Hans Werner Henze war Deutschlands berühmtester Klassik-Komponist der Nachkriegszeit. 2026 wäre er 100 geworden. Doch er verschwindet aus den Spielplänen. Zu Recht? München gibt jetzt eine Antwort.
Am Ende klaut die von der ehrenwerten Königlichen Gesellschaft zum Schutz der Ratten adoptierte Waisenmaus Louise deren Vereinskasse und flüchtet davon. So gibt es immerhin noch ein einigermaßen Versöhnliches, in der Stille unvermittelt ausgehauchtes Finale. Denn bei dieser gar nicht honorigen Vereinigung handelt es sich um Katzen der englischen Oberschicht. Weil sie dem Vegetarismus frönen, verschonen sie die Ratten und Mäuse (noch). Sich selbst aber murksen sie gegenseitig ab und bringen sich um ihr Erbe.
Die Übel- als vermeintliche Wohltäter. So verkleideten in dieser 1983 im Schwetzinger Schlosstheater uraufgeführten postmodernen Opera Buffa „Die englische Katze“ die beiden marxistischen Überzeugungstäter – der einstige „angry young theatre man“ Edward Bond und der längst aus dem dunklen Nachkriegsdeutschland nach Italien emigrierte Hans Werner Henze – ihre ätzende Gesellschaftskritik. Diese bitterbös sarkastische „Geschichte für Sänger und Instrumentalisten“ ist sowieso ein Spiel der Masken.
Zunächst war sie eine humorige Tierfabel, die Honoré de Balzac um 1840 für einen von dem berühmten Karikaturisten Jean-Jacques Granville illustrierten Sammelband verfasste. Bond verfrachtete sie in den ausgehenden Viktorianismus und schärfte ihr kapitalismuskritisch die Krallen. Henze verpackte sie als atonale Operette in scheinbar altmodische Tänze, Choräle, Oden und Duette, die nicht nur schnurren, sondern auch laut kreischen. Dabei knallen heller Glöckchenklang und blökende Fagotte kontraststark aufeinander. Und große, komplexe Ensembles für die 14 Solisten gibt es zudem.
„Die englischen Katze“, animalisch-parabelhaftes Klangkunstkind zweier Weltberühmter, ist durchaus auf unsanften Pfoten ihren Weg über die Bühnen getrippelt: graziös, maliziös, giftig schillernd, klug und krass, ihre herzlose Botschaft hinter komplex zitatdurchwirkter Musik verbergend; sehr henzig eben. Schön, ihr jetzt, nach der lokalen Erstaufführung vor 25 Jahren, neuerlich in München zu begegnen – in einer Produktion der Bayerischen Staatsoper in der dafür passgenauen Rokokoschmuckschatulle des Cuvilliés-Theaters.
Aber gar nicht schön, wenn man bemerkt, dass dies – am 1. Juli 2026 stünde der 100. Geburtstag des 2012 gestorbenen Hans Werner Henze an – in der aktuellen Jubiläumsspielzeit die einzig größere, szenische Aufführung eines seiner 26 bisweilen hybriden Musiktheaterwerke ist. Zu denen noch über zehn Ballette hinzukommen, die ebenfalls komplett aus dem Repertoire verschwunden sind. Der letzte Choreograf von Rang, der sich an Henzes schillerndem Tanz-Opus-Magnum „Undine“ versuchte, war 1994 John Neumeier.
In Rom, Henzes langjährigem Lebensmittelpunkt, zeigt sein letzter Gefährte Michael Kerstan an der Oper die Ministücke „El Cimaron“ und „La piccola Cubana“. Die Salzburger Festspiele, wo Henze ebenfalls lange Jahre prominent vertreten war, zuletzt „Die Basseriden“ und „Das Floß der Medusa“ zu sehen waren, haben für Sommer 2026 wenigstens eine konzertante Opernaufführung angesetzt.
Dass immerhin München sich an Henze erinnert (es folgen dort noch in den kommenden Monaten Simon Rattle mit dem „Floß der Medusa“, Daniel Harding mit der Orchesterfantasie „Erlkönig“, Matthias Pintscher mit „Heliogabalus Imperator“, Petr Popelka mit „Sebastian im Traum“, Patrick Hahn mit dem Requiem; auch das Vokalspektakel Voices wird gegeben), spricht von Geschichtsbewusstsein. Henze wurde hier stets viel auf den Bühnen und im Konzert gespielt, er war mit Musica-Viva-Erfinder Karl Amadeus Hartmann befreundet, leitete ab 1985 für elf Jahre die von ihm erfundene, heute leider dahindümpelnde Münchner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater. Und mit Preisen überhäuft wurde er zudem.
Aber trotzdem fällt insgesamt auf: Der Nimbus des Hans Werner Henze scheint auf breiter Fläche im Schwinden begriffen. Dabei gäbe es eine unglaubliche Fülle von gänzlich disparaten Werken, großen wie kleinen, komplexen wie schlichteren, getextet von W.H. Auden, Hans Magnus Enzensberger, der Lebensfreundin und „Sandfrau“ des schwulen Henze Ingeborg Bachmann (ebenfalls 100. Geburtstag am 26. Juni), Bond, Hans-Ulrich Treichel; für jeden Geschmack, für jedes Budget. Und: diese Musik ist weit vielfältiger und zugänglicher als etwa die des Hardcore-Avantgardisten Pierre Boulez, den zumindest seine Freunde im Betrieb zu dessen Hundertstem noch einmal abgefeiert haben.
Besonders übel stößt es freilich in Berlin auf, auch lange ein Henze-Hot-Spot. Kein einziges der drei Musiktheater erinnert an ihn; die Staatsoper wollte angeblich das Spätwerk „L’Upupa“ mit Christian Thielemann bringen – es ist den Budgetkürzungen zum Opfer gefallen. Bei den Philharmonikern, wo er sogar oftmals am Pult stand, herrscht bis auf ein Ministück Ebbbe, nur Vladimir Jurowski hält (neben Ingo Metzmacher, Matthias Pintscher, Hannu Lintu und Daniel Harding) als Wiederholungstäter die Henze-Flagge hoch, hat mit dem Ensemble United Voices und mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester, die hier uraufgeführte 9. Sinfonie angesetzt. Für Herbst 2026 verspricht das Musikfest Berlin noch ein paar Konzerte. Einen kleinen orchestralen Henze-Schwerpunkt gönnt man sich auch in der Hamburger Elbphilharmonie. Aber das ist es weitgehend.
Trauer um die Villa am Albaner See
Muss Hans Werner Henze, auch als Chronist bundesrepublikanischen Musikschaffens in seiner ganzen, oft bildungsbürgerlichen, aber eben auch anarchistischen, zumindest Anti-Establishment-Breite bereits wiederentdeckt werden? Es scheint so. Denn arg schnell war das Vergessen. Das manifestierte sich schon darin, dass es auch mit Kräften der extra von ihm auf den Weg gebrachten Stiftung nicht möglich war, seine traumschön nahe des Albaner Sees gelegene Villa als Komponistendomizil auf Zeit in das Stipendiennetzwerk der Villa Massimo einzubringen. Inzwischen wurde sie verkauft; dafür unterhält der deutsche Staat gleich zwei Exildichterhäuser im fernen Los Angeles.
Und auch die plötzlich durch die Spielpläne irrlichtende Existenz des lange vernachlässigten, bei der Uraufführung boykottierten Skandaloratoriums „Das Floß der Medusa“ als multimediales Spektakel, zu sehen von Amsterdam über Berlin und Salzburg, scheint über die schwindende Henze-Akzeptanz leider nur hinwegzutäuschen.
Wie war nur die neuerlich in München maunzende, von Dirigentin Katharina Wincor allerdings auf bisweilen etwas zu hoher Dezibelstärke klangestreichelte „Englische Katze“? Solide und etwas brav. In einem raffinierten Wandelbühnenbild (von Christian André Tabakoff) aus britischem Karomusterboden und Holtäfelung räkelte sich eher menschliches Getier in grellen Seventies-Schlaghosen (Kostüme: Dorothee Joisten) auf Betten, Truhen und Dächern. Die stimmunteren Opernstudiomitglieder schlugen sich allesamt begeisternd: besonders die silberklingende Seonwoo Lee in der Titelrolle der Minette, der flexible Michael Butler als ihr desinteressierter Verlobter Lord Puff und Armand Rabot als ihre baritonauftrumpfende eigentliche Liebe Tom.
Abgesehen von den durchscheinenden Mauseöhrchen Louises (Iana Alvazian) hat Regisseurin Christiane Lutz ihr tierisches Personal allzu sehr vermenschlicht. So fehlt die Fallhöhe und der groteske Witz dieser Wölfe im Katzenpelzchen, die schnurrig mordend Walzer tanzen. Es gäbe natürlich auch nachhaltigere Henze-Opern als diese camouflierende Stilübung, der das l’art pour l’art nicht ganz auszutreiben ist. Doch wer spielt die als nächstes?
Source: welt.de