Diktatur | Die letzten Tage von Alexandria

Bestsellerautor Alaa al-Aswani beschreibt, wie Nationalismus und Misstrauen eine ganze Stadt verstummen lassen

Fat Tony liebt Schokolade und seine Heimatstadt Alexandria. Er baut eine Schokoladenfabrik und „Mimi“, die Gazelle, wird sein Markenzeichen. Tony Kazan, dessen griechischer Vater 1915 vor den Osmanen nach Ägypten floh, ist ein vorbildlicher Arbeitgeber. Für eine Ehe hat er keine Zeit, doch auch die ihm dienlichen Sexarbeiterinnen behandelt der Menschenfreund mit dem „näselnden britischen Akzent“ stets gut. Das Geschäft brummt, und bald produziert der beleibte Feingeist die erste weiße Schokolade in der arabischen Welt. Tony ist Teil des „Caucus“, einer Clique enger Freunde, die sich regelmäßig im legendären Lokal Artinos treffen und tiefsinnig diskutieren. Dazu gehören etwa die Französin Chantal mit ihrer Buchhandlung Balzac sowie Carlo, der Frauenliebhaber italienischer Herkunft, oder Abbas, der unbestechliche Staranwalt und Anhänger der Wafd-Partei. Eine Rolle spielen auch der liebenswerte Haschischhändler Adli und die Tänzerin Niamat.

Es ist die Zeit des Panarabismus unter dem sozialistischen Präsidenten Gamal Abd an-Nasser. Die Suez-Krise von 1956 hat Spuren hinterlassen, und Ausländer sind im Land nicht mehr wohlgelitten: Nationalismus verdrängt Weltoffenheit. Jüdische und ausländische Bürger müssen Alexandria verlassen. Aber Nasser ermöglicht auch freie Bildung und das Frauenwahlrecht und bekämpft die Muslimbruderschaft.

Dies ist die historisch-politische Kulisse des Romans von Alaa al-Aswani. Filmreif verwebt der ägyptische Schriftsteller die Biografien verschiedenster Bewohner Alexandrias. Der renommierte Bestsellerautor gehörte 2011 zu den treibenden Kräften des Arabischen Frühlings, er lebt im New Yorker Exil. Sein neues Werk ist eine Hommage an die Mittelmeerstadt Alexandria, einst eine kulturelle Weltstadt, die er als seine „zweite Liebe“ bezeichnet. „Wo sonst auf der Welt findest du eine … Stadt, in der du dir bei einem griechischen Friseur die Haare schneiden lässt und in einem Restaurant zu Mittag speist, das sich im Besitz eines italienischen Ehepaars befindet … und du dich, wenn du ein rechtliches Problem hast, von einem armenischen Anwalt vertreten lässt? Wie viele Städte auf der Welt feiern – mit derselben Inbrunst und Freude – die Feste der Muslime, der Kopten und Orthodoxen, der Katholiken, Protestanten und Juden?“, lässt al-Aswani den Schriftsteller und Künstler Anis sagen.

Anis ist der einzige Ich-Erzähler in dem vielstimmigen Buch. Er ist der Chronist der Ereignisse, er streift durch die Cafés und beobachtet die Menschen. „In Alexandria waren mal Toleranz, Nächstenliebe und Menschlichkeit üblich. Und all das nimmt von Tag zu Tag ab“, sagt er. Nassers Militärregime entwickle sich zum Feind der Kultur und der damit verbundenen Vielfalt und Lebendigkeit.

Spitzelei und Denunziation engen die Existenz der Charaktere nun weiter ein. Tonys Buchhalter Galil ist ein niederträchtiger, kleingeistiger Opportunist. Sozialistische Ideen sind sein Lebenselixier, seine Verehrung des Präsidenten hat etwas lächerlich Naives. Galil schnüffelt in der Nachbarschaft, um „Reaktionäre und Verschwörer“ zu verfolgen. So gelingt ihm ein Schlag gegen die Muslimbrüder, er zerstört aber auch das Leben eines kritisch eingestellten Kapitäns. Reue setzt bei ihm erst ein, als Tonys Fabrik verstaatlicht und dessen Lebenswerk zerstört wird, weshalb er das Land verlässt.

Lydda, die Besitzerin des Artinos, erzählt von einer Seherin aus vorislamischer Zeit, die Angriffe von Feinden vorhersah. Doch als sie vor Bäumen warnte, die umherstreifen, nahm man sie nicht mehr ernst. Mit Zweigen getarnte Gegner zerstörten daraufhin ihren gesamten Stamm. In al-Aswanis zartem und melancholischem Roman streifen die Bäume durch Alexandria. Die Feinde sind hier die Nationalisten, die die Vielfalt von Kultur nicht schätzen, sondern als Bedrohung bekämpfen – eine Parabel auf die gegenwärtige Zeit.

Die Bäume streifen durch Alexandria Alaa al-Aswani Markus Lemke (Übers.), Hanser 2025, 448 S., 30 €

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