Die „Ostdeutsche Allgemeine“: Jetzt kommt die Revanche pro 1989

Ein interessanter medienhistorischer Moment: An diesem Wochenende sind parallel Sonderausgaben zweier Wochenzeitungen erschienen, die von Prägung, Profil und Tendenz her in vollständig unterschiedliche Richtungen weisen. Schon die Werbeanzeigen zeugen davon: Mercedes-Benz auf der einen, Multipolster auf der anderen Seite. Medien im Allgemeinen und Zeitungen im Besonderen dokumentieren immer auch einen bestimmten Blick auf ihre Zeit.

Sie halten fest, wie sich ein Land selbst beschreibt. Man stellt sich vor, wie in hundertfünfzig Jahren einmal irgendjemand ein Interesse am Deutschland unserer Zwanzigerjahre entwickeln könnte und dafür in die Archive steigt beziehungsweise scrollt und dort dann zufällig auf jenes letzte Februarwochenende 2026 stößt, an dem parallel eine Sonderausgabe zum achtzigsten Geburtstag der Wochenzeitung „Die Zeit“ und die Erstausgabe der „Ostdeutschen Allgemeinen“ erschienen. Und wie er diese beiden deutschen Presseprodukte dann nebeneinanderhält, um sich ein Bild zu machen vom Zeitgeist unserer Tage.

Da ist auf der einen Seite das Selbstbewusstsein eines von Wohlstand und Westlichkeit erfüllten Deutschland, das sich zum achtzigsten Geburtstag selbst gratuliert und an alles Mögliche erinnert, was 1946 geboren wurde: von Bill Clinton über Tupperware bis zu Kraftwerk. 80 Jahre Deutschland im Rückblick, das sind 80 Jahre Westen. Der Osten, immerhin seit nunmehr 37 Jahren Teil dieses Deutschland, kommt nicht nennenswert vor. Auf 53 Seiten Erinnerung geht der Blick weit über den Tellerrand hinaus, wird an die amerikanische Basketballliga und an die französische Kommerzialisierung von Teflon gedacht, aber an den Osten denkt man nicht. Im Editorial heißt es knapp: „Was hat unsere Zeitung alles miterlebt: den Bau der Mauer 1961, ihren Fall 1989“ – als würde man die Zeit dazwischen mit einer Damnatio memoriae belegen.

Vom Osten zeigt man sich in Hamburg unbewegt

Im Grunde kommt die Ost-Erfahrung in dieser „Zeit“ nur an einer Stelle vor, im peripheren Lebensbericht einer Dresdnerin, die „ein ganz warmes Gefühl von Aufbruch“ beschreibt, wenn sie an 1989 zurückdenkt. Das ist nach wie vor alles, was eine Hamburger Redaktion an Ost-Nuance vertragen kann: die wohlige Erinnerung an die friedliche Revolution. Denn ihr geht es ja um „Menschen, Dinge und Ideen“, welche die Welt „bis heute bewegen“ – und dazu zählt sie nichts, was aus dem Osten kommt. Das zeugt in seiner Ignoranz von jenem zuletzt öfters zur Anzeige gebrachten Hochmut des Westens, der sich selbst als Norm begreift. Man muss sich nur einen Moment lang vorstellen, wie diese Jubiläumsausgabe der „Zeit“ in Jena, Stralsund oder gar Eisenhüttenstadt gelesen wird, wenn sie dort überhaupt gelesen wird – und dann ist man bei der „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“.

Das vom Ostberliner Verlegerpaar Friedrich ins Leben gerufene neue „deutsche Leitmedium“ hat sich zum Ziel gesetzt, „aus dem Osten heraus ostdeutsche Perspektiven in die aktuellen gesellschaftlichen Debatten zu tragen“. Das Redaktionsgebäude ist in einem ostdeutschen Erinnerungsort, im ehemaligen Klubhaus des Dresdner Kameraunternehmens Pentacon, untergebracht, die Startauflage liegt bei 40.000, der Chefredakteur ist dreiunddreißig, und im Impressum heißt es präventiv wie bei einer als Verdachtsfall eingestuften Partei: „Wir lehnen ideologische Verkürzungen, Extremismus und jede Form von Entmenschlichung ab.“

Ost-Identität klingt für manche Ostdeutsche nach Kostümzwang: Michael Kretschmer, hier beim Rosensonntagsumzug in Leipzig, gab der „Ostdeutschen Allgemeinen“ für die erste Ausgabe ein Interview.dpa

Muss sich eine ostdeutsche Perspektive von vornherein gegen Extremismus abgrenzen? Warum meint die Chefredaktion, sich von „Entmenschlichung“ distanzieren zu müssen? Man liest mit erhöhter Aufmerksamkeit weiter und fragt sich, wie die „ostdeutsche Perspektive“ sich denn nun zeigen wird. „Die Erfahrungen aus Ostdeutschland helfen, Wandel realistisch zu verstehen“ – das ist einer der wiederkehrenden Sätze im Blatt, und wahrscheinlich offenbart er viel von der heimlichen Hoffnung seiner Macher: dass es bei Ostdeutschland nicht nur um Vergangenheit, sondern auch um Zukunft gehen könnte, nicht so sehr um die wirtschaftliche, sondern um die politische. Denn hier wird nonkonform gegen die Verhältnisse angewählt, hier wird die „belebende Kraft des Populismus“ (Jörg Baberowski) spürbar, hier sind Wandel und Wende keine rhetorischen Mittel, sondern reale Erfahrungswerte. Und Hoffnungen?

Was soll der Vergleich von Scholz und Modrow sagen?

Auf Meldungsebene wird die ostdeutsche Zukunftsperspektive empirisch verdeutlicht: Überdurchschnittlich viele Ostdeutsche verpflichteten sich freiwillig bei der Bundeswehr, heißt es da gleich zu Beginn wie zum Beleg, dass man Sachverhalte ohne Wertung vermelden kann. Außerdem wird in Aussicht gestellt, dass Wohnraum im Osten bald attraktiv für Westdeutsche werden könnte. Und auch, dass Kulturschaffende aus Ostdeutschland ihre eigenen Erfahrungen im deutschen Film mehr gespiegelt sehen wollen, wird positiv vermerkt. Das ist die Perspektive im Kleinen.

Im Großen zeigt sich die „ostdeutsche Perspektive“ vor allem in einem Gestus des Widerstands gegen die bestehenden Verhältnisse. Die aktuelle Bundesrepu­blik wird zur Wiedergängerin der DDR stilisiert, die Zensur ausübe und Rechte einschränke. Das Verlegerehepaar selbst lässt sich zum historischen Stammtisch-Vergleich herab, indem es die Kanzler Scholz und Merz zu „Exponenten eines Übergangs, wie die Ministerpräsidenten Modrow und de Maizère“ erklärt. Und dann den vielsagenden Satz anfügt: „Wir haben genauso viel oder wenig Respekt vor den Verhältnissen, wie den Menschen aus dem Osten Respekt entgegengebracht wird.“

Was soll diese Korrelation genau bedeuten? Dass die ostdeutsche Perspektive vor allem eines heißt: Rache an westdeutscher Respektlosigkeit? Das wäre ja ein ziemlich selbstbezügliches Programm. Und doch wirken viele Texte in genau diesem Gestus geschrieben. Schon das Titelthema, das sich anklagend mit den kungeligen Mechanismen der Bundespressekonferenz beschäftigt, hat vor allem zur Pointe, dass der herrschaftskritische Verfasser, ein ehemaliger Mitarbeiter von Russia Today, selbst von ihr ausgeschlossen werden sollte: Herrschaftskritik als Traumabewältigung.

Guantánamo liegt jetzt in Westdeutschland

So klingt auch das Interview mit einem ehemaligen NATO-Mitarbeiter, der angeblich wegen seiner „abweichenden Meinung zum Ukraine-Krieg“ von der EU sanktioniert wurde und dabei Todesangst gehabt hat. „Man kann meinen Fall mit Guantánamo vergleichen“ – dieses abstruse Zitat hebt die „Ostdeutsche Allgemeine“ ausdrucksvoll hervor. Überhaupt begegnet einem bei der Lektüre die Figur des boykottierten Opfers erstaunlich oft dafür, dass man sich im „Mission Statement“ so ostentativ von der „Opfernarrativ“-Idee absetzt.

Die „Zeit“ schickte neulich Mariam Lau zur Homestory vorbei, die „Ostdeutsche Allgemeine“ porträtiert ihn jetzt zu ihrem Start: Tino Chrupalla ist der einzige Bundesvorsitzende einer Bundestagspartei aus Ostdeutschland.dpa

Ostdeutsche Perspektive, das heißt: die Gefährdung der Meinungsfreiheit anzuklagen. Oder meint es eher: die Meinung der Gegenseite falsch zu finden? „Gerade die ostdeutsche Geschichte lehrt: Die richtige Meinung von heute kann morgen schon verpönt sein“, schreibt der Chefredakteur in seinem Editorial. So als ob jemand, der sich heute für die Kriegstüchtigkeit Deutschlands ausspricht, fürchten müsse, morgen dafür als militaristischer Mitläufer verfemt zu werden. Wonach sehnt sich die „Ostdeutsche Allgemeine“? Danach, die ostdeutsche Realität widerzuspiegeln oder Rache zu nehmen an denjenigen, die diese Realität „falsch“ wahrnehmen? Richtig oder falsch scheint jedenfalls eine zentrale Leitdifferenz der „Ostdeutschen Allgemeinen“ zu sein, wenn es im Leitbild heißt: „Wir tun mitunter Dinge, die auf den ersten Blick falsch wirken“ – was soll das im journalistischen Zusammenhang genau heißen: richtig und falsch? Stützt diese Unterscheidung nicht ebenjenen Hang zur Moralisierung, von dem man sich so entschieden absetzen will?

Falsch ist jedenfalls nicht das große Tino-Chrupalla-Porträt, das als Gegenstück zum Miosga-Verhör vor zwei Wochen aufgemacht ist, falsch sind nicht die Interviews mit Spitzenpolitikern, die zu diplomatischen Verhandlungen mit Russland raten, falsch sind schon gar nicht die Theaterkritiken aus Dresden, die Lokalreportage aus Magdeburg oder die Reiseempfehlung nach Usedom.

Falsch ist die Ankündigung, dass die „Ostdeutsche Allgemeine“ in einem „unabhängigen Verlag“ erscheinen werde. Denn der Verleger Holger Friedrich hat im Interview mit der „Welt“ die ostdeutsche Perspektive seines Blattes klar konnotiert: „Systematische Kränkungen führen zur Bereitschaft, in den Konflikt zu gehen – egal zu welchem Preis. Diese Mechanik kann ich als Ostdeutscher gut verstehen.“ Damit wird die Gründung der „Ostdeutschen Allgemeinen“ tatsächlich zu einem Akt der Revanche. Der deutsche Zeitgeist, so wie er sich in den zwei Zeitungsausgaben dokumentiert, stellt sich janusköpfig dar: Während die einen routiniert auf ihren Westwohlstand zurückschauen, sehen die anderen vergeltungsfroh eine Ost-Wende voraus. Die eigentliche Repräsentationslücke ist noch gar nicht erkannt: Wer schreibt noch für das Allgemeine?

Source: faz.net