Klarsichtiger als er schreibt kein Schriftsteller über Russland. Mit „Die neue Barbarei“ legt Viktor Jerofejew sein bislang stärkstes Werk vor. Und sein problematischstes. Denn darin entlässt er die Russen aus ihrer Verantwortung.
Wie realistisch ist es, dass nach dem Krieg Russlands gegen die Ukraine das Best-Case-Szenario eintritt? Das Best-Case-Szenario wäre, dass sich in der russischen Gesellschaft ein Bewusstsein dafür entwickelt, welch unermessliches Leid sie über die Menschen in der Ukraine gebracht hat. Viktor Jerofejew hält das für praktisch ausgeschlossen.
Zu stark sind in der russischen Gesellschaft der Siegeskult und der damit zusammenhängende Todeskult verankert, als dass es dort überhaupt ein Wissen darüber gäbe, dass Russland in seiner Geschichte eine ganze Reihe von Kriegen verloren hat.
Jerofejew macht die russische Schuld zum Thema seiner neuen, monumentalen „Romanfantasie“ (in welche auch eine Reihe aktueller Essays eingearbeitet sind). Hier ist es die russische Schuld als Allegorie selbst, die der Erzähler heiratet. Die Frau heißt Russische Schuld, im Original „Russkaja wina“, abgekürzt: Ruwi. Das entspricht genau der Tendenz der russischen Sprache zur Verniedlichung. Mit diesem Kosenamen wird das Bezeichnete, die russische Schuld, sofort vergessen gemacht. Jerofejew sieht satirisch voraus, dass Moskau mit seinem Hipstertum auch dieses Thema einmal verschlucken wird, wenn er Ruwi sagen lässt: „Ich bin die Developerin eines Guilt-Designs.“ – „‚Guilt-Design!‘, rief ich unwillkürlich aus. ‚Cooler geht’s nicht!‘“
Der Politikanalytiker Alexander Baunow hat einmal gesagt, dass die russische Propaganda der Bevölkerung einen Gedanken bietet, der so bestechend ist und so stark, dass es beinahe unmöglich ist, gegen ihn anzukommen. Dieser Gedanke lautet: „Man mag euch dafür nicht, dass ihr besser seid als die anderen.“ Die Deutschen wollen immer allen beweisen, dass sie die Besten sind. Die Russen halten sich sowieso für die Besten, deswegen müssen sie niemandem etwas beweisen. Die Deutschen waren erst Massenmordweltmeister, dann Verdrängungsweltmeister, des Weiteren waren sie Fußballweltmeister, dann Vergangenheitsaufarbeitungsweltmeister. Schließlich wieder Fußballweltmeister. Die gesellschaftliche Situation in Russland beschreibt Jerofejew so: „Leute, denen alles scheißegal ist, kann man nicht verändern.“ Noch zugespitzter: „Das Überleben Russlands ist ausschließlich der Gleichgültigkeit zu verdanken. Sie ist paradoxerweise die Rettung für das Land. Um zu zerfallen, braucht es Energie.“
Jerofejew tritt in ein Zwiegespräch mit Hannah Arendt und Karl Jaspers, aber der Vergleich von Hitlerdeutschland und Putinrussland führt nicht weit. Es ist bemerkenswert, dass Jerofejew nicht die Verantwortung, sondern die Schuld in den Untertitel seines Buches hebt. Sprechen wir von einer Kollektivschuld, haftet diesem Gedanken auch etwas Bequemes an: Wenn alle schuld sind, ist letztlich niemand schuld. Sprechen wir von einer kollektiven Verantwortung, ist auch das bequem: Wenn alle nur verantwortlich sind, ist ebenfalls niemand schuld. Am allernotwendigsten wird ein Teil der russischen Gesellschaft Putin erst nach Putins Tod brauchen: um zu versuchen, die gesamte Verantwortung für den Krieg auf ihn abzuwälzen.
Wie geht es in Russland weiter?
Falls die russische Geschichte ein Indikator ist für die Zukunft Russlands, dann kann man bestenfalls davon ausgehen, dass das einzige, was einen Umsturz herbeiführen kann, ein unerwartetes Ereignis sein wird. Irgendetwas, das heute absolut niemand auf dem Zettel hat. Aber auf eine Überraschung zu hoffen, ist natürlich keine politische Strategie. Jerofejew traut es Putin sogar zu, dass dieser dazu bereit ist, die gesamte Menschheit auszulöschen. Man wird einwenden wollen: Aber spätestens in dem Moment, bevor Putin auf den roten Knopf drückt, wird ihn doch jemand davon abhalten? Da ist Jerofejew sich nicht so sicher. Denn er kennt seine Landsleute, und der Selbsterhaltungstrieb ist in Russland nicht besonders ausgeprägt.
Jerofejew war immer ein brillanter Essayist, und er war immer ein schwungloser Romancier. Er muss das selber schon oft genug gesagt bekommen haben, denn genau dieses Rezeptionsurteil blitzt auch gegen Ende seiner „Romanfantasie“ kurz auf. Jerofejews Essays sind bewundernswert klarsichtig. Es gibt in der zeitgenössischen russischen Literatur niemanden sonst, der an sein Urteilsvermögen heranreicht. Wenn Jerofejew aber ins Fiktionale abdriftet, beginnt er sich nach kürzester Zeit zu wiederholen. Seine seitenlangen Beschreibungen dessen, dass er die größte Libido von allen hat, werden auch bei der tausendsten Variation nicht origineller. In seiner „Romanfantasie“ ist dies glücklicherweise dadurch abgemildert, dass sie über weite Strecken dialogisch gehalten ist und sich insgesamt überaus kurzweilig und erhellend liest.
Erst vor wenigen Wochen hat Jerofejew ein langes Kapitel aus seiner „Romanfantasie“ in einer russischen Zeitschrift veröffentlicht. Natürlich musste Jerofejew sich selber stark zensieren, damit eine Veröffentlichung dieses Kapitels in Russland überhaupt möglich war. Für Literaturhistoriker wird es dereinst aufschlussreich sein, die in Deutschland erschienene mit der in Russland erschienenen Fassung dieses Kapitels zu vergleichen. Um nur ein einziges Beispiel zu nennen: In der deutschen Fassung heißt es: „Einstellung zu Frieden und Krieg [!]: weiblich, friedliebend. In der heutigen Zeit – kriminell!“ In der russischen Fassung heißt es an dieser Stelle: „Einstellung zu Frieden [!]: weiblich, friedliebend. Es geht um sowjetische Zeiten.“
Woran liegt es, dass Russland einerseits eine so berühmte große Kultur hervorgebracht hat und andererseits eine endlose Zahl von Leuten, deren Beruf es ist, Ukrainer zu ermorden? Nach Jerofejew lässt sich diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen erklären. Der Triumph der Irrationalität, schreibt er, sei die Grundvoraussetzung für endlose Fantasie. Nur dass die einen ihre Fantasie schöpferisch nutzen, wohingegen die anderen sozusagen die falsche Abbiegung nehmen und ihre Fantasie destruktiv nutzen. Wenn man heutzutage die seltene Gelegenheit hat, in freier Umgebung und offen mit Menschen zu sprechen, die in Russland leben, so sagen sie unisono: In den 1960er-, 1970er-, 1980er-Jahren war es in der Sowjetunion nicht so schlimm, wie es heutzutage in Russland ist. Denn damals gab es Regeln. Heute gibt es keine Regeln mehr.
Seit Kriegsbeginn hat es gar keinen Sinn mehr, zwischen einem Geheimdienstflügel des Kreml und einem liberalen Flügel des Kreml zu unterscheiden. Sie arbeiten bestens zusammen. Umso erstaunlicher ist es, welch guten Ruf im Westen manche russische Liberale auch heute noch haben. Die beiden Personen, die in den letzten Jahren Putin am allermeisten geholfen haben, den Krieg am Laufen zu halten, sind Donald Trump und die russische Zentralbankchefin Elwira Nabiullina. Es ist gerade in Jerofejews neuem Buch so, dass immer klar erkennbar ist, wann der Autor – also nicht der Erzähler – seine politische Meinung äußert. Überraschend ist die von Jerofejew hier mehrfach geäußerte Meinung: Wenn der Krieg eines Tages vorbei sein sollte, dann braucht Russland für eine Übergangszeit einen „liberalen Diktator“. Ein guter Zar? Und dann geht alles wieder von vorne los?
Als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion über Nacht eine Verfassung für die Russländische Föderation zusammengeschmiert wurde, waren sich auch im Westen alle einig: Was Russland braucht, ist eine starke Hand, anders ist es nicht regierbar. Genau aus diesem Grund hat man, wenn die unwissenschaftliche Ausdrucksweise gestattet ist, die schlechtesten Passagen aus der amerikanischen Verfassung und die schlechtesten Passagen aus der französischen Verfassung addiert, nämlich diejenigen, die die Vollmachten des Präsidenten betreffen, und in die russische Verfassung übernommen. Nun, in der Gegenwart, in der wir leben, sieht man ja, zu welcher Situation unter anderem diese Idee geführt hat. Der Westen wird auch nach dem Krieg nur begrenzten Einfluss auf die Entwicklung in Russland haben, aber er hat mehr als einmal Sympathien aufgebracht, wenn dort ein liberaler Diktator herrschte. Wenn es einen Fehler gibt, den er ganz besonders nicht wiederholen sollte, dann diesen.
Joseph Wälzholz, geboren 1980, ist Slawist und arbeitet als Übersetzer aus dem Russischen.
Viktor Jerofejew: Die neue Barbarei. Romanfantasie über die russische Schuld. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Matthes & Seitz, 448 Seiten, 26 Euro
Der Schriftsteller Viktor Jerofejew wurde als Diplomatensohn 1947 in Moskau geboren und lebt seit 2022 im deutschen Exil. Sein Vater war Stalins Französisch-Dolmetscher und später, unter Chruschtschow und Breschnew, sowjetischer Kulturattaché und Botschafter, sodass Viktor Jerofejew zeitweise in Paris aufwuchs. Er hat zahlreiche Romane und Essays veröffentlicht, zu seinen bekanntesten Werken zählen „Die Moskauer Schönheit“ (1990), „Der gute Stalin“ (2004) und „Der große Gopnik“ (2023), auf Deutsch alle bei Matthes & Seitz.
Source: welt.de