Der deutsche Angriff auf Verdun 1916 folgte nicht einfach zynischem Kalkül, wie lange angenommen. Die kaiserliche Heeresleitung analysierte ihr Scheitern und entwickelte daraus eine Taktik, die 1917/18 mit Erfolg eingesetzt wurde.
Die Schlacht um die Festung Verdun im Jahr 1916 ist Symbol für die Sinnlosigkeit der Materialschlachten des Ersten Weltkriegs. Obwohl in den von Februar bis Dezember dauernden Kämpfen rund 350.000 Franzosen und Deutsche ihr Leben verloren und mehr als 400.000 schwer verwundet wurden, verharrten die erschöpften Armeen am Ende in den gleichen Stellungen, die sie am Beginn der Schlacht am 21. Februar eingenommen hatten. Daran hatten auch bis zu 60 Millionen verschossene Granaten nichts geändert.
Über Jahrzehnte hinweg wurde die Schlacht als Ausbund einer ebenso zynischen wie einfallslosen Strategie gedeutet, mit der die französische Armee bis zum „Weißbluten“ abgenutzt werden sollte. Dabei berief man sich auf die sogenannte „Weihnachtsdenkschrift“, in der der Chef der (zweiten) Obersten Heeresleitung, Erich von Falkenhayn, Ende 1915 Kaiser Wilhelm II. seine Pläne für die unter größter Geheimhaltung vorangetriebenen Vorbereitungen für die „Operation Gericht“ an der Maas vorgetragen haben soll, wie er in seinen 1920 erschienenen Memoiren berichtet. Diese Quelle wurde jedoch bislang nicht gefunden.
Neue Analysen zeichnen ein differenzierteres Bild. Danach wollte Falkenhayn mit begrenzten Kräften – zehn kriegsstarken Divisionen, rund 150.000 Mann – die beherrschenden Höhen bei Verdun auf dem Ostufer der Maas mit einem überraschenden Vorstoß einnehmen und die damit provozierten Gegenangriffe der Franzosen im Feuer der schweren deutschen Artillerie „ausbluten“ lassen. Zur Entlastung, so der Plan, würden die Briten im Artois überstürzt eine Offensive vortragen. Nach deren Abwehr seien die Linien der Entente so geschwächt, dass ein entscheidender Durchbruch für einen Siegfrieden möglich würde.
Das Kalkül ging bekanntlich nicht auf. Die Franzosen leisteten hartnäckigen Widerstand, der den Einsatz immer größerer deutscher Ressourcen erforderte, was zu einer beiderseitigen „Abnutzung“ von entsetzlichem Ausmaß führte. Und die britische Großoffensive an der Somme blieb zwar im deutschen Abwehrfeuer liegen, doch waren die Verluste auf beiden Seiten derart hoch (rund 900.000 Tote und Verwundete), dass an einen deutschen Gegenschlag nicht zu denken war. Stattdessen wurde Falkenhayn durch Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff ersetzt, die die Schlacht um Verdun abbrachen und die deutsche Front auf die verkürzte Siegfriedstellung zurücknahmen.
Obwohl die blutigen Lehren von Verdun und Somme das Patt im Grabenkrieg – zumindest im Westen – mit brutaler Schonungslosigkeit offengelegt hatten, gingen die Materialschlachten weiter. Dabei hatte zumindest die deutsche Seite wirkungsmächtige Schlussfolgerungen aus dem Sterben an der Maas gezogen, wie der Militärhistoriker Christian Stachelbeck in einem Aufsatz in der Zeitschrift „Militärgeschichte“ des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr ausführt: „Die Schlacht war ein Beispiel für das taktische Lernen des deutschen Heeres im technisierten Gefecht der verbundenen Waffen“, urteilt der ausgewiesene Fachmann für den Ersten Weltkrieg.
Bereits die deutschen Vorbereitungen für die Verdun-Schlacht orientierten sich an bisherigen Kämpfen des Krieges: So hatte das schnelle Umschalten von überfallartiger Artillerievorbereitung auf den folgenden Massenangriff gemischter Kampfgruppen aus Feld- und schwerer Artillerie im Mai 1915 den Mittelmächten den Durchbruch an der Ostfront bei Gorlice-Tarnow ermöglicht, die größte mobile Operation des Ersten Weltkriegs.
Die Eroberung von Namur und Maubeuge 1914 im Westen galt als Vorbild für das „beschleunigte Angriffsverfahren“, mit dem schwer bewaffnete Festungen nicht umständlich eingeschlossen, sondern aus der Bewegung von schwerer Artillerie und unmittelbar danach von „tatkräftig zufassender Infanterie“ eingenommen worden waren, wie es in einem amtlichen Papier hieß.
Daher wurden für die „Operation Gericht“ nicht nur 1000 Geschütze, sondern auch Pioniergruppen mit transportablen Minenwerfern sowie Flugzeuge und Luftschiffe bereitgestellt. Dass ihnen der Durchbruch dennoch nicht gelang, lag an der Opferbereitschaft der Verteidiger, denen es gelang, die Nachschubverbindung über den Voie Sacrée (Heiligen Weg) offenzuhalten. Um diese zu durchbrechen, hätte Falkenhayn für die Offensive mehr als nur die deutsche 5. Armee ansetzen müssen.
Noch während deutsche und französische Soldaten aufs immer Neue in die „Blutmühle“ von Verdun geschickt wurden, begann Falkenhayn mit der Auswertung und Verteilung von Gefechtsverfahren. „Der Wissenstransfer erfolgte maßgeblich über schriftlich verfasste Erfahrungsberichte“, schreibt Stachelbeck. Darin ging es zum einen um die Optimierung der Feuerwalze der Geschütze. Um der Infanterie genügend Schutz beim Vorrücken zu geben, sollte das Artilleriefeuer alle fünf Minuten um 300 Meter vorverlegt werden. Da in dem von Granattrichtern, Stacheldraht und gegnerischen Feldbefestigungen durchzogenen Niemandsland die Infanterie in dieser Frist nicht folgen konnte, wurde der Zeitplan auf hundert Meter alle sechs Minuten korrigiert.
Der zweite Schwerpunkt in den Analysen bildeten Kommunikation und Führung vor Ort. Denn schwierige Sichtverhältnisse und die Zerstörung von Telefonleitungen erforderten eine „Dezentralisierung der Befehlsverhältnisse“, sowohl in der Feuerleitung der Artillerie als auch in den Einheiten auf dem Schlachtfeld. Das Ergebnis war die Formierung von Sturmbataillonen, die als Stoßtrupps durch Schwachstellen das feindliche Grabensystem infiltrieren und mit Handgranaten, Flammenwerfern, leichten Maschinengewehren und tragbaren Minenwerfern die Lücke für die nachfolgenden Wellen erweitern sollten.
Als Voraussetzung dafür wurde den verantwortlichen Offizieren und Unteroffizieren vor Ort ein großes Maß an Selbstständigkeit zugestanden, die das preußische Ideal der Auftragstaktik, die Kommandeuren bei der Erfüllung eines Auftrages erhebliche Freiheiten ließ, auch auf die Ebene der Kompanien und Stoßtrupps verlegte. Ausgerechnet ein Mann wie Ludendorff, der in der Weimarer Republik als Partner Hitlers agierte, machte nach Stachelbeck als Generalquartiermeister der Obersten Heeresleitung diese „Individualisierung der Taktik“ zur Schlüsselkompetenz der kaiserlichen Armee.
Seit Ende 1916 wurden die Ausbildungsvorschriften des Heeres „laufend anhand neuer Gefechtserfahrungen aktualisiert und so für die Ausbildung der Truppe schnell nutzbar gemacht“, schreibt Stachelbeck. In den schweren Abwehrschlachten 1917, in denen die personelle Überlegenheit der Entente immer schwerer ins Gewicht fiel, wurde diese Taktik auch in der beweglich geführten Tiefenverteidigung eingeführt. Mit dem Stoßtruppverfahren gelangen den Mittelmächten im Oktober 1917 am Isonzo der Durchbruch durch die italienischen Linien und – zusammen mit einer neuen exakten Feuerleitung der Artillerie – im Frühjahr 1918 die Anfangserfolge in den Großoffensiven im Westen.
Zwar verlor das Kaiserreich am Ende den Krieg. Aber die Lehren aus den Materialschlachten fanden 1921 Eingang in das Kampfreglement der Reichswehr, zumal für „Führung und Gefecht der verbundenen Waffen“. „Die hier fixierten Richtlinien deutscher Truppenführung gelten im Grundsatz bis heute“, resümiert Stachelbeck.
Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte der Erste Weltkrieg zu seinem Arbeitsgebiet.
Source: welt.de