Dienstsitze: Wo die Macht zuhause ist

New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani und seine Frau Rama Duwaji hatten ziemliches Glück mit ihrer Wohnung. Sie lebten in einem mietpreisgebundenen Zweizimmer-Apartment im Stadtteil Queens für 2300 Dollar im Monat. In Manhattan bekäme man dafür mit etwas Glück gerade mal eine Abstellkammer. Nun sind die beiden umgezogen. Aus Sicherheitsgründen, wie Mamdani sagt, auch wenn das in den Kommentarspalten der algorithmisch befeuerten Erregungsökonomie erwartungsgemäß etwas anders gelesen wurde.

Man wisse ja, wie Kommunisten seien – anderen vorschreiben, wie sie zu leben hätten, aber selbst in Saus und Braus residieren. Denn Mamdani und seine Frau zogen nicht in irgendein Haus, sondern in die Gracie Mansion, ein 1000 Quadratmeter großes Anwesen mit fünf Schlafzimmern in bester Parklage am East River.

Ein maßgefertigtes Bett für 12.000 Dollar Steuergeld

Das 1799 errichtete Gebäude im Federal Style, streng symmetrisch, aber unprätentiös, ist seit 1942 die offizielle Residenz der New Yorker Bürgermeister. Damals stand das Haus leer, und Museen boten an, die Räume mit Leihgaben auszustatten, doch der Stadt war das zu teuer. Es war schließlich Krieg; man erwog sogar den eisernen Zaun einzuschmelzen. Am Ende spendeten Privatleute Möbel.

In den folgenden Jahrzehnten wurde das Haus dann zur Projektionsfläche wechselnder Geschmäcker und Amtszeiten. David Dinkins (1990 bis 1993) ließ sich für fast 12.000 Dollar Steuergeld ein maßgefertigtes Kopfteil fürs Bett anfertigen. Rudy Giuliani (1994 bis 2001) klagte laut über den baulichen Verfall, tat aber auch nichts dagegen.

2002 bekam die Mansion einen frischen Anstrich – finanziert von einem anonymen Spender, der sich später als Michael Bloomberg herausstellte, selbst Bürgermeister wurde (2002 bis 2013), aber selbst gar nicht einzog. Das sei, erklärte er, mit seinem politischen Selbstbild auch nicht vereinbar. Wieso sollte er den Steuerzahler belasten, wenn er in seinem eleganten Townhouse an der Upper East Side schon bestens untergebracht war?

Repräsentativ: New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani wohnt jetzt in Gracie Mansion.AP

Bill de Blasio (2014 bis 2021) renovierte die Wohnräume von Gracie Mansion im Mid-Century-Stil, die Möbel im Wert von 65.000 Dollar spendierte ein Hersteller. Mamdanis Amtsvorgänger Eric Adams (2022 bis 2025) verkündete, alles so zu lassen, wie es ist, nur die eigene Matratze mitzubringen. Tatsächlich war er kaum im Haus, weil er das Gefühl hatte, dort spuke es.

Den Geist, scherzte Mamdani nun, habe er noch nicht getroffen. Man wolle jetzt erst mal streichen, eine Monstera zog ein, und im Badezimmer, so Mamdani, werde man ein paar Bidets installieren. „Das ist zumindest der Plan. Mal sehen, ob wir das hinbekommen.“

Unikat in Deutschland: die Dienstvilla für Frankfurter Bürgermeister

Eine Residenz für Bürgermeister ist in Deutschland heute kaum vorstellbar. Und doch gab es in Frankfurt, landesweit ein Unikat, bis vor Kurzem tatsächlich eine Dienstvilla für das Stadtoberhaupt auf dem Lerchesberg. 300 Quadratmeter Wohnfläche, Kellerbar, Sauna. Genutzt wurde sie allerdings nur von einem einzigen Oberbürgermeister, Willi Brundert, der dort in den Sechzigerjahren wohnte.

2013 verkaufte die Stadt die Villa für eine Dreiviertelmillion Euro. Veranschlagt waren ursprünglich zwei Millionen. Doch der inzwischen ausgebaute Flughafen mit der Landebahn Nordwest und der schlechte bauliche Zustand ließen den Preis deutlich schrumpfen.

Beim Staatsoberhaupt ist man in Deutschland traditionell großzügiger. Allerdings wohnt der Bundespräsident nicht, wie oft angenommen, im Schloss Bellevue (das tat nur Roman Herzog), sondern in der Villa Wurmbach in Berlin-Dahlem.

Der Bau von 1912, im Reformstil mit deutlicher Neigung zum britischen Landhaus, wurde vom Fabrikanten Julius Wurmbach errichtet, der dem Haus eine tragische Fußnote hinterließ: 1926 erschoss er dort seine Frau und deren Bruder und nahm sich anschließend selbst das Leben. Später zog der jüdische Kaufmann Hugo Heymann ein, bis er die Villa 1933 – vermutlich nicht ganz freiwillig – an den regimenahen Verleger Waldemar Gerber veräußerte.

Eine ganze Spur kleiner nimmt sich der dienstliche Wohnsitz des Kanzlers aus. In Bonn gab es immerhin noch den modernistischen, beinahe asketischen, aber durchaus ansprechenden Kanzlerbungalow, den Ludwig Erhard von Sep Ruf bauen ließ und als so ziemlich einziger Bewohner auch gern bewohnte. (Adenauer befand, der Architekt gehöre zehn Jahre hinter Gitter.)

Die Dienstwohnung des Kanzlers ähnelt einer Klause

Der Regierungsumzug nach Berlin zeigte, dass es auch in Sachen Bescheidenheit noch Luft nach unten gibt. Im obersten Stockwerk des Bundeskanzleramts befindet sich lediglich eine kleine Dienstwohnung, die mit 28 Quadratmetern kaum größer als eine Studentenbude ist. Nur die Aussicht dürfte besser sein.

Dabei hatten die Architekten ursprünglich Größeres im Sinn. Vorgesehen war eine eigene Kanzlervilla am westlichen Ende des Grundstücks. Die wurde jedoch schon relativ früh wieder eingespart. So wurde die Miniwohnung nachträglich notdürftig ins Kanzleramt hineingeschoben, was das dreieckige (!) Schlafzimmer erklärt. Von dort aus erreicht man das Bad erst, nachdem man zwei großzügige Repräsentationsräume durchquert hat, die wie ein diplomatischer Puffer zwischen beiden Teilen der Wohnung liegen. Rund 500 Euro Miete verlangt der Staat dafür.

Kein Wunder, dass Merkel, Scholz und Merz lieber privat wohn(t)en. Immerhin: Mit dem Erweiterungsbau des Bundeskanzleramts auf der anderen Spreeseite entsteht gerade auch eine neue Kanzlerwohnung. Ihre Raumgröße soll sich an den „Amtswohnungen herausgehobener deutscher Botschaften im Ausland“ orientieren. In zwei Jahren soll sie bezugsfertig sein.

Der Palast des Sultans von Brunei, aufgenommen 1989.Picture Alliance

Der Sultan von Brunei kann sich in seiner Residenz verlaufen

So groß wie beim Sultan von Brunei dürfte die Wohnung nicht ausfallen. s Dessen „Palast des Lichtes des Glaubens“ ist mit rund 200.000 Quadratmetern die größte Dienstwohnung der Welt, mit 1788 Räumen, 18 Aufzügen, 44 Treppenhäusern und 250 Badezimmern. Fenster und Türbögen sind vergoldet, die 64.000 Quadratmeter Wandfläche mit 38 Marmorsorten verkleidet.

Dazu kommen eine unterirdische Garage für 110 Fahrzeuge und Stallungen für 200 Pferde. Wer dem Sultan nun mangelnde Volksnähe vorwirft, ist etwas voreilig: Jedes Jahr steht der Palast drei Tage jedem und jeder offen (dieses Jahr vom 22. bis 24. März); der Sultan begrüßt jeden Gast persönlich per Handschlag, zumindest die Männer.

Der neuseeländische Premierminister hingegen würde sich schon über eine funktionierende Dämmung freuen. Sein offizieller Dienstsitz in Wellington, dem frühere Amtsinhaber den „Charme eines Achtzigerjahre-Motels“ bescheinigten, erfüllt nicht einmal die örtlichen Mindeststandards für Mietwohnungen. Inzwischen ist das Haus so baufällig, dass Premier Christopher Luxon ausgezogen ist.

Bescheiden: Uruguays Ex-Präsident José Mujica bevorzugte sein schlichtes Zuhause.Matilde Campodonico/Life

Verfall in Neuseeland, Eleganz in Brasilien, Verschwiegenheit in China

Weil für Reparaturen und Instandhaltung keine festen Mittel vorgesehen sind und jede Verbesserung vom Kabinett genehmigt werden muss, blieb vieles liegen. Selbst die Bewilligung einfacher Instandhaltungskosten mündete bisweilen in Parlamentsdebatten. Mittlerweile überlegt man, das „Premier House“ ganz abzureißen.

Einen der elegantesten Dienstsitze dürfte der brasilianische Präsident Lula bewohnen. Der von Oscar Niemeyer entworfene Palácio da Alvorada scheint über dem Wasser zu schweben und ist mit Möbeln ausgestattet, für die selbst abgeklärte Designliebhaber alles stehen und liegen lassen würden. Der unbekannteste Dienstsitz gehört hingegen wohl Xi Jinping. Man weiß nicht einmal genau, wo er wohnt – in einem hermetisch abgeriegelten Regierungsareal neben der Verbotenen Stadt, von dem es keine Fotos gibt, oder in einem Villenviertel westlich von Peking.

Finnland wiederum zählt zu den wenigen Ländern, in denen dem Staatsoberhaupt überhaupt kein dienstlicher Wohnsitz zur Verfügung steht. Der Präsidentenpalast ist dort Büro, mehr nicht.

Und selbstverständlich leben längst nicht alle Staats- und Regierungschefs dort, wo es das Protokoll gern hätte. Das prominenteste Beispiel dafür lieferte José Mujica, Präsident Uruguays von 2010 bis 2015. Der gelernte Blumenzüchter, der Chrysanthemen kultivierte, zog es vor, in seiner schlichten, innen völlig zugestellten Bauernhütte am Rand von Monte­video zu bleiben, statt in die offizielle ­Residencia de Suárez einzuziehen, wo ihn Mahagonischreibtisch, himmelblaue Louis-XV-Stühle, Kronleuchter und Eichen­holzvertäfelungen umgeben hätten. „Vollkommen unnötig“, erklärte Mujica der „New York Times“ entschieden. „Da sollten sie lieber eine Schule draus machen.“

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