Literatur kann, neben Schönheit, auch Verstörung und Sinnsuche erzeugen. Dann ermöglicht sie, das zu erspüren, was ansonsten verborgen bleibt. Eine solche Literatur schreibt Katie Kitamura. Ihr Roman Die Probe ist eine sehr präzise und gerade dadurch verwirrende Studie einer Ehe, der Psyche oder eher Psychopathologie einer alternden Schauspielerin – was Wahrheit ist und was Einbildung, lässt sich für sie genauso schwer sagen wie für die Leser. Aber diese Art von Verwirrung ist hier literarisches Prinzip.
Ist der junge Mann namens Xavier, der die Schauspielerin zum Rendezvous drängt, also in sie verliebt oder nur in ihre Persona als Schauspielerin, oder ist er letztlich doch ihr Sohn, wie er ihr mitten im Treffen eröffnet? Und was macht ihr Mann Tomas in diesem Restaurant zu einer Zeit, in der er eigentlich immer zu Hause am Schreibtisch sitzt? Was hat er zu verbergen? Und wie verhält es sich mit dem Wahrheitsgehalt dieses ersten Teils des Romans, wenn der zweite Teil Xavier ohne weitere Erklärungen als den Sohn des Paares auftreten lässt?