Die Spannung ist groß: Wen zeichnet die Academy dieses Jahr aus? Den unumstrittenen Publikumsliebling? Oder doch den Film, der die Gemüter spaltet? Zum ersten Mal seit 25 Jahren wird eine brandneue Oscar-Kategorie eingeführt.
In der Nacht von Sonntag auf Montag werden in Los Angeles die Oscars verliehen. Das vergangene Kinojahr war von Enttäuschungen geprägt, Filmkritiker beklagten das Ende Hollywoods, Zuschauer blieben den Lichtspielhäusern fern, selbst wenn ihre Lieblingsstars von der Leinwand strahlten. Die allgemeine Müdigkeit spiegelt sich auch in den Oscar-Nominierungen wider.
Welche Filme heben sich trotzdem von der Masse des Mittelmäßigen ab? Und welche Wahl-Entscheidung könnte am meisten überraschen? Hier finden Sie die Liste der wichtigsten Kategorien und unsere Gewinnerprognosen.
Film
„Bugonia“ von Ed Guiney & Andrew Lowe, Yorgos Lanthimos, Emma Stone und Lars Knudsen
„F1“ von Chad Oman, Brad Pitt, Dede Gardner, Jeremy Kleiner, Joseph Kosinski und Jerry Bruckheimer
„Frankenstein“ von Guillermo del Toro, J. Miles Dale und Scott Stuber
„Hamnet“ von Liza Marshall, Pippa Harris, Nicolas Gonda, Steven Spielberg und Sam Mendes
„Marty Supreme“ von Eli Bush, Ronald Bronstein, Josh Safdie, Anthony Katagas und Timothée Chalamet
„One Battle after Another“ von Adam Somner, Sara Murphy und Paul Thomas Anderson
„The Secret Agent“ von Emilie Lesclaux
„Sentimental Value“ von Maria Ekerhovd und Andrea Berentsen Ottmar
„Sinners“ von Zinzi Coogler, Sev Ohanian und Ryan Coogler
„Train Dreams“ von Marissa McMahon, Teddy Schwarzman, Will Janowitz, Ashley Schlaifer und Michael Heimler
Von den zehn in der Königsdisziplin vertretenen Filmen liegt – an Nominierungen gemessen – der Vampir-Horrorfilm „Sinners“ vorne. Sagenhafte 16 Goldjungen könnte der Überraschungserfolg davon tragen. Allerdings macht ihm der Publikums- und Kritikerliebling „One Battle after Another“ Konkurrenz, ein ebenso genresicherer und die Krise Amerikas verhandelnder Action-Thriller. Achtmal nominiert ist die Shakespeare-Historien-Romanze „Hamnet“, die die Kritiker spaltete wie kaum ein anderer Film in diesem Jahr: Die einen heulten Rotz und Wasser, die anderen gähnten im besten Fall vor Langeweile und fühlten sich im schlechtesten Fall emotional erpresst. Mein Tipp: „One Battle after Another“ ist der Film, auf den sich dieses Jahr alle einigen konnten, und er sollte daher auch gewinnen.
Regie
„Hamnet“ von Chloé Zhao
„Marty Supreme“ von Josh Safdie
„One Battle after Another“ von Paul Thomas Anderson
„Sentimental Value“ von Joachim Trier
„Sinners“ von Ryan Coogler
Wenn „One Battle after Another“ den Hauptpreis gewinnt, liegt es nahe, Paul Thomas Anderson auch den Regie-Oscar zu überlassen. Zwar stimmen „Beste Regie“ und „Bester Film“ nicht immer überein, da die Academy in beiden Kategorien separat Stimmen abgibt, aber Abweichungen sind trotzdem eher selten. Zwar schon oft nominiert („Magnolia“, „There Will Be Blood“, „Phantom Thread“, „Licorice Pizza“), ging Anderson bislang bei den Oscars leer aus. Das sollte sich schnell ändern. Der Amerikaner gilt als cineastisches Chamäleon, das mühelos zwischen Genres und Themen changiert, und von dem man nie weiß, was man als Nächstes zu erwarten hat.
Adaptiertes Drehbuch
„Bugonia“ (Will Tracy)
„Frankenstein“ (Guillermo del Toro)
„Hamnet“ (Chloé Zhao & Maggie O’Farrell)
„One Battle after Another“ (Paul Thomas Anderson)
„Train Dreams“ (Clint Bentley & Greg Kwedar)
„Frankenstein“ ist das beste Beispiel für einen Film, dem es gelingt, dem modernen Publikum einen Literatur-Klassiker nahezubringen, ohne ihn mit eigenen Neudeutungen zu überfrachten oder zu verfremden. Der Oscar für das beste adaptierte Drehbuch wird wahrscheinlich trotzdem an „One Battle after Another“ oder – leider muss man auch damit rechnen – „Hamnet“ gehen.
Originaldrehbuch
„Blue Moon“ (Robert Kaplow)
„It Was Just an Accident“ (Jafar Panahi sowie Nader Saïvar, Shadmehr Rastin, Mehdi Mahmoudian)
„Marty Supreme“ (Ronald Bronstein & Josh Safdie)
„Sentimental Value“ (Eskil Vogt, Joachim Trier)
„Sinners“ (Ryan Coogler)
„Sinners“ liefert sich hier ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit „Marty Supreme“. Beides sind unterhaltsame, tolle Filme. Sollte „Sinners“ aber nicht einmal in dieser Kategorie glänzen, die oft originelle Ideen belohnt, könnte er sich zum großen Verlierer des Abends entwickeln.
Hauptdarsteller
Timothée Chalamet in „Marty Supreme“
Leonardo DiCaprio in „One Battle after Another“
Ethan Hawke in „Blue Moon“
Michael B. Jordan in „Sinners“
Wagner Moura in „The Secret Agent“
Wenn nicht jetzt, wann dann: Timothée Chalamet war schon für seine herausragenden Darstellungen in „Call Me by Your Name“ und „A Complete Unknown“ nominiert, hat aber spätestens seit seiner brillanten Darbietung als getriebener Tischtennis-Profi in „Marty Supreme“ den Oscar verdient. Leonardo DiCaprio spielt vorhersehbar, höchstens Michael B. Jordan könnte Chalamet den Sieg noch streitig machen.
Nebendarsteller
Benicio Del Toro in „One Battle after Another“
Jacob Elordi in „Frankenstein“
Delroy Lindo in „Sinners“
Sean Penn in „One Battle after Another“
Stellan Skarsgård in „Sentimental Value“
Dass Jacob Elordi als Monster in „Frankenstein“ nominiert ist, soll ja wohl ein Witz sein! Gleich zwei Schauspieler aus „One Battle after Another“ haben dagegen ernsthafte Chancen auf die Auszeichnung – verdient hat sie aber unumstritten Sean Penn, dem die großartigsten Szenen dieses großartigen Films gehören.
Hauptdarstellerin
Jessie Buckley in „Hamnet“
Rose Byrne in „If I Had Legs I’d Kick You“
Kate Hudson in „Song Sung Blue“
Renate Reinsve in „Sentimental Value“
Emma Stone in „Bugonia“
Rose Byrne wurde schon auf der Berlinale als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle der gestressten Mutter in „If I Had Legs I‘d Kick You“ ausgezeichnet. Für die Oscars ist der bemerkenswerte Film über postnatale Überforderung aber wahrscheinlich zu nischig, genauso wie der Verschwörungsthriller „Bugonia“, für den die 37-jährige Emma Stone nach ihren Auszeichnungen für „La La Land“ und „Poor Things“ jetzt schon ihren dritten Goldjungen gewinnen könnte. Die Norwegerin Renate Reinsve gilt zu Recht als Newcomer-Talent unserer Zeit. Dennoch wird das Rennen höchstwahrscheinlich Jessie Buckley machen.
Nebendarstellerin
Elle Fanning in „Sentimental Value“
Inga Ibsdotter Lilleaas in „Sentimental Value“
Amy Madigan in „Weapons“
Wunmi Mosaku in „Sinners“
Teyana Taylor in „One Battle after Another“
Wunderbar, dass der grandiose Cozy-Horrorfilm „Weapons“ durch diese Kategorie auf Umwegen doch noch Beachtung findet. Einer der wenigen herausstechenden Filme, die dieses von Enttäuschungen durchzogene Oscar-Jahr zu bieten hatte. Den Preis für die beste Nebendarstellerin werden aber wahrscheinlich Teyana Taylor oder Wunmi Mosaku abstauben.
Fremdsprachiger Film
„The Secret Agent“ aus Brasilien
„It Was Just an Accident“ aus Frankreich
„Sentimental Value“ aus Norwegen
„Sirāt“ aus Spanien
„The Voice of Hind Rajab“ aus Tunesien
Auch in dieser Kategorie, die gewöhnlicherweise ausnahmslos starke Filme aufweist, zeigt sich die grundsätzliche Schwäche dieses Oscar-Jahrgangs. Einzig der mit Schockmomenten gespickte Roadtrip „Sirāt“ aus Spanien lässt den Zuschauer aus dem Kinosaal taumeln und sich noch Wochen später fragen, was er da eigentlich erlebt hat.
Animationsfilm
„Arco“ (Ugo Bienvenu, Félix de Givry, Sophie Mas and Natalie Portman)
„Elio“ (Madeline Sharafian, Domee Shi, Adrian Molina and Mary Alice Drumm)
„KPop Demon Hunters“ (Maggie Kang, Chris Appelhans and Michelle L.M. Wong)
„Little Amélie or the Character of Rain“ (Maïlys Vallade, Liane-Cho Han, Nidia Santiago and Henri Magalon)
„Zootopia 2“ (Jared Bush, Byron Howard and Yvett Merino)
Hier wird es spannend. Besitzt die Academy den Nerv, den Netflix-Mega-Erfolg über eine K-Pop-Band auszuzeichnen, der die Sehgewohnheiten jedes vor 2000 geborenen Zuschauers auf die Probe stellt? Oder geht sie mit „Elio“, einem Disney-Flop, lieber auf Nummer sicher?
Casting
„Hamnet“ (Nina Gold)
„Marty Supreme“ (Jennifer Venditti)
„One Battle after Another“ (Cassandra Kulukundis)
„The Secret Agent“ (Gabriel Domingues)
„Sinners“ (Francine Maisler)
Das erste Mal seit 25 Jahren gibt es eine neue Kategorie: Erstmals wird dieses Jahr ein Oscar für das beste Casting verliehen. Wer wird also der erste Casting-Gewinner aller Zeiten? Die Chancen stehen gut, dass Sonntagnacht eine Frau ausgezeichnet wird. Während die meisten großen Kategorien wie Regie und Drehbuch weiterhin männerdominiert sind, stechen Frauen neben dem Kostümdesign in der Kunst, die richtigen Schauspieler zu finden, hervor. „Marty Supreme“ hätte diese Würdigung genauso verdient wie „One Battle after Another“.
Source: welt.de