Ostern hatten wir ja gerade erst. Da ging es ja – sieht man vielleicht mal von der Auferstehung des Herrn ab – eigentlich um alles, was uns heute so umtreibt. Um einen Shitstorm zum Beispiel, an dessen Ende einer tot am Kreuz hängt. Um Feigheit vor dem Pöbel. Um Schuld. Und um die Wahrheit.
Insofern passt „Innere Angelegenheiten“, der neue Schwarzwald-„Tatort“ der Schwarzwald-„Tatort“-Erfinder Bernd Lange (Buch) und Robert Thalheim (Regie) natürlich perfekt in die fortgesetzte Osterzeit. Im 17. Fall für die Kommissare Franziska „Franz“ Tobler und Friedemann „Frieder“ Berg geht es eigentlich auch um das alles.
Verpackt in etwas, von dem es immer heißt, dass es die Deutschen – sieht man mal vom Bernd-Lange-Intimus Dominik Graf ab – gar nicht können: in einen Polizeikrimi. „Innere Angelegenheiten“ ist eine Cop-Geschichte von Gruppendynamiken, Antrieben, gesellschaftlichen Verwerfungen und den Schatten, die sie übers Polizeiwesen werfen. Von Schuld und Moral. Und einer langen Nacht Reise in die Wahrheit.
Der Fall ist folgender: Im Hinterzimmer einer Bar irgendwo am Rand von Freiburg – dass sie THC heißt, wird nicht weiter thematisiert, „Innere Angelegenheiten“ ist eine sehr nüchterne Angelegenheit – stirbt ein Rocker. Jemand hat ihm irgendwas aus Glas über den Schädel gezogen. Ein sechsköpfiger Trupp Bereitschaftspolizisten war da. Hat den Mann festgenommen, der zuletzt mit ihm im Raum war. Intensivtäter, eine Akte so hoch wie ein Einsatzwagen.
Der Mann ist schon im Polizeipräsidium und der Frieder versucht, aus ihm die Wahrheit herauszufragen und kommt nicht vorwärts. Die Bar wird von den Devils belagert, das ist die Rockertruppe des Toten, die Franz hält sie gerade so im Zaum. Die offensichtlich persische Familie des Verdächtigen sitzt drin fest und kommt nicht weg. Die Bereitschaft fährt zurück, bleibt unter einer Unterführung stehen. Sie müssten ein Protokoll schreiben, sie wollen aber nicht weg. Weil sie die Wahrheit wissen oder sie zumindest ahnen, sie aber nicht sagen können oder wollen.
„Innere Angelegenheiten“ wahrt die Einheit der Zeit (der Dreh brauchte 24 Nächte), ist aber eine Geschichte von drei (Farb‑)Räumen. Grünliches Licht liegt über der Szene in der (natürlich höchst symbolischen) Unterführung, lilarosablau leuchtet sanft die Bar, trockene Dunkelheit umhüllt die Gesichter im Präsidium.
Gesichter sind wichtig in dieser Geschichte. Sie erzählen die Geschichte hinter der Geschichte. Thalheim fährt immer wieder nah an sie heran. Das Schöne an „Innere Angelegenheiten“ ist, dass die Gesichter, die da in den drei Arenen versammelt sind, sich bei den Grabungsarbeiten ins Innere der Wahrheit beharken, dieses Geschichtenerzählen leisten können. Es ist aber längst nicht das einzig Schöne.
Da ist der geradezu feinmechanische Rhythmus, mit der Thalheim und Lange ihre drei konzentrischen Plotkreise sich ineinander drehen lassen. Die Verhöre im Präsidium und in der Bar, das Scherbengericht, das die Bereitschaftspolizisten mit sich und dem Fall betreiben, antworten einander, widersprechen sich, treiben einander voran. Man weiß als Zuschauer immer mehr als jene, um die es gerade geht, und doch bis ganz zum Schluss, wenn „Innere Angelegenheiten“ in einem Reenactment der Tat endet, weiß man nichts von der wahren Wahrheit.
Der Druck auf die Polizisten
Da ist die geradezu schlafwandlerische Sicherheit und Feinheit, mit der Lange in die Verwerfungen des Sextetts aktuelle Risslinien in der Gesellschaft einarbeitet. Da spiegelt sich, was Frauen in Männerberufen auszuhalten haben, was Kinder migrantischer Eltern erleben und welcher Pöbelei sie in „ihren“ Vierteln ausgesetzt sind, wenn sie eine Uniform anziehen. Da spiegelt sich der Druck, der in einer zunehmend aufgeheizten Gesellschaft auf Vertreter einer zunehmend als feindlich begriffenen Obrigkeit ausgeübt wird, die – kaum sind sie aus der Polizeischule – lieber in die Prävention gehen als auf die Straße. Da zeigt sich, welche Folgen dieser Druck auch auf angehende Veteranen hat, die irgendwie noch durchhalten müssen. Mit jedem Schnitt wechselt der Fokus, wechselt die Diskurshoheit in der Unterführung, wird die Frage von Moral und Schuld und Verantwortung von einer anderen Seite aufgegraben.
Und da sind natürlich Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner. Die haben wir ja ganz besonders lieb. Weil sie es hinbekommen haben, die Franz und den Frieder und was sie miteinander haben, zur Wärmestube der Sonntagabendkrimiwelt zu machen. Die beiden – also die Kommissare – haben sich ja eigentlich sehr lieb. Das haben sie aber über die vergangenen Fälle vergessen (müssen). In denen ging es ums Franzens möglichen Aufstieg zur Chefin und wie er die Tektonik des Freiburger Reviers veränderte. Und es ging in die finsteren Verliese unter des Frieders Familiengeschichte, um Frieders Neigung zum Verbiegen einer tödlichen Wahrheit. Der Frieder war suspendiert worden. Jetzt steht erst der Blutmond über Freiburg, dann scheint eine feine Morgensonne über der Stadt und einer schleichend sachlich gewordenen Romanze. Leben geht weiter, Liebe vielleicht auch. Das ist schon sehr anrührend und sehr schön. Fast eine Auferstehung.
Source: welt.de