Die „kalkulierte Strategie“, den Iran in eine Zwickmühle zu können

Erstmals seit Jahrzehnten verhandeln Israel und der Libanon bei einem offiziellen Treffen über eine Entwaffnung der Hisbollah. Die Miliz hat angekündigt, dass sie weiterkämpfen wird. Der Iran steht nun vor einem Dilemma – mit potenziellen Folgen für die ganze Region.

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Man habe sich wieder „auf die Wurzeln“ der Organisation besonnen, sagt der Kommandeur der Hisbollah. Um der technischen Überlegenheit der „Zionisten“ zu begegnen und den Kampf fortsetzen zu können. Weil Israels Geheimdienste den Mobilfunk und andere Kommunikation überwachen, würden Befehle teils „handschriftlich per Motorradkurier“ von Einheit zu Einheit überbracht. Auch verwende die Führung nur alte und abhörsichere Funkgeräte, sagt der 62-jährige Mann, der den Kampfnamen „Dschihad“ trägt, in einem Interview des US-Radiosenders NPR.

Ihren Nachschub an Raketen und anderen Waffen decke die Hisbollah teils durch „lokale Produktion“ tief unter der Erde, sagt der Kommandeur, man könne heutzutage die Herstellung von „fast allem“ über das Internet lernen. Anderes Material werde importiert, etwa jene Panzer-Abwehr-Raketen aus iranischer Produktion, die über zehn Kilometer genau treffen und kaum abgefangen werden können. „Es gibt nichts, was man nicht über Syrien schmuggeln kann“, sagt der Kommandeur.

Mit einem Lachen erwähnt er dann noch den Aufruf von Libanons Regierung, dass die Hisbollah sich entwaffnen müsse. Ja, man habe offiziell schon Ausrüstung abgegeben, aber das seien vor allem „leere Kisten“ gewesen.

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Es ist selten, dass ein Kommandeur der Hisbollah so offen spricht, zumal mit einem amerikanischen Medium. Der Zeitpunkt seiner Aussagen, die sich mit Recherchen internationaler Medien weitgehend decken, ist aber kein Zufall.

Am Dienstagabend empfängt US-Außenminister Marco Rubio die libanesische Botschafterin Nada Hamadeh Moawad und ihren israelischen Kollegen Yechiel Leiter im Außenministerium in Washington. Es ist der erste offizielle Kontakt beider Länder seit Jahrzehnten. Der Libanon erkennt den jüdischen Staat nicht an, offiziell sind beide Länder im Krieg. Man kann das Treffen als historisches Ereignis bezeichnen – zu dem die Hisbollah demonstrieren will, dass sie weiter kämpfen kann und wird.

Das Treffen in Washington findet auf Druck von US-Präsident Donald Trump statt, der auf einen diplomatischen Ausweg aus dem Krieg gegen den Iran drängt. Das Regime in Teheran hatte zur Bedingung für weitere Gespräche gemacht, dass Israel seine Angriffe auf die mit dem Iran verbündete Miliz im Libanon einstellt.

Laut einem hochrangigen US-Diplomaten, zitiert in Israels regierungsnaher Zeitung „Israel Hayom“, ist das langfristige Ziel der Gespräche, die Hisbollah zu entwaffnen und den Libanon in die Friedensverträge der Abraham-Abkommen zwischen Israel und arabischen Staaten einzubinden. Aber ein solcher Durchbruch ist nicht in Sicht. Zu unterschiedlich sind die Zwänge und Interessen der beteiligten Akteure.

Der Libanon ist kaum handlungsfähig

Libanons Premierminister Nawaf Salam verkündete, sein Land werde sich „für ein Ende des Krieges“ sowie „für einen Abzug der israelischen Truppen“ einsetzen. Der Druck ist hoch, seine Bevölkerung leidet: Rund 600.000 Menschen aus dem Südlibanon sind auf der Flucht. Israels Armee ist im Gebiet südlich des Litani-Flusses mit Bodentruppen im Einsatz und errichtet eine Pufferzone. Vor einer Woche hatte die Luftwaffe in noch nie dagewesenem Ausmaß Ziele in der Hauptstadt Beirut bombardiert.

Zwar hatte sich Libanons Regierung bereits vor Monaten von der Hisbollah distanziert und ihre Entwaffnung gefordert. Diese Auffassung teilen viele Menschen im Libanon, die genug davon haben, in einen Krieg hineingezogen zu werden, den sie nicht selbst führen.

Aber die Hisbollah ist ein mächtiger Staat im Staate. Die Miliz beherrscht den Süden des Landes nicht nur militärisch, sondern auch fast alle Lebensbereiche der schiitischen Bevölkerung, darunter Unternehmen, Schulen und Infrastruktur wie Tankstellen. Analysten sind sich zudem einig, dass die staatliche Armee des Libanon nicht stark genug wäre, um gegen die Islamisten vorzugehen.

Erst am Wochenende hatte Israels Premier Benjamin Netanjahu seine Soldaten im Libanon besucht. In Schutzweste und Helm sagte er, der Krieg werde noch weiter andauern, um die Gefahr des Beschusses von israelischen Ortschaften durch die Miliz einzudämmen. „Es gibt noch viel zu tun, und wir tun es“, sagte Netanjahu.

Israels Strategen wissen jedoch, dass eine rein militärische Lösung kaum Aussicht auf anhaltenden Erfolg hat. Bereits in den 1980er-Jahren war Israel in den Libanon einmarschiert, damals griffen palästinensische Gruppen von dort an. Israel hielt den Süden fast zwei Jahrzehnte lang besetzt.

Koordinierte Explosion von Pagern

In der Folge entstand die Hisbollah, die sich als Widerstand gegen die Besatzung inszenierte und politisch von Israels Präsenz profitierte. Die Erinnerungen an Gefechte in dem hügeligen Gelände sind bis heute traumatisch. Erst am Montag wurde ein israelischer Offizier im Südlibanon bei einem Angriff auf sein gepanzertes Fahrzeug getötet.

Zwar hatte Israel große Erfolge gegen die Hisbollah erzielt. Im Herbst 2024 gelang ihnen die Tötung des langjährigen Anführers Hassan Nasrallah. Mit der koordinierten Explosion von Pagern wurde nahezu die gesamte Führungsriege ausgeschaltet – der Mossad hatte die mit Sprengstoff gefüllten Geräte über eine eigens gegründete Firma an die Miliz verkauft. Aber jetzt, fast zwei Jahre später, schießt sie noch immer auf zivile Ziele in Israel und rekrutiert immer neue Kämpfer.

Seit die Hisbollah am 2. März mit Angriffen auf Israel in den Iran-Krieg eingetreten war, sind es täglich etwa 30 Attacken, vor allem mit Raketen und Drohnen. Etwa 70 Prozent zielen auf die israelischen Gemeinden an der Grenze, andere erreichen Städte wie Haifa.

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Nur kurz ließen die Angriffe nach, als die USA und der Iran vergangene Woche eine Waffenruhe ankündigten. Das zeigt eine Auswertung des israelischen Alma Research Centers. Laut einer Recherche der Nachrichtenagentur Reuters verfügte die Hisbollah zur Wiederaufrüstung vor dem Iran-Krieg über rund 50 Millionen Dollar monatlich, der Großteil des Geldes kam aus Teheran.

Im Norden Israels sei noch immer kein normales Leben möglich, sagte der Unternehmer Nissan Zeevi aus dem Kibbuz Kfar Giladi nahe der libanesischen Grenze kürzlich vor Journalisten. „Wenn sie wollen, können sie direkt in mein Küchenfenster schießen.“

Laut einer aktuellen Umfrage des israelischen Senders Channel 12 fühlen sich im nördlichen Israel 65 Prozent der Menschen von der Politik im Stich gelassen. Entsprechend hoch ist der Druck auf die Regierung Netanjahu, das Hisbollah-Problem zu lösen – zumal mit Blick auf die Wahlen im Herbst.

Das Dilemma des Iran

Aus Sicht des Iran steht mit der Hisbollah die gesamte Architektur seiner Stellvertreter in der Region auf dem Spiel, darunter die Huthis im Jemen und die Milizen im Irak. Würde Teheran die Hisbollah aus den Waffenstillstands-Gesprächen ausklammern, wie von den USA und Israel verlangt, könnte das die gegenseitige Unterstützung infrage stellen – und damit Teherans Konzept, dass Angriffe auf den Iran immer Gegenreaktionen in der gesamten Region auslösen.

Aber Teheran steht noch vor einem anderen Dilemma, schreibt Iran-Experte Hamidreza Azizi, Gastwissenschaftler bei der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaft und Politik. Das Regime müsse zwei sich widersprechende innenpolitische Interessen ausbalancieren: Einerseits sei Irans Bevölkerung kriegsmüde und unterstütze mehrheitlich eine Waffenruhe, andererseits fordere die hoch ideologische und gut organisierte Basis des Machtapparates, die Hisbollah zu unterstützen. Es sei möglich, dass sich die USA und Israel das zunutze machen wollten, indem sie keine Bereitschaft zeigten, den Libanon in ein Abkommen für eine Waffenruhe einzubeziehen.

In Teheran interpretierten Analysten die Situation zunehmend als „kalkulierte Strategie“, den Iran in eine „Zwickmühle“ zu bringen, schreibt Azizi auf dem meist gut über das Regime informierten Portal amwaj.media. Die Logik dahinter sei: Sollte der Iran als Reaktion auf israelische Angriffe militärisch wieder eskalieren, riskiere er, „innenpolitisch für den Bruch des Waffenstillstands verantwortlich gemacht zu werden“. Im Iran werde nun die Frage diskutiert, ob man die „Fronten entkoppeln“ könne – also weitere Verhandlungen mit den USA bei anhaltenden Gefechten mit Israel.

Bisher ist in dieser verzwickten Lage nur eines sicher: Israel kommt mit direkten Gesprächen mit dem Libanon dem Wunsch von US-Präsident Trump nach einer Deeskalation zumindest teilweise nach, aber ohne die Kämpfe gegen die Hisbollah einstellen zu müssen. Dabei erhöht Jerusalem den diplomatischen Druck auf die Regierung in Beirut, die aber gar nicht über die Mittel verfügt, um gegen die Miliz vorzugehen.

Laut einer Einschätzung des israelischen Alma Research Centers wäre eine Vereinbarung mit dem Libanon dann auch das „Papier nicht wert, auf dem sie steht“, solange Beirut nicht Vertreter der Hisbollah aus seiner Regierung entfernt, die iranische Botschaft schließt und mithilfe der internationalen Gemeinschaft die Finanzströme und Schmuggelrouten austrocknet.

Nur: Damit dieses Szenario Chancen hat, müsste die Miliz im Libanon noch mehr an Rückhalt in der Bevölkerung verlieren. Eine andere Lösung wäre, dass die Hisbollah sich auf längere Sicht politisch vom Iran lossagt und im Libanon ihre eigenen Interessen vertritt. Dann wäre das Problem zwar nicht gelöst, aber die Miliz hätte gute Gründe, den Beschuss auf Israel einzustellen.

Philip Volkmann-Schluck, Leitender Redakteur im Ressort Außenpolitik, berichtet für WELT über internationale Politik mit einem besonderen Fokus auf den Nahen Osten, China und Südosteuropa.

Source: welt.de

7. Oktober 2023)Donald (geb.1946)HisbollahIran-PolitikIsrael (Hamas-Angriff auf IsraelIsrael-PolitikLibanonTrump