In der zweiten Ausgabe von „Keine Talkshow – Eingesperrt mit Jan Fleischhauer“ behandelt der titelgebende Journalist die Reform des Bürgergelds. Eine Lokalpolitikerin der bayerischen SPD stellt sich mit einem Mitgliederbegehren gegen die Pläne der Bundesregierung.
Jan Fleischhauer pflegt die Feindesliebe. Er abonniere etwa vor allem „Feindpresse“, verriet er in dieser Woche der „Zeit“. Tadel nimmt der Journalist mit offenen Armen entgegen. „Die haben mir richtig schön einen reingewuppt in ihrer Kritik über die Sendung“, erzählte er belustigt über eine Rezension in der „taz“, die sein neues ZDF-Format „Keine Talkshow – Eingesperrt mit Jan Fleischhauer“ schon in der Überschrift als „öffentlich-rechtliches Trashfernsehen“ abgekanzelt hatte. „Offenes Visier, damit kann ich leben“, versicherte er abgeklärt.
Auch die konfrontative Reyhan Şahin, dem Gast seiner knalligen Premierenausgabe, lobte er in seinem Resümee als sympathisch und tauglich für das After-Work-Bier. Da war das eigentliche Integrationsthema der Sendung längst in Vergessenheit geraten. Mit Eva-Maria Weimann von der bayerischen SPD begrüßt Fleischhauer in seiner zweiten Sendung dennoch sicherheitshalber einen bedächtigeren Charakter. Die Mitinitiatorin des Mitgliederbegehrens gegen die neue Grundsicherung nennt den Host höflich „Herr Fleischhauer“, statt ihn wie ihre Vorgängerin als „Hoe-Host“ oder einfach als „Rassist“ zu schmähen.
„Für das Format hier ist sie gestählt“, prognostiziert Fleischhauer vorab mit Verweis auf die Härten des Straßenwahlkampfs der Lokalpolitik. Im verschließbaren Set empfängt der Journalist sie betont gastfreundlich am nachgebauten SPD-Wahlkampfstand mit Luftballons, Plastikwindrädern und einem Sonnenschirm. Ein Plakat von Olaf Scholz schmückt das trostlose Grau der Studiowand. Ein wenig Kritik darf es aber doch sein. Für ihn gehöre Weimann zum „Wir-müssen-immer-weiter-nach-links-gehen-Flügel“, der die Sozialdemokratie dereinst unter die Fünfprozenthürde treiben werde.
„Das ist eine wilde Erzählung“, kontert die SPD-Politikerin
Sie fände es gut, wenn das Bürgergeld bliebe, wie es sei, betont die SPD-Politikerin. Es sei eben ein „gutes System“. „Im Ernst?“, fragt Fleischhauer halb belustigt, halb ungläubig nach. Eine vierköpfige Familie in München mit Bürgergeldbezug erhalte etwa 3300 €, rechnet er vor. „Alter Schwede, wer kommt denn da noch mit?“ Das Brutto-Gehalt der Bezieher liege damit über jenem von Bäckern oder Elektrikern. „Da sind ganz Lohngruppen raus.“ Was Weimann vom zu geringen Lohnabstandsgebot halte? „Das fühle ich komplett. Und ich spüre auch diesen Frust darüber“, versichert die Stadträtin aus Dettelbach. Erwerbstätigen ginge es jedoch nicht dadurch besser, dass Erwerbslose weniger erhielten.
Fleischhauer kritisiert die Lokalpolitikerin dafür, es schon als eine Form der Entsolidarisierung zu empfinden, wenn es zu Leistungskürzungen komme, weil Erwerbslose nicht zum Jobcenter erschienen. „Das ist eine wilde Erzählung“, winkt Weimann ab. Es sei „absolut klar“, seine Termine wahrnehmen zu müssen, aber es gebe auch „eine Million Lebensumstände, die es einem nicht ermöglichen“. Sie selbst habe schon etliche Termine vertändelt. Und wer sich in einer Krise befinde, packe es nicht, einen Termin wahrzunehmen. „Die kennen doch ihre Pappenheimer beim Jobcenter“, sagt Fleischhauer darauf. „Die kennen die Leute, die es einfach nicht für nötig befinden und sich durchmogeln.“
Nur „FDP-Freaks“ seien gegen den Sozialstaat
Der Realität entrückt zeigen sich aber beide Diskussionsteilnehmer auf ihre Weise. Fleischhauer verpackt seine Kritik mit einem aus dem Leben gegriffenen Beispiel. Oder zumindest scheint er es zunächst für ein ebensolches zu halten. Jemand, der ein Haus am Starnberger See besitze und ins Bürgergeld falle, erhalte bislang die Ratenzahlungen vom Sozialamt, führt er aus. Das lehne er ab. „Ja, das passiert auch ständig, dass Leute, die am Starnberger See ein Haus haben, ins Bürgergeld fallen“, kontert Weimann. „Zugegebenermaßen ein seltener Fall“, gesteht der Journalist kichernd, während die SPD-Politikerin ihre schier grenzenlose Anteilnahme zur Schau stellt: „Auch für die habe ich eine gewisse Solidarität.“
Weimann zeigt sich sozialpolitisch kritikresistent. Ein Schaden von 100 Milliarden Euro entstehe zum Beispiel durch Steuerbetrug, schildert sie. Im Falle von Sozialbetrug belaufe sich die Summe auf gerade einmal 100 Millionen Euro. „Crazy Shit“, findet sie, und ergänzt: „Das ist ein Top-Transfer in der Bundesliga.“ Der Sozialstaat diene dazu, Arbeitnehmern Sicherheit zu verschaffen. „Bin ich dabei“, ruft da auch Fleischhauer aus, reicht ihr die Hand und setzt seinerseits zu Verteidigung des Systems an. 98 Prozent der Menschen seien für den Sozialstaat. Nur „irgendwelche FDP-Freaks“ stellten sich dagegen.
Als eine Sirene das Ende des selbstgewählten Studio-Lockdowns einläutet, erkundigen sich beide nach dem gegenseitigen Wohlbefinden. „Haben Sie das gut ausgehalten? Das war erträglich für Sie?“, fragt Weimann. „Für Sie auch?“, erwidert Fleischhauer. Es herrscht geradezu Harmoniesucht in einem Format, das sich in seiner Titelmelodie so martialisch gibt. „Die entsprach gar nicht meinem Feindbild“, gestand der Journalist dann auch in der „Zeit“. „Da stand mir meine eigene Sympathie im Weg.“
Source: welt.de