„Dieses Lager passt zur Rückzugsbewegung des Varus“

Liegt das Schlachtfeld, auf dem im Jahr 9 n. Chr. die Germanen die Römer besiegten, tatsächlich in Kalkriese im Osnabrücker Land? Nein, sagt der Archäologe Stephan Berke. Er glaubt, bei Bielefeld ein Marschlager ausgemacht zu haben, dessen Lage weitaus besser mit den antiken Berichten übereinstimmt.

Mehr als 700 Theorien wurden schon aufgestellt, wo einst die Varusschlacht stattgefunden haben soll. Die jahrhundertelange Diskussion schien erst beendet zu sein, als Ende der 1980er-Jahre in Kalkriese im Osnabrücker Land Funde gemacht wurden, die auf ein Schlachtfeld hindeuteten. Bis heute wird dort geforscht. Das zugehörige Museum ist eine vielbesuchte Touristenattraktion. Und die Mehrheit der Wissenschaftler scheint mittlerweile davon auszugehen, dass der mythische Ort gefunden ist, an dem die Germanen unter ihrem Anführer Arminius den römischen Feldherrn Varus und seine drei Legionen geschlagen haben. Der Archäologe Stephan Berke will allerdings eine Entdeckung gemacht haben, die dagegen spricht. 

WELT: Herr Berke, ich dachte, die Suche nach dem Ort der Varusschlacht sei beendet und Kalkriese als Fundort anerkannt.   

Stephan Berke: Kritische Stimmen der Fachwelt gab es immer, sie sind nur in der breiteren Öffentlichkeit nicht wahrgenommen worden. So entstand möglicherweise der Eindruck, es gäbe keine Diskussion mehr darüber.

WELT: Können Sie in wenigen Sätzen erklären, was gegen Kalkriese als Ort der Varusschlacht spricht?  

Berke: Ich versuche es mal mit zwei wichtigen Argumenten. Zunächst ging man davon aus, man könne die Münzfunde in Kalkriese sicher auf das Jahr 9 nach Christus datieren, also auf die Zeit der Varusschlacht. Mittlerweile hat sich aber herausgestellt, dass diese Datierung so nicht möglich ist. Das zweite gewichtige Argument ist, dass eine Verortung in Kalkriese einfach nicht zu den Quellen der Antike passt. Tacitus schildert sehr klar, wie der Feldherr Germanicus, der wenige Jahre nach der Niederlage des Varus das Schlachtfeld aufsucht, von der Nordsee kommend die Ems flussaufwärts marschiert – und am Ende zwischen dem Oberlauf der Lippe und dem Oberlauf der Ems steht, also irgendwo östlich von Lippstadt. Von dort sei es „nicht weit“, so schreibt Tacitus, zum Ort der Varusschlacht. Durch Vergleiche mit anderen Texten können wir davon ausgehen, dass er damit keine vier oder fünf Tagesmärsche meint, sondern maximal 20 oder 25 Kilometer. Damit scheidet Kalkriese aus. Wer sagt, die antiken Schreiber hätten es mit ihren Beschreibungen nicht allzu genau genommen, macht es sich zu einfach. Es gab ja Überlebende dieser Schlacht, und deren Berichte und Erinnerungen sind sicherlich in die Geschichtsschreibung eingegangen.  

WELT: Dennoch hörte man zuletzt nur noch von unbelehrbaren Hobbyforschern, der Ort der Varusschlacht müsse in Westfalen gesucht werden.  

Berke: Es war eben jahrzehntelang so, dass es in Kalkriese Funde aus augusteischer Zeit gab, die auf ein Kampfgeschehen zurückzugehen scheinen. Man konnte als Wissenschaftler zwar anzweifeln, dass das allein schon als Beleg für die Varusschlacht ausreicht. Aber man konnte keinen positiven Gegenvorschlag machen, weil es keinen Befund an anderer Stelle gab, der infrage gekommen wäre. Deswegen haben sich die Kolleginnen und Kollegen zurückgehalten. Aber das hat sich meiner Meinung nach geändert.

WELT: Sie haben kürzlich einen Forschungsbeitrag veröffentlicht, in dem Sie ein Römerlager bei Bielefeld-Sennestadt in Zusammenhang mit der Varusschlacht bringen. Das müssen Sie erklären.

Berke: Ende der 2010er-Jahre hat ein ehrenamtlicher Mitarbeiter des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe auf den online verfügbaren Lidar-Scans die Umrisse eines römischen Marschlagers entdeckt.

WELT: Zur Erklärung: Ein Lidar-Scan ist eine Geländekarte, die von einem Satelliten aus mithilfe von Laserstrahlen erstellt wird. Darauf werden auch kleinste Bodenunebenheiten sichtbar.

Berke: Genau. Das darauf erkennbare Lager liegt an einem Pass, der über den Teutoburger Wald führt. Bei einer archäologischen Grabung hat man dann auch die typischen Wall-Graben-Strukturen eines römischen Marschlagers im Gelände gefunden.

WELT: Ist das so erstaunlich? Immer wieder werden Römerlager in Westfalen entdeckt.

Berke: Dieses Lager hat aber einige besondere Merkmale. Es besteht aus einem nicht sehr tief ausgehobenen Graben und einem nicht sehr hoch aufgeworfenen Wall. An der Ostseite lehnt es sich an ein bis zu vier Meter tiefes Bachtal an – dort konnte man also auf das Ausheben eines Walls verzichten. All das sind Indizien dafür, dass man es eilig hatte; und dass man sich Arbeit ersparte, so gut es nur ging. Außerdem weisen zwei sogenannte Clavicula-Tore auf eine Bedrohungssituation oder gar einen Kampf hin. 

WELT: Clavicula-Tore? Das müssen Sie erklären.

Berke: Clavicula-Tore sind winkelförmig nach innen eingezogene Eingangsanlagen an römischen Lagern. Es sind gut zu kontrollierende Sicherheitstore. Man hat sie immer dann errichtet, wenn Gefahr im Verzug war. In Westfalen kennen wir bisher nur in Haltern ein zweites Lager, das ebenfalls solche nach innen eingezogenen Tore aufweist. Auch dort hat man die Tore in einer Bedrohungslage eingebaut.

WELT: Sie nannten vorhin die antiken Quellen zur Geografie der Varusschlacht. Wie passt das Bielefelder Römerlager zu diesen Beschreibungen?   

Berke: Nahezu perfekt. Es liegt rund 23 Kilometer von Lippstadt entfernt, wo wir ungefähr den beschriebenen Standort des Germanicus vermuten können, von wo aus er sich im Jahr 15 zum Varus-Schlachtfeld aufgemacht hat. Diese Distanz war von einer römischen Legion gut an einem Tag zu bewältigen.

WELT: Das Lager bei Bielefeld-Sennestadt wurde 2017 entdeckt, 2018 wurde es von den Archäologen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe der Öffentlichkeit vorgestellt. Damals war nicht von einem Lager im Zusammenhang mit der Varusschlacht die Rede. Warum kommen Sie erst jetzt mit Ihrer Interpretation?

Berke: Wir Römer-Archäologen sind es gewohnt, in Westfalen immer von Westen nach Osten zu schauen, vom Rhein in Richtung Weser. Das ist die Richtung, die die römischen Feldherren bei der Eroberung Germaniens eingeschlagen haben. So kommt es, dass ich in einem früheren Aufsatz dieses Lager einem Feldzug des Germanicus aus den Jahren 14 bis 16 nach Christus zugeordnet habe, also ebenfalls einer Truppenbewegung von West nach Ost. Doch irgendwann hat es bei mir klick gemacht. Mir wurde plötzlich klar, dass das Lager zur Rückzugsbewegung des Varus passt, der mit seiner Legion an der Weser aufgebrochen ist – und unter mehreren Angriffen der Germanen versucht hat, sich in Richtung Westen in sicherere Gefilde an der Lippe zurückzuziehen.

WELT: Können Sie uns die Vorgänge im Jahr 9 noch einmal näherbringen?

Berke: Laut den verfügbaren Quellen lief die Sache so ab: Varus befindet sich mit seinen drei Legionen an der Weser, als ihn die Nachricht erreicht, es sei an einem uns unbekannten Ort ein Aufstand ausgebrochen. Also zieht er mit seinen Truppen, dem Kern von drei Legionen, Hilfstruppen und einem Troß, dem auch Zivilisten angehören, los. Alles in allem sind das schätzungsweise um die 15.000 Personen. Doch beim Marsch durch einen Wald geraten sie in einen Hinterhalt. Am Abend wird ein Lager errichtet. Am zweiten Tag marschieren die Legionäre in Formation weiter, also mit Absicherungen, trotzdem starten die Germanen auf einer eher offenen Fläche Dauerangriffe. Es gibt große Verluste. Abends wird das zweite Lager errichtet. Am dritten Tag kommt es wieder zu Angriffen und vielen Toten, dieses Mal in einer Engstelle im Wald. Für diesen dritten Tag wird zwar die Errichtung eines Lagers nicht ausdrücklich erwähnt, aber wir können davon ausgehen, dass es ein solches Lager gegeben hat. Das römische Militär hat immer Lager für die Nacht errichtet. Am vierten Tag dann umzingeln die Germanen die übrig gebliebenen Legionäre, der römische Widerstand ist gebrochen, Varus begeht Selbstmord. Übrigens: In Kalkriese hat man bisher keines der erwähnten Römerlager finden können.

WELT: In Bielefeld-Sennestadt ist es genau umgekehrt: Dort konnte man außer den Gräben und Wällen des Lagers bisher nichts im Boden entdecken, was auf die Anwesenheit einer römischen Legion schließen lässt. Keine Münzen, keine Rüstungsteile, keine Waffen.

Berke: Es gibt verschiedene Gründe, warum man in diesem mutmaßlich letzten Varus-Lager bisher keine Funde gemacht hat. Schon am ersten Kampfabend hat das römische Heer große Teile des Trosses verbrannt. Wagen, Radreifen, Achsen wurden zurückgelassen. Man warf immer mehr weg, um schneller voranzukommen. Dazu kommt, dass die Germanen sicher Beute machten und Germanicus wenige Jahre später alle Toten einsammelt. Es hat also eine intensive Säuberung des Schlachtfeldes stattgefunden. Aber natürlich müssen irgendwelche Reste noch im Boden vorhanden sein. Man müsste eine systematische Prospektion starten – nicht nur im Lager, sondern auch im Umland.

WELT: Sie sprachen eingangs davon, dass man zunächst dachte, das Schlachtfeld in Kalkriese auf das Jahr 9 nach Christus datieren zu können. Warum ist diese Datierung ins Wanken gekommen?

Berke: Die Argumentation lief stets so: Das Spektrum der in Kalkriese gefundenen Münzen sei vergleichbar mit dem Münzspektrum im Römerlager in Haltern, also müsse beides ungefähr derselben Zeit zuzuordnen sein. Und weil man lange Zeit annahm, das Lager in Haltern habe nur bis ins Jahr 9 existiert, schien der Fall klar. Doch mittlerweile hat sich herausgestellt, dass das falsch ist.

WELT: Und warum?

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Berke: Wir haben in Haltern ein großes römisches Gräberfeld, das große Zerstörungen aufweist. Diese Zerstörungen, die es auch an anderen Stellen im Lager gibt, können den germanischen Aufständen und der Krisensituation um das Jahr 9 zugeordnet werden. Doch über dieser Zerstörungsschicht sind neuere römische Schichten gefunden worden. Haltern muss also noch nach der Varusschlacht Bestand gehabt haben – vermutlich bis ins Jahr 16 oder 17 nach Christus. Damit ist auch die Datierung von Kalkriese auf das Jahr 9 hinfällig. Auf anderen Wegen kommt auch die Bonner Wissenschaftlerin Uta Schröder in ihrer eben erst erschienenen Dissertation zu einem ähnlichen Ergebnis: Es lasse sich keine sichere Datierung für Kalkriese ermitteln, schreibt sie.

WELT: Sie selbst waren als Archäologe an vielen römischen Grabungen beteiligt. Sie haben an Universitäten junge Archäologen ausgebildet. Mittlerweile sind Sie im Ruhestand und müssen keine Rücksicht mehr auf die Befindlichkeiten von Kollegen etwa in Kalkriese nehmen. Ist auch das ein Grund, warum Sie gerade jetzt mit einer neuen Theorie zur Varusschlacht an die Öffentlichkeit gehen?

Berke: Nein. Ich hatte auch früher keine Probleme damit, zu sagen, was ich denke. Meine neuerliche Beschäftigung mit diesem Thema hat mit der Ausstellung zum 150-Jahr-Jubiläum des Hermannsdenkmals zu tun, die im Moment im Lippischen Landesmuseum in Detmold zu sehen ist. Ich war dort als Kurator tätig und sollte einen Beitrag für einen Jubiläumsband verfassen. Und wenn man in Lippe etwas dazu schreibt, muss man natürlich die Varus-Schlacht im Blick haben – schließlich ist diese Schlacht der Grund, dass dort dieses Denkmal steht. So habe ich noch einmal intensiv über die Zusammenhänge nachgedacht. Übrigens war es Ernst von Bandel, dem Erbauer des Denkmals, völlig egal, wo diese Schlacht genau stattgefunden hat. Er hat einfach einen schönen Punkt gesucht, von wo man eine prima Aussicht in die Ebene hinein hatte. Irgendwo da unten, so dachte er sich, wird das schon gewesen sein.

WELT: Und, hat er zufällig richtig gelegen? Wie weit ist das Römerlager Sennestadt vom Hermannsdenkmal entfernt?

Berke: Das sind rund 15 Kilometer Luftlinie. Wenn sie oben auf dem Umgang des Denkmals stehen, können Sie tatsächlich den Platz in Sennestadt sehen.

WELT: Wer sich bei diesem Thema zu Wort meldet, muss damit rechnen, dass er viel Zustimmung, aber auch viel Gegenwind bekommt.

Berke: Es hält sich bisher in Grenzen. Als ich vor Jahren mal in einem Interview Kritik an der Verortung der Varusschlacht in Kalkriese geübt habe, bekam ich anonyme Anrufe. Das könne ich doch nicht machen, hieß es da. Das Museum und der archäologische Park bringe viele Besucher in die Region und sichere Arbeitsplätze und so weiter. Dieses Mal sind solche Anrufe bislang ausgeblieben.

Stephan Berke, geboren 1977 in Lingen (Ems), studierte Klassische Archäologie, Ur- und Frühgeschichte, Geschichte und Germanistik an der Universität Münster. Dort wurde er promoviert. Später war er an den Universitäten in Münster und Trier Lehrbeauftragter. Er leitete römerzeitliche Grabungen u.a. in Haltern, arbeitete 2009 am Ausstellungsprojekt „2000 Jahre Varusschlacht“ mit und kuratierte 2025 die Ausstellung „Denk:Mal! 150 Jahre Hermannsdenkmal“ am Landesmuseum Detmold.

afa

Source: welt.de

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