Die Leipziger Buchmesse lädt den sächsischen AfD-Politiker Maximilian Krah aus. Er wollte aus seinem Roman lesen. Die Branche sei „intellektuell tot“, sagt er. Der Literaturbetrieb hat aber ein ganz anderes Problem.
Die Leipziger Buchmesse hat eine Buchvorstellung von Maximilian Krah abgesagt. Der AfD-Politiker sagte gegenüber dpa, er nehme die Absage „überrascht“ zur Kenntnis. Dabei ist das ganz und gar nicht überraschend, zumindest aus der Perspektive der Buchmesse. Bereits 2018 kam es in Leipzig rund um den neurechten Antaios-Verlag zu Tumulten. Bei einem Auftritt von Krah wäre mit ähnlichen Protesten zu rechnen gewesen wären. Nicht gegen den Roman, den Krah geschrieben hat, sondern gegen seinen Verfasser, der als Politiker immer wieder durch seine Rechtsaußengesinnung auffällt. Krah hatte beispielsweise den verbrecherischen Charakter der Waffen-SS öffentlich infrage gestellt.
Die Buchmesse ist in einem Dilemma: Die „Sicherheitsbedenken“, mit denen die Veranstalter die Absage begründen, dürften keineswegs nur vorgeschoben sein. Wo Krah auftaucht, ist keine nette Buchclub-Atmosphäre zu erwarten. Stattdessen eher politisch aufgeheizte Demonstrationen mit dem Flair von Straßenkampf. Doch das Aufeinandertreffen politischer Gegner zu moderieren, fällt nicht ins Hauptgeschäft einer Buchmesse. Auf das nicht unwahrscheinliche Szenario, dass in den Messehallen eine Stimmung wie rund um einen AfD-Parteitag herrscht, würde wohl jeder Veranstalter liebend gerne verzichten.
Die Absage der Buchvorstellung vertieft jedoch den schleichenden Ansehensverlust der Buchmesse, zumindest in rechten Kreisen. Ehrlicherweise muss man sagen, dass die Propaganda der neuen Rechten sowohl die sehr wahrscheinliche Neuauflage eines Tumults als auch die Absage verwerten könnte. Unter anderem, um die eigene Gegenveranstaltung zur Buchmesse zu popularisieren, die kürzlich in Halle an der Saale erstmals stattfand. Wenn man als Buchmesse, und zwar egal wie, nicht ohne Reputationsverlust aus der Nummer rauskommt, kann man gleich das Szenario mit weniger Aufwand wählen: die Absage. Man muss das nicht für richtig halten, aber das kann man verstehen.
Krah schimpft nun über die Buchmesse, die er „intellektuell tot“ nennt. Eine offensichtlich maßlose Selbstüberschätzung ist es, dass sich das gerade durch einen Auftritt von Krah ändern würde. Vor allem aber ist es falsch, dass die Buchmesse Angst habe, ein „unpolitisches“ Buch zu besprechen, wie Krah behauptet. Zwar bedient der Roman „Die Reise nach Europa“ ein anderes Genre als Krahs Manifest „Politik von rechts“. Doch der Autor bleibt derselbe. Als Berufspolitiker, wie Krah einer ist, muss man damit leben, dass jeder öffentliche Auftritt ein politischer Auftritt ist, selbst wenn auf dem Buchrücken nicht politisches Sachbuch als Genrebezeichnung steht.
Kann die „Vermessung einer Erinnerungskultur, die nicht in bloßer Schuldzuweisung verharrt“, wie es in der Ankündigung zum Roman heißt, überhaupt ein unpolitisches literarisches Programm sein? Oder ist es vielmehr ein weiteres Puzzlestück einer rechten Metapolitik? Das herauszufinden, wird eine Leseaufgabe für literarische Kritik sein. Das 600-seitige Buch hat jedenfalls – ein bekannter Nebeneffekt solcher Absagen – nun schon vor Erscheinen mehr Aufmerksamkeit erhalten als jede Werbekampagne des Verlags erreicht hätte.
Am Ende bleibt der Befund, dass Institutionen wie die Leipziger Buchmesse von einer ins kulturelle Feld ausgreifenden politischen Polarisierung strukturell überfordert sind. Die jetzige Absage sollte für die Buchmesse auch ein Anlass sein, sich als Business-Event und intellektuelles Get-together mit den Folgen einer hyperpolitisierten Aufmerksamkeitsökonomie zu beschäftigen.
Source: welt.de