Eine junge Frau forscht ihren Junkie-Eltern nach, die jung an Aids starben, und stößt dabei auf Familientabus. „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“, der autobiografische Film der spanischen Berlinale-Siegerin Carla Simón, erzählt von der langen Reise zur Wahrheit.
Ob sie krank sei, wird Marina von ihren kleinen Cousins und Cousinen gefragt, in einem Moment, als die so nett und offen scheinende Tante gerade nicht mithört. Die hätte ihnen nämlich eingeschärft, Marina nicht zu berühren. Sie ist zu Besuch aus dem fernen Barcelona nach Vigo an der Atlantikküste gekommen. Es gibt offensichtlich Tabus in dieser Familie, die Marina gar nicht so gut kennt, weil sie als kleines Mädchen zur Adoption freigegeben worden war. Ihre Eltern waren jung gestorben.
Marina, 18 Jahre alt, will Film studieren, und für ein Stipendium braucht sie einen Geburtsnachweis. Doch auf den Dokumenten ihres leiblichen Vaters ist sie nicht eingetragen. Neben diesem praktischen Anlass ihrer Reise begibt sie sich mit dem nachgelassenen Tagebuch ihrer Mutter auf Spurensuche mit ihrer Digitalkamera. Wie haben ihre Eltern gelebt? Wann hat die Mutter den Vater verlassen? Was ist eigentlich genau passiert damals? Die Verwandten, die sie befragt, können sich nicht einmal auf den damaligen Wohnsitz einigen. Hatten sie vielleicht gar keinen?
Die 1986 geborene Carla Simón, 2022 Berlinale-Gewinnerin mit „Alcarràs – Die letzte Ernte“, erzählt in ihrem neuen Film „Romería“ erneut eine von ihrer eigenen Familie inspirierte Geschichte. Beide Eltern der Regisseurin starben Anfang der 1990er an Aids. Auf der Grundlage von Briefen schrieb sie das Tagebuch von Marinas Mutter, das aus dem Off zitiert wird. Der autofiktionale Film erzählt auch davon, wie Simón in der Begegnung mit ihrer Vergangenheit zu sich selbst und zu ihrer künstlerischen Berufung fand. Mit Marinas verwackelten, unscharfen Aufnahmen hat die Regisseurin sozusagen ihre eigenen Anfänge in den Film hineingeschnitten.
Allmählich setzt sich aus den Erzählungen der Familie ein Mosaik zusammen, das auch ein Gesellschaftsbild der galizischen Provinz in den 1980er-Jahren ergibt. Es ist die Post-Franco-Zeit, in der jugendliche Träume von grenzenloser Freiheit und radikaler Selbstbestimmung auf die immer noch starren bürgerlichen Konventionen trafen. Von Aids durfte nicht gesprochen werden, von der Heroinsucht, die die Familie zerstörte, auch nicht.
Llúcia Garcia spielt Marina, das Alter Ego der Regisseurin, mit einer großartigen Mischung aus Unschuld, Verletzlichkeit und der Bestimmtheit einer neuen Generation, die sich von den Lügen und Ausflüchten der Älteren nicht mehr einschüchtern lässt. Sie ist hin- und hergerissen zwischen der Unbeschwertheit eines Sommerurlaubs am Meer, der unterschwelligen Erotik zu ihrem Cousin Nuno (Mitch Robles) und dem Flackern einer nicht exakt bestimmbaren Bedrohung, die von der Vergangenheit ins Heute ragt – die Handlung spielt 2004, also zwei Jahrzehnte später. Ein Bruder des Vaters, selbst schwer von der Vergangenheit gezeichnet, zeigt Marina die vergammelte Segelyacht, die einst der Schauplatz wilder Drogenpartys war und zugleich auch als Schmugglerschiff diente.
„Romería“ bedeutet Pilgerfahrt, und schon wegen der örtlichen Nähe zum Jakobsweg sind religiöse Konnotationen nicht weit. Marina sucht in der imaginären Wiederbegegnung mit ihren Eltern eine Art von Erlösung, zumindest eine Befreiung aus dem quälenden Labyrinth ihrer Identitätssuche. Eine der den Film als Zwischentitel strukturierenden Fragen lautet, ob die Blutsverwandtschaft schon Grund genug für die Zugehörigkeit zu einer Familie ist.
Während der erste Teil des Films sich in entspanntem Tempo der Suchbewegung Marinas hingibt, nimmt der zweite mit imaginierten Rückblenden dramatisch Fahrt auf. Aus der wohltemperierten Gegenwart geht es in die Exzesse der 80er, als die durch harte Drogen zusätzlich angefachte Aufbruchsstimmung in die Hölle von Sucht, Krankheit und sozialer Isolation kippte.
Die Identifikation mit einer Mutter, die sie kaum gekannt hat, lässt Carla Simón in Rückblenden gipfeln, in denen Llúcia Garcia die hippiesk-fragile Mutter und der Nuno-Darsteller Mitch Robles den charismatischen Vater spielen. Wunderschöne Szenen in der galizischen Küstenlandschaft zeigen ein Paar auf dem Höhepunkt gemeinsamen Glücks. Marina stellt sich die naheliegende Frage, ob sie selbst in jenen Jahren nicht den gleichen fatalen Weg eingeschlagen hätte. Die Versuchung durch Alkohol, Joints oder irgendwelche Partypillen ist auch für sie immer vorhanden. Der Film ist nebenbei eine – nicht zu pädagogisch-holzhammerhafte – Warnung vor Rauschmitteln aller Art. Doch Marina versucht auch zu verstehen, worin die Faszination des Kontroll- und Ich-Verlusts besteht.
Einem ähnlichen Wiederholungszwang ist sie auch in der Begegnung mit der Familie ausgesetzt, insbesondere mit dem selbstgefälligen Patriarchen von Großvater und mit einer Großmutter, die von der Pflege ihres schamhaft versteckten todkranken Sohns einen neurotischen Sauberkeitswahn zurückbehalten hat. In einer Schlüsselszene von furchtbarster Peinlichkeit nimmt der Großvater die Huldigungen und Küsse seiner in Reih und Glied angetretenen Enkel entgegen, denen er Banknoten in die Hand drückt. Statt Marinas Familiensache auf dem Amt zu regeln, nötigt er ihr sehr viel Geld auf – dann brauche sie gar kein Stipendium. Doch die Zeiten des Vertuschens und Verschweigens sind endgültig vorbei.
Source: welt.de