderangebote ein gern genommenes Produkt“, sagt Björn Börgermann, Geschäftsführer des Milchindustrieverbands. Das Streichfett wird mitunter sogar mit Verlust verkauft. Produkte mit höheren Margen gleichen das dann aus.
Was die Verbraucher freut, sorgt unter Landwirten für Unmut. Die Branche wirft dem Lebensmitteleinzelhandel vor, seine Marktmacht zu nutzen, um die Einkaufspreise zu drücken. Der Deutsche Bauernverband spricht von einem „gefährlichen Preisdumping“ der Discounter. Vizepräsident Karsten Schmal fordert ein sofortiges Ende. „Der Preiskampf darf nicht auf dem Rücken unserer Milchviehhalter ausgetragen werden“, sagt er.
Doch nicht alle beurteilen die Entwicklungen so kritisch. Kerstin Keunecke von der Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft verweist auf das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. In diesem Herbst treffe ein gestiegenes Milchangebot in Deutschland und der EU auf eine verhaltene Nachfrage. Auch der Milchindustrieverband spricht von einer um sechs bis sieben Prozent höheren Milchmenge im Vergleich zum Vorjahr. Das liegt laut Börgermann unter anderem an hochwertigem Futter der diesjährigen Ernte, wenigen Hitzeperioden und verzögerten Effekten aus der Blauzungenkrankheit im vergangenen Jahr, unter der viele Tiere litten.
Hohe Milchmenge drückt den Preis
Zudem lagen die Milchpreise in den vergangenen Jahren auf einem historisch hohen Niveau, was die Produktion weiter angekurbelt hat. Der Markt ist damit derzeit gut versorgt. Auch die gute Qualität der Rohmilch spielt eine Rolle, wie Marktanalystin Keunecke betont. Es ist mehr Fett in der Milch enthalten, sodass für ein Kilogramm Butter weniger Milch benötigt wird.
In der Regel verhandeln die Einkäufer der Discounter mit den Molkereivertretern in unterschiedlichen Abständen, etwa monatlich, über die Abnahmepreise. Aldi Nord und Süd teilen mit, es bestünden „langfristige Partnerschaften“ mit den Lieferanten und „stabile Abnahmemengen“. Etwa 75 Prozent der Milch in Deutschland werden über genossenschaftliche Molkereien vermarktet, an denen die Bauern in der Regel beteiligt sind. Landwirte erfahren dabei meist zwei oder vier Wochen rückwirkend, nachdem die Milch abgeholt wurde, welchen Preis sie für ein Kilogramm erhalten.
Eine fehlende Marktmacht der Erzeuger sieht Otto Strecker nicht. Er ist Geschäftsführer der Beratung AFC, die Unternehmen entlang der Lebensmittelkette berät. „Der Druck des Handels auf die Erzeugerpreise ist existent“, räumt er ein. „Aber die Molkereien verhandeln auf Augenhöhe mit dem Handel.“ Die ausgehandelten Preise orientierten sich am Weltmarkt. Gleichzeitig beobachtet Strecker derzeit eine rasante Abwärtsbewegung der Preise, weil Lidl Aldi unter Druck setzt und die Preisführerschaft herausfordert. „Die Handelsketten testen aus, wie weit sie mit den Preisen runtergehen können und wie weit der andere mitgeht.“
Preissenkung kurbelt Nachfrage nach Butter an
Noch offen ist, wie stark die Landwirte den Preisrutsch zu spüren bekommen werden. Erste Tendenzen zeichnen sich aber schon ab: Die ersten Molkereien haben den Betrag je Kilogramm Milch für die Bauern gesenkt. Im Oktober erreichte der Rohstoffwert Milch mit 39,1 Cent je Kilogramm den niedrigsten Wert seit zwei Jahren und lag damit fünf Cent unter dem Vormonat. Die Preise für Biomilch behaupten sich hingegen stabiler. Sie gelten grundsätzlich als weniger schwankungsanfällig. Viele Molkereien haben weitere Preissenkungen angekündigt. Agrarverbände warnen, dass bei steigenden Produktionskosten und Investitionen in Tierwohl und Nachhaltigkeit größere Preissenkungen nur schwer verkraftbar seien.
Umgekehrt berichtet die Kemptener Butter- und Käsebörse, dass seit der Preissenkung wieder mehr Verbraucher Butter kaufen. Und Marktanalysten erwarten trotz aller Turbulenzen langfristig weiterhin eine hohe Nachfrage nach Milchprodukten auf der Welt. Das dürfte auch für deutsche Milchviehhalter, deren Milch zu etwa der Hälfte in den Export geht, ein gutes Vorzeichen sein. Laut International Dairy Federation wird die Nachfrage in den nächsten zehn Jahren das Angebot übersteigen.
Tatsächlich können die meisten Bauern aber nur hoffen, für ihre Milch einen auskömmlichen Preis zu erhalten, sofern sie nicht eigene Vermarktungswege nutzen. Nach Ansicht von Landwirt Jann-Harro Petersen von der Interessenvertretung Freie Bauern wäre mehr Planungssicherheit durch feste Verträge über Zeitraum, Menge, Preis und Qualität sinnvoll – ähnlich wie in anderen Branchen. Nur dies schaffe die nötige Planungssicherheit. Das habe nichts mit Planwirtschaft zu tun, wie oft behauptet werde, sagt er. Ähnlich äußert sich auch Carsten Schnakenberg. Der Landwirt und Vizepräsident des Bremischen Landwirtschaftsverbands kritisiert, wie Handel und Molkereien Kontrakte vereinbaren. Darin würden zwar Preis und Lieferzeitraum festgelegt, nicht aber die Menge – der entscheidende Faktor. In vielen anderen Sektoren sei das üblich und würde auch für Milchviehhalter mehr Planbarkeit schaffen. „Wir müssen die Position der Molkereien gegenüber dem Handel stärken, und nicht die Position der Bauern gegenüber den Molkereien“, fordert er. Damit spielt er auch auf die neuen Pläne aus Brüssel an.
Monopolkomission nimmt Lebensmittelhandel unter die Lupe
Die EU-Kommission will es Mitgliedstaaten erlauben, die Milchbauern zu verpflichten, mit Molkereien schriftliche Lieferverträge über Preis, Menge und Laufzeiten abzuschließen. In der Branche kommt das jedoch nicht überall gut an. Auch Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) äußerte sich kritisch. Er fürchtet neue Bürokratie durch solche Vertragspflichten. Auch die Molkereien warnen davor, dass Landwirten damit auch höhere Preise entgehen könnten und der Milchsektor sich bisher gut selbst organisiert habe.
In Deutschland ist der LEH wegen seiner Marktmacht seit Jahren im Fokus. Die vier größten Lebensmittelhändler kontrollieren inzwischen mehr als 85 Prozent des Marktes. „Deutschland ist als Mutterland des Discounts der härteste Lebensmittelmarkt der Welt“, sagt Berater Strecker. Der Druck der Discounter habe Anbieter wie Tengelmann und Real aus dem Markt gedrängt. Die Monopolkommission hat sich näher mit der Marktmacht befasst. Am Freitag erscheint dazu ein Gutachten.