Die Kraft des Osterfests: Stille ist mehr wie die Abwesenheit von Lärm

Die Sehnsucht nach Stille ist groß. Ostern ist ein guter Anlass, um über sie nachzudenken. Nicht nur, weil man ein paar Tage frei hat, um mal durchzuatmen und Narzissen zu betrachten. Sondern weil es in der Erzählung vom Leiden, vom Tod und von der Auferstehung Jesu Christi Momente gibt, in denen es bemerkenswert still wird. Sie passen nicht zur aufgekratzten Stimmung der Leute damals in Jerusalem. Und sie sind auch in der heutigen Zeit selten geworden.

Stille ist etwas anderes als Ruhe. Die kann man schaffen. Mit Schallschutzwänden und dreifach verglasten Fenstern. Deshalb gibt es das Immissionsschutzgesetz, Hausordnungen und Nachtruhezeiten. Man kann sie auch beim Spaziergang im Wald oder im Spahotel suchen. Das ist wohltuend und macht es einfacher, in die Stille zu finden. Aber sie ist mehr als ein niedriger Geräuschpegel. Sie ist eine innere Haltung. Man kann im Hauptbahnhof stehen und still werden zwischen Rollkoffern und Lautsprecherdurchsagen.

Stille Momente können sehr unterschiedlich ausfallen. In der Ölbergszene zieht Jesus sich zum Beispiel in den Garten Gethsemane zurück, um zu beten. Er ringt – zu Tode betrübt – mit seinem Vater, in dessen Willen er sich schließlich ergibt. Es ist ein Moment innerer Sammlung. In der Nacht, in Abgeschiedenheit.

Vorraum des Heiligen

Für religiöse Menschen kann Stille so etwas wie ein Vorraum des Heiligen sein, zu dem sie nur im Schweigen einen Zugang finden. In der Passion begegnet dem Leser ein Angeklagter, der in sich gekehrt zu sein scheint und im Verhör von einem gewissen Punkt an schweigt. Im Markusevangelium steht, dass Pilatus sich wundert, als er nicht mehr antwortet. Der Gekreuzigte wird später aber auch zum Himmel schreien, weil Gott schweigt.

Auf den Tod am Kreuz folgt die Stille der Trauernden, die aus dem Fenster schauen und sich fragen, warum die Autos noch fahren und alle geschäftig durch die Gegend laufen, wo doch alles sinnlos geworden ist, nachdem eine Welt untergegangen zu sein scheint. Auch dafür sollte es Raum und Zeit geben, ein stiller Feiertag wie Karfreitag öffnet den Blick für diese Dimension menschlicher Existenz.

Im Zentrum der christlichen Erfahrung aber steht die geheimnisvolle, tröstliche Stille des Ostermorgens. Die große Wende ereignet sich im Verborgenen. Die Erzählung schweigt sich darüber aus. Die Frauen, die am Morgen zum Grab kommen, finden ihren Meister dort nicht mehr. Was sich ereignet hat, scheint bei Markus durch das Bild der aufgehenden Sonne hindurch. Und schon macht sich wieder Unruhe breit. Die Frauen sind ganz aufgeregt, verunsichert und laufen weg. Manchmal passiert eben zu viel auf einmal, um es wirklich zu begreifen. Erlebnisse werden erst zu Erfahrungen, wenn sie in der Reflexion ihren Widerhall finden, gedeutet werden. So entstehen Lebensgeschichten. Sich dafür Zeit zu nehmen, ist ein guter Anfang.

Ein lediger Geist

In der Meditation gehen Menschen weiter. Sie suchen die Stille, wollen sich von ihren Gedanken lösen, zumindest für eine Zeit. Denn die, so schildern es Meditationslehrer, wandern gerne in die Vergangenheit oder in die Zukunft. In der Gegenwart halten sie es oft nicht lange aus. Es ist eine Kunst, sie freundlich ziehen zu lassen, sich auf den Atem zu konzentrieren. Wenn Christen sich darin üben, sprechen sie Sätze wie diesen: Wer seinem Atem aufmerksam lauscht, der ist nicht fern von Gott. Man könnte auch sagen: der ist nicht fern von sich selbst.

Es geht darum, einfach da zu sein. Und das ist schwer. Das Ziel solcher Übungen ist gut beschrieben mit dem, was die mittelalterlichen, christlichen Mystiker einen ledigen Geist nannten. Dass es ein reiches christliches Erbe der Mystik und Kontemplation gibt und Schulen, die es mit dem Wissen fernöstlicher Praktiken verbinden, dringt zu vielen nicht durch. Dabei gibt es Bildungshäuser und Klöster, die sich darum bemühen.

Man kann das Ganze auch ganz weltlich betrachten und auf die positiven Effekte von Meditation hinweisen. So können Achtsamkeitsübungen dabei helfen, Stress zu mindern. Wissenschaftler beschreiben solche Übungen als eine Art und Weise der Aufmerksamkeit: bewusst, im gegenwärtigen Moment und ohne zu urteilen.

Mit Eskapismus hat das nichts zu tun. Im Gegenteil. Der hoffnungsvolle Gedanke an Ostern ist, dass Stille wirkt. Eine Gesellschaft, in der die Einzelnen zu sich kommen, wird besser zueinanderfinden und politische Debatten anders führen. Die Stille weist einen Ausweg aus den von sozialen Medien getriebenen Erregungszuständen. Sie ist die Voraussetzung dafür, klar zu sehen, zu urteilen und entschlossen zu handeln. In den beiden großen Kirchen schlummert das Wissen um dieses Erbe. Sie könnten viel mehr daraus machen.

Source: faz.net