Die Schönheit jener Schatten im besten Licht

Einflüsse der japanischen Kultur prägen die Verwandlung des Ernst Barlach Hauses durch Ulla von Brandenburg in ein multimediales Gesamtkunstwerk.

Auf einem blauen Noren, einem mehrteiligen Vorhang, der in Japan traditionellerweise Haus- und Geschäftseingänge ziert, sind zwei eigentümliche Gestalten zu sehen. Sie gleichen weder Mensch noch Tier, tragen spitze Zähne und Klauen und scheinen gerade einen Pakt zu schließen. Die Künstlerin Ulla von Brandenburg, geboren 1974 in Karlsruhe, hat hier zwei Yokai dargestellt, das sind unheimliche, übernatürliche Wesen aus der japanischen Folklore. Sie tauchen auf dem textilen Untergrund als Schattenrisse auf und verweisen auf eine andere Wirklichkeit, die womöglich hinter dem Vorhang auf uns wartet.

Theatrales Gesamtkunstwerk mit fernöstlichen Einflüssen

Der Noren gehört zu dem theatralen Gesamtkunstwerk aus Gemälden, Skulpturen, Textilarbeiten, Filmen und Performances, das die Künstlerin jetzt im Ernst Barlach Haus eingerichtet hat. Fernöstliche Einflüsse sind in dieser multimedialen Ausstellung allgegenwärtig. Denn von Brandenburg, die in Paris lebt und an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe unterrichtet, verbrachte 2024 fünf Monate als Stipendiatin der Forschungs- und Kreativresidenz Villa Kujoyama auf dem Berg Higashi in Kyoto und befasste sich dort intensiv mit der japanischen Kultur.

Neben den Yokai, die im Volksglauben als freundliche Geister oder bösartige Dämonen erscheinen und mit den Menschen interagieren können, greift die Künstlerin verschiedene Typen des japanischen Puppen- und Figurentheaters auf. Sie interessiert sich auch für die Harmonie in der traditionellen Architektur und setzt sich besonders mit der Ästhetik der Schatten auseinander.

Rollbilder in japanischer Tradition

Dem japanischen Schriftsteller Tanizaki Jun՚ichiro (1886–1965) zufolge, von dem der Essay „Lob des Schattens“ stammt, liegt die Essenz der Schönheit nicht in dem, was sofort sichtbar ist. Vielmehr findet sie sich dort, wo Licht und Dunkelheit koexistieren und eine einzigartige Atmosphäre erzeugen, die in den hell erleuchteten Räumen der westlichen Welt niemals entstehen könnte. „Wir finden Schönheit“, schreibt der Autor, „nicht im Ding selbst, sondern in den Mustern der Schatten, dem Licht und der Dunkelheit, die eins gegen das andere schaffen.“ Im Land der aufgehenden Sonne hat sich die Künstlerin auch mit überlieferten textilen Färbetechniken beschäftigt.

Auf ihren hochformatigen, von der Decke hängenden Rollbildern in japanischer Tradition (Kakemono), gehen tiefe Schatten und leuchtende Farben eine spannungsvolle Verbindung ein. Blauschwarze Silhouetten seltsamer Gewächse breiten sich vor Hintergründen aus, neben deren Farbverläufen jeder Sonnenuntergang verblassen würde. Die organisch wirkenden Schattenmuster ersetzen bei Ulla von Brandenburg die kalligrafischen Zeichen und Sinnsprüche auf japanischen Kakemonos, die ursprünglich zu festlichen Gelegenheiten oder beim Besuch eines besonderen Gastes aufgehängt wurden.

Fließende Grenzen zwischen Sein und Schein

Die Eindrücke, die sie in Kyoto sammeln konnte, vertieften das Interesse der Künstlerin für Schwellen und Übergänge zwischen Wirklichkeit und Schein. So feiert bereits ihr Film „Un bal sous l՚eau“ („Ein Unterwasserball“, 2023), der in der Ausstellung gezeigt wird, das Dasein in einer Parallelwelt, stellt eine ganze Unterwasser-Gesellschaft per Gesang und Puppenspiel vor. Dabei tauschen sich die Schauspieler entzaubernd über ihre Rollen und ihre Maskerade aus. Ein weiterer, diesmal schwarz-weißer Film von 2025 trägt den Titel „Kekkai“. Der mehrdeutige Begriff kann Trennung und Verbindung bedeuten: In der japanischen Architektur markiert er eine Grenze zwischen zwei Räumen, zwischen Innen- und Außenbereich – oder auch zwischen Realität und Mystik, jener Sphäre, in der die tief in der japanischen Kultur verwurzelten, vielgestaltigen, zur Metamorphose fähigen Yokai daheim sind.

Im Ernst Barlach Haus, das somit vorübergehend zu einem Grenzraum im Zwielicht geworden ist, geht die Künstlerin auch einen Dialog mit dem Werk des Bildhauers Barlach (1870–1938) ein, der in seiner Kunst das Unsichtbare ebenso wie das Sichtbare wahrnehmbar machen wollte, der sich durch mystische Seherfahrungen wie Visionen und Träume beeinflussen ließ. „Barlach trägt sie alle in sich, die Dämonen, die Furien, die Kobolde, die Gnome, die Wiedergänger, die seinem Werk etwas Gespensterseherisches geben“, schreibt der Biograf Gunnar Decker. Mit einer Schattenspiel-Performance, die als Titel den Barlach-Satz „Wir werden wieder Raum haben und nicht bloß Fläche“ trägt, eröffnet Ulla von Bandenburg die Ausstellung am 22. Februar. Anschließend wird eine filmische Fassung der Aktion im Museum zu sehen sein.

Ernst Barlach Haus: „Ulla von Brandenburg. Schüttelt Schattendramen aus dem Ärmel“, vom 22. Februar bis 7. Juni

Source: welt.de

BarlachBrandenburgErnst (KPohle-JulikaUlla vonünstler/1870-1938)