Ski Aggu, einer der erfolgreichsten deutschen Musiker, sagt einen Auftritt in den USA ab. Ihm gefällt die politische Lage dort nicht. Das ist symptomatisch für die neue Pop-Generation: Rebellion ohne Risiko.
Er möchte nun doch nicht spielen. Ski Aggu, wenn man so will, der soundgewordene Bastard aus Deutschrap und Techno, ist einer der erfolgreichsten deutschen Musiker der Gegenwart, hat nicht nur zahlreiche Preise gewonnen, sondern verzeichnet auch Millionen von Streams und dominiert regelmäßig die deutschen Charts. Seinen Durchbruch feierte er 2021 mit einem Remix von Otto Waalkes‘ „Friesenjung“. Im vergangenen Jahr schrieb Ski Aggu auch einen Song über Deutschland, und der beginnt so: „Deutschland säuft krank, Westen oder Osten / Alle Atzen natzen, alle Fotzen rotzen.“
Heute steht er trotzdem, oder auch gerade deswegen, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, plant eine Welttournee und sollte sogar in New York City, Manhattan, ein – laut Management – „beinahe ausverkauftes“ Konzert spielen. Wohl der Traum der meisten deutschen Musiker. Doch Ski Aggu sagte das Konzert jüngst kurzerhand wieder ab. Aus „politischen Gründen“ möchte er gerade doch nicht in den USA auftreten. „Es geht darum, grundlegende demokratische Werte zu schützen und Verantwortung zu übernehmen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt!“, schreibt der 28-Jährige in einer Mail an seine Fans.
„Geschichte zeigt uns, dass Schweigen und Wegschauen nicht neutral sind“, begründet Ski Aggu seine Absage und tut damit, nun ja, eben genau das: Er schweigt und schaut weg. Inwiefern sein Nicht-Auftritt die Demokratie in den Vereinigten Staaten jetzt retten wird oder vielleicht schon gerettet hat, sei einmal dahingestellt. Aber sein Verhalten ist symptomatisch für einen Teil der neuen Generation von (besonders auch deutschen) Popmusikern, deren größtes Bestreben es ist, bloß nicht mehr anzuecken, sondern ständig nur im Ungefähren zu bleiben.
Nina Chuba spricht nicht mehr mit AfD-Verwandten
Nina Chuba hat vergangenes Jahr in einem Interview mit dem „Spiegel“ verraten, dass sie „absolut“ gegen die AfD sei und deshalb mit Teilen ihrer ostdeutschen Verwandtschaft den Kontakt abgebrochen habe, weil diese mit der Partei sympathisieren würden. Die neue Pop-Generation will Haltung zeigen, aber keinen Widerstand riskieren. Man positioniert sich zwar halbherzig, allerdings bevorzugt nur dort, wo Widerspruch kalkulierbar oder gleich ganz ausgeschlossen ist. Moral wird zur Komfortzone, nicht zur Kampfansage. Man spricht von Verantwortung, aber meidet das Spannungsfeld. Man duckt sich weg.
Das Ergebnis ist eine Form von politischem Auftreten, das sich mutig anfühlt, solange es im eigenen Milieu bleibt. Und das zersetzt den eigentlich subversiven Gedanken der popkulturellen Gegenkultur, die eine lange Tradition hat. Was früher Widerstand war, ist heute Distanzierung. Rebellion bedeutete einmal, mit Publikum, Institutionen und Mehrheiten in den Konflikt zu gehen. Heute genügt es, sich demonstrativ fernzuhalten. Doch Rebellion ohne Risiko ist nur ein ästhetisches Accessoire. Wer keinen Preis zu zahlen bereit ist, betreibt keine Gegenkultur, sondern Selbstvergewisserung. In der Ski-Aggu-hörenden Druffi-WG wird man die Geste zu schätzen wissen und gegen diesen „verdammten Donald Trump“ wettern, während man sich die nächste Pille schmeißt und glückselig wird.
Aber warum stellt sich Ski Aggu nicht auf eine Bühne in New York mit erhobenem Haupt und Mittelfinger und ruft aus „Fuck You, Trump“, wenn das denn seine Position ist? Das wäre eine Ansage. Alles andere ist Feigheit. Und diese Feigheit, dieser Rückzug in den eigenen Safe Space, ist der Tod von musikalischer Gegenkultur.
Dabei muss ein Künstler natürlich nicht politisch sein, im Gegenteil, es gibt in der Popkultur zahlreiche Beispiele von großartigen Musikern, die sich für den Rückzug, für Eskapismus entschieden haben und sich bewusst nur im unpolitischen Raum bewegen und auf diese Weise einige der großartigsten musikalischen Werke unserer Zeit geschaffen haben.
Natürlich kann man als Musiker auch sagen, man möchte komplett unpolitisch bleiben, aber dann sollte man eben keinen Auftritt aus „politischen Gründen“ absagen, dann sollte man sich nicht im Ungefähren winden. Denn Rebellion ohne Risiko ist am Ende nur Lifestyle. Und selbst Pop hat mehr Substanz als das.
Source: welt.de