Er textete Superhits des 20. Jahrhunderts, dann ruinierte er sich durch Alkohol. „Blue Moon“ zeigt nun zwei letzte verzweifelte Stunden aus dem Leben des Lorenz Hart. Ethan Hawke war mit der Rolle für einen Oscar nominiert. Warum man das sehen soll.
Für diesen Film musste einer der größten Schauspieler der letzten Jahrzehnte sich kleiner machen: Ethan Hawke ist 1,79 Meter groß. Das ist zwar nach heutigen Maßstäben unterdurchschnittlich, aber doch 27 Zentimeter mehr als die 1,52 Meter, die der Songtexter Lorenz Hart maß. Regisseur Richard Linklater und sein Produktionsteam arbeiteten mit den ältesten analogen Tricks, um Hawke kleiner wirken zu lassen: Die Möbel im Restaurant Sardi’s, wo der ganze Film spielt, wurden vergrößert, andere Schauspieler, die mit ihm reden, stehen auf Podesten. Obendrein hat man ihn auch noch in einen viel zu großen Anzug gesteckt, der ihn noch mehr verzwergt.
Besonders demütigend wirkt der Kontrast zur von Hart protegierten Yale-Studentin Elisabeth (Margaret Qualley), die wie aus Adlerflughöhe auf den Glatzkopf des Texters herabschaut, der von einer quergekämmten und angeklebten Haartolle vollends ins Groteske verunstaltet wird. Es gehört zu den größten schauspielerischen Leistungen der beiden, dass das Liebeswerben des Mannes, der 22 Jahre älter ist als Elisabeth, aber 2200 Jahre älter wirkt, nicht zu einer Monstrositätenshow wird. Wie leicht hätte man Hart einem Publikum von heute als Inbegriff eines übergriffigen, größenwahnsinnigen, alten Patriarchatsprovokateurs vorwerfen können – aber das war natürlich weder die Absicht von Linklater noch von Hawke.
In den Dialogen mit Elisabeth wird klar, dass sie ihn zwar mag, aber mehr eben nicht – obwohl er noch einmal all seinen Witz aufbietet. Und davon hatte er im Überfluss: Er schrieb Songtexte für Lieder wie „The Lady Is a Tramp“, „My Funny Valentine“ oder eben das titelgebende „Blue Moon“. Allerdings ist die Partnerschaft mit dem Komponisten dieser Lieder, Richard Rodgers, ans Ende gekommen. Von der Verzweiflung eines Mannes, der ahnt, dass dieses Ende ein anderes, größeres Ende vorwegnimmt (Hart starb noch im Jahre 1943, in dem der Film spielt), handelt „Blue Moon“. Hart will noch einmal geliebt werden, obwohl er sich selbst nicht liebt.
Der Film, der dem Drehbuchautor Robert Kaplow den Oscar für das beste Originaldrehbuch einbrachte, spielt am Premierenabend von Richard Rodgers’ neuem Musical „Oklahoma!“, das er diesmal mit dem Texter Oscar Hammerstein geschaffen hat. Im Sardi’s, in dem sich damals tatsächlich regelmäßig die Broadway-Prominenz versammelte, lauert Hart auf die „Oklahoma!“-Crew. Er weiß, dass sie hierherkommen, um auf die ersten Zeitungskritiken zu warten. Er selbst ist sich schon sicher, dass das Musical ein gewaltiger Erfolg wird.
Nun will er Rodgers überzeugen, es noch einmal mit ihm zu versuchen. Um zu demonstrieren, dass der Trennungsgrund – Unzuverlässigkeit wegen Alkoholproblemen – nicht mehr existiert, trinkt er als einziger Gast den ganzen Abend nur Wasser. Einmal lässt er sich vom Barkeeper Eddie (Bobby Carnavale in der dritten wichtigen Rolle des Films) einen Bourbon einschütten, nur um den Anblick zu genießen. Als dann Rodgers erscheint, strahlend umflort von der Aura des Triumphs, gibt dieser sich größte Mühe, den alten Freund Hart nicht zu demütigen. Aber der versinkt mehr und mehr in Verzweiflung, weil er weiß, dass dieser Triumph, den der Ex-Partner mit seinem neuen Co-Autor errungen hat, eine neuerliche Zusammenarbeit nun gänzlich unwahrscheinlich macht.
Man könnte fragen, warum sich deutsche Zuschauer für das Schicksal von Menschen interessieren sollten, deren Lieder zwar in den USA ein volkstümlicher Bestandteil des musikalischen und poetischen Kanons sind, aber deren Namen hier in Europa nur noch auf den Covern ungezählter Jazzplatten stehen, auf denen ihre Lieder nachgespielt worden sind. Die erste Antwort ist Ethan Hawke, der mit seiner Rolle für den Oscar nominiert war. Die zweite Antwort ist, dass „Blue Moon“ einfach ein stylischer, heiterer und zugleich trauriger, herzwärmender und zutiefst menschlicher Film ist. Unabhängig vom Bekanntheitsgrad der Protagonisten erzählt er von der Conditio Humana aller Menschen, nicht nur der Künstler.
Aufgrund eines merkwürdigen Verleihzufalls kommt „Blue Moon“ fast gleichzeitig mit Linklaters neuerem Film „Nouvelle Vague“ über die jungen französischen Filmrevolutionäre der 1960er Jahre, der schon 2025 in Cannes lief, in deutsche Kinos. Der eine handelt vom inspirierten Größenwahn der Jugend, der andere von der zerknautschten Lebensbeschädigung eines Mannes mittleren Alters. Beides sind universelle Themen. Und das ist der dritte Grund, sich „Blue Moon“ anzusehen, auch wenn man (was völlig unwahrscheinlich ist) noch nie ein Lied von Rodgers und Hart gehört hat.
Source: welt.de