Der ewige Kanzler aus Ludwigshafen wirkte oft bieder. Aber einmal ließ er sich von einem ehemaligen SDS-Vorsitzenden zu einer Aktion der besonderen Art verleiten
Bundeskanzler Helmut Kohl und der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann auf der Frankfurter Buchmesse 1984
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Helmut Kohl und der „Mantel der Gechichte“ – der Kanzler hatte Probleme mit den Zischlauten, weshalb er nicht so gern von „Deutschland“ sprach, sondern von „diesem, unserem Land“. In Berlin wird demnächst eine Straße seinen Namen tragen, die Hofjägerallee, die, unweit der CDU-Geschäftsstelle, durch den Tiergarten zur Siegessäule führt.
Stellt sich bloß die Frage, wofür dieser Mensch eigentlich geehrt werden soll. Antwort: Für die gute alte Zeit. Das Leben war genauso schlecht, aber auch übersichtlich und halb so kompliziert. Es gab die und es gab uns. Und es gab „Birne“, dessen Wahlkampfreden vor 35 Jahren von Pfiffen und Eierwürfen begleitet waren. Ganz offensichtlich haben da einige Leute Schwierigkeiten mit der Erinnerung. Stichwort Spendengelder.
Der Altrevoluzzer KD Wolff war viele Jahre Chef des Verlags Stroemfeld/Roter Stern, wo unter anderem Klaus Theweleits Männerphantasien erschienen sind, wie auch die berühmte Hölderlin-Ausgabe in 20 Bänden. Auf der Frankfurter Buchmesse 1993 bekam KD Wolff einmal Besuch von Helmut Kohl, der seit der Schulzeit dafür bekannt war, ein Verehrer des Dichters zu sein („ich war gut in Hölderlin“).
Und nachdem der ehemalige SDS-Vorsitzende dem damaligen CDU-Vorsitzenden samt Entourage seine finanziellen Nöte klagte, geschah das Wunder: Nur ein paar Wochen später bestellte eine ominöse Stiftung aus Liechtenstein Hölderlin-Bände im Wert von 200.000 Mark! Bücher, die der Legende nach an Goethe-Institute auf der ganzen Welt verschenkt wurden.
Und die Moral der „Gechichte“? Dieses unser Land hatte einmal einen Kanzler, der Hölderlin liebte – Hölderlin! „… ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen.“ So viel zum Thema Wiedervereinigung und Einigkeit und Recht und Freiheit.
Bei Merz kann man sich eher vorstellen, dass er sich für Buchführung begeistert als für ein Buch
Die Tugenden der Deutschen seien „aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen“. Vorneweg der tugendhafte Friedrich Merz, den Kohl und Merkel sicher nicht ohne Grund nie in die Regierung aufgenommen haben. Der Mann mag sich mit Buchführung auskennen, mit Bilanzen bei Blackrock – aber nicht mit Büchern.
Auch wenn es pathetisch klingt: Der Widerspruch von Geist und Macht war lange nicht so deutlich wie heute. In seiner Partei scheint es nur eine Frage der Zeit, wann sie bereit ist, sich von der AfD tolerieren zu lassen. Die Demokratie erodiert und Helmut Kohl fehlt. Aber auch der Stroemfeld-Verlag.