Am Samstag zog sich Emre Can einen Kreuzbandriss zu. Dennoch will Borussia Dortmund mit dem 32-Jährigen verlängern. Eine durchaus umstrittene Entscheidung.
Als Emre Can zu Borussia Dortmund kam, war ihm ein gewisser Ruf vorausgeeilt. Mit ihm, sagte der damalige BVB-Sportdirekor Michael Zorc, „bekommen wir einen deutschen Nationalspieler, der neben seiner Technik auch über einen ausgeprägten Siegeswillen verfügt.“ Letzteres sowie seine Erfahrung waren im Januar 2020 entscheidend, dass sich die Dortmunder um Can bemühten – und ihn von Juventus Turin ausliehen. Ab Juli gleichen Jahres wurde daraus ein fester Transfer für rund 25 Millionen Euro Ablöse.
Mit Can, für dessen Verpflichtung sich vor allem Trainer Lucien Favre und BVB-Berater Matthias Sammer stark gemacht hatten, sollte die Borussia einen Führungsspieler bekommen, einen Leitwolf. Can sollte mithelfen, dass die Mannschaft eine bestimmte Mentalität entwickelt und sich nicht mehr nur dadurch auszeichnet, schön zu spielen.
Etwas über fünf Jahre danach gehen die Meinungen auseinander, ob Can, mittlerweile 32, seiner Rolle gerecht geworden ist – und darüber, ob es überhaupt statthaft ist, einen solchen Anspruch an einen Spieler zu stellen.
Geht es nach Lars Ricken, dann könne dies sehr wohl so behauptet werden. Denn der Sportgeschäftsführer sprach sich dafür aus, den zum Saisonende auslaufenden Vertrag mit dem Routinier zu verlängern – obwohl der Defensivallrounder gerade in der laufenden Saison massive Verletzungsprobleme hat.
„Emre ist nicht nur unter Niko Kovac, sondern auch unter Nuri Sahin und Edin Terzic schon der unumstrittene Kapitän unserer Mannschaft. Mit welcher Verantwortung er sich um seine Mitspieler kümmert, ist beeindruckend. Wir haben eine enorme Wertschätzung. Deshalb wollen wir ihn über den 30. Juni hinaus auf seinem Weg zum Comeback unterstützen“, sagte Ricken der „WAZ“.
Es gibt Stimmen, die personelle Veränderungen beim BVB für nötig halten
Nach der Operation, der sich Can unterziehen muss, weil er sich am vergangenen Samstag bei der 2:3-Niederlage gegen den FC Bayern einen Kreuzbandriss im linken Knie zugezogen hatte, werde es Gespräche über die Ausweitung der Zusammenarbeit geben.
Diese Ankündigung stieß bei den Anhängern nicht nur auf Beifall. Kritiker sind der Meinung, dass es beim BVB trotz der in der Bundesliga stabilen bis guten Saison personelle Veränderungen geben sollte. Vor allem drei Spielernamen wurden immer als mögliche Abgänge genannt: Niklas Süle, Julian Brandt und Can. Sie haben mehrere Punkte gemeinsam: Sie sind schon länger im Klub, wären alle zu Beginn der kommenden Saison mindestens 30 und ihre jeweils gut dotierten Verträge laufen aus – was dem BVB bei Nicht-Verlängerung erheblichen Handlungsspielraum auf dem Transfermarkt verschaffen würde.
Es gibt aber noch etwas: Keiner aus dem Trio konnte – wenn auch mit unterschiedlichen Abstufungen – konnte die hohen Erwartungen, die mit ihren Verpflichtungen einhergingen, vollends erfüllen. Wäre es da nicht an der Zeit, neue Wege zu gehen?
Zumindest im Fall Can haben sich die Dortmunder anders entschieden. „Als Sportler muss man damit rechnen, dass man sich verletzt“, sagte Niko Kovac vor dem Auswärtsspiel beim 1. FC Köln am Samstag (18.30 Uhr, im Sport-Ticker der WELT). Der BVB-Trainer hält viel von Can. „Entscheidend ist, dass man stärker zurückkommt. Und davon bin ich davon felsenfest überzeugt“, so der Coach.
Abstriche beim Gehalt
Ob der nachvollziehbare Wunsch in Erfüllung gehen wird, ist allerdings offen. Can hatte wegen Adduktorenbeschwerden sowohl die Klub-WM im vergangenen Sommer als auch die Saisonvorbereitung sowie die ersten acht Bundesligaspiele verpasst. Im Februar erlitt er dann einen Rückschlag, fehlte erneut sechs Partien. Und bei seinem Comeback riss ihm das Kreuzband.
„Die Situation ist für ihn natürlich nicht leicht, aber es geht ihm den Umständen entsprechend ganz gut“, erklärte Kovac. Can ist, auch wenn er in der laufenden Saison auf wenig Spielzeit kam, ein verlängerter Arm des Trainers auf dem Spielfeld. Auch deshalb hielt Kovac im vergangenen Sommer an ihm als Kapitän fest. Can sei eine wichtige Leitfigur für jüngere Spieler. Am Samstag habe er trotz seiner schweren Verletzung weitergespielt, solange es eben ging. „Das war für mich sehr vorbildlich – andere würden vielleicht sagen: riskant oder sogar dumm. Das zeigt aber, was für ein Mensch Emre ist und was für eine Führungspersönlichkeit“, so Kovac.
Dem will der BVB Rechnung tragen – indem der Vertrag verlängert wird. Um Abstriche beim Gehalt wird Can, der es bislang auf rund 8,5 Millionen Euro Jahressalär bringt, jedoch wohl nicht herumkommen. Ähnlich dürfte es bei Brandt sein, sollte es zu einer Verlängerung kommen. Bei Süle, derzeit ebenfalls verletzt, dürfte es auf eine Trennung hinauslaufen.
Source: welt.de