„Die Nato, wie wir sie heute Kontakt haben, ist tot“

Trotz kurzfristiger Vorteile durch den Iran-Krieg ist Russland zu schwach, um die Ukraine zu besiegen, glaubt Trumps früherer Sondergesandter Kellogg. Für die Zukunft der Nato hat er ein gänzlich neues Konzept.

Donald Trumps früherer Sondergesandter für die Ukraine, General Keith Kellogg, sieht Russland nicht in der Lage, gegen die Ukraine zu gewinnen. Der US-Generalleutnant sagte, der Kreml profitiere zwar indirekt von den Entwicklungen im Nahen Osten, sei militärisch jedoch zu schwach, den Krieg für sich zu entscheiden.

„Russland profitiert von steigenden Ölpreisen, insbesondere beim Rohöl, das teurer wird. (…) Ich denke, sie haben dadurch einen gewissen Vorteil und eröffnen sich neue Möglichkeiten“, sagte Kellog der polnischen Zeitung „Fakt“, wie WELT Mitglied des Axel Springer Global Reporters Network.

„Putin hat gewisse Vorteile, wird die Ukraine aber nicht besiegen.“ Der ehemalige Ukraine-Chefunterhändler des Weißen Hauses erklärte, der Friedensprozess stecke fest, weil Wladimir Putin von seiner eigenen Stärke überzeugt sei.

Russland stößt an seine Grenzen

„Man muss verstehen, dass Russland diesen Krieg nicht gewinnt. Sie haben den Dnipro nicht überschritten. Sie haben Charkiw, Odessa oder Kiew nicht eingenommen. Außerdem haben sie die Ukrainer auf dem Schlachtfeld nicht besiegt.“

Russland stehe weiterhin vor einem anspruchsvollen und andauernden Krieg. „Ich gebe Ihnen einen guten Vergleich: Als die Sowjetunion in Afghanistan kämpfte, zog sie sich nach dem Verlust von 18.000 Soldaten zurück. Putin hat zwischen 1,2 und 1,4 Millionen Soldaten verloren – getötet oder verwundet“, sagte Kellogg.

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Putin könne das nicht mehr lange durchhalten, sei aber fälschlicherweise davon überzeugt, die Oberhand zu haben. „Er glaubt, er könne den Rest des Donbass einnehmen. Meine Haltung wäre: ‚Gut, dann soll er dafür kämpfen.‘ Das würde ihn weitere 250.000, 300.000, 400.000 oder 500.000 Soldaten kosten.“ Kellogg vermutet, dass Putin sich um sein eigenes Überleben sorge und darum, nicht als der „letzte Zar“ in die Geschichte einzugehen.

Nach Ansicht des früheren Trump-Beraters muss Europa die Ukraine weiterhin unterstützen – mit militärischer Ausrüstung und indem es sicherstellt, dass die Ukraine weiter kämpfen kann. „Dann wird Russland hoffentlich sagen: ‚So können wir nicht weitermachen.‘ Derzeit hängt alles von Putin ab. Die Ukrainer sind bereit für eine Waffenruhe entlang der aktuellen Frontlinien, aber Putin ist es nicht. Das ist sein Problem“, sagte der General.

Erwartungen an Europa

Auf die Frage, ob die Trump-Regierung mehr Druck auf Russland ausüben sollte, lenkte General Kellogg den Blick auf Europa. „Ich nenne Ihnen ein gutes Beispiel: Europa hat die in Belgien eingefrorenen russischen Vermögenswerte noch immer nicht beschlagnahmt. Dort liegen Milliardenbeträge, die Europa an die Ukraine übertragen und so deren Kampffähigkeit stärken könnte.“

Aber Belgien tue das nicht. Es sei bedauerlich, dass das nicht schon vor fünf, zehn oder fünfzehn Jahren geschehen sei. „Jetzt versuchen sie aufzuholen. In Polen hat man das erkannt. Sie erhöhen Ihr Verteidigungsbudget, während andere Länder das erst jetzt begreifen“, sagte der 81-Jährige.

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Die Polen hätten beeindruckende Arbeit geleistet. „Sie haben ihre Verteidigungsfähigkeit ausgebaut. Sie erkennen die potenzielle Bedrohung an der Grenze zu Russland, falls die Russen in der Ukraine erfolgreich sind. Ich denke, sie haben recht und den richtigen Blick auf das, was vor uns liegt.“

Der erfahrene Militär äußerte zudem Sorge darüber, dass europäische Staaten nicht ausreichend auf sicherheitspolitische Herausforderungen vorbereitet seien. Ein Beispiel sei Großbritannien. „Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, wie ein Land, das einst eine so mächtige Seemacht war, zwei Flugzeugträger besitzt – und beide gleichzeitig in der Werft liegen.“

Großbritannien habe Schwierigkeiten, seine Streitkräfte einsatzfähig zu halten. „Wenn eine neue europäische Verteidigungsstruktur entsteht, wird man sehr genau darüber nachdenken müssen, was das bedeutet und mit wem man sich verbündet“, sagte General Kellogg.

Zweifel an der Nato

Seiner Ansicht nach werden sich die USA künftig zurücknehmen und neu bewerten müssen, wie die Nato heute im Vergleich zu ihrer Gründungszeit aussieht. „Wir sind von zwölf auf 32 Mitgliedstaaten gewachsen. Und warum? Wenn man sich einige Länder wie Albanien oder Montenegro ansieht – welchen Beitrag leisten sie?“ Zur Unterstützung der Ukraine in ihrem Krieg gegen Russland fordert er von Europa und den USA mehr Druck auf Moskau. Die Zukunft der Nato stellt er jedoch grundsätzlich infrage. „Die Nato, wie wir sie heute kennen, ist tot.“

Möglicherweise brauche es eine neue Verteidigungsstruktur und ein neues Sicherheitssystem. „Beginnend mit Polen, der Ukraine, Deutschland und vielleicht einigen anderen Ländern, mit denen wir bereits zuvor Allianzen hatten, während andere außen vor bleiben“, konstatierte Kellog.

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Trumps Frustration über die zögerliche Haltung der Nato, die USA bei der Öffnung der Straße von Hormus zu unterstützen, findet Kellogg berechtigt. Schließlich hätten die Verbündeten der USA einen Anteil an der aktuellen Lage. „Sie haben zugelassen, dass die iranische Bedrohung im Laufe der Zeit gewachsen ist. Und jetzt leiden sie an den Konsequenzen. Ich denke, es besteht eine Verantwortung, die Straße von Hormus offen zu halten und den Einfluss des Iran auf die globalen Märkte wirksam zu begrenzen.“

Eine große Bodenoffensive der USA im Iran hält Kellogg für sehr unwahrscheinlich. Schließlich habe das Land eine Fläche von Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien zusammen. Möglich sei jedoch, dass eine Infanterieeinheit die Insel Kharg einnimmt, über die der Iran bis zu 90 Prozent seiner Ölexporte abwickelt.

Dieser Text erschien zuerst bei der polnischen Zeitung „Fakt“. Übersetzt, ergänzt und redaktionell bearbeitet von Jan Rosenkranz.

Source: welt.de

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