Franz Josef Strauß setzte während der Nazizeit für eine Jüdin sein Leben aufs Spiel. Warum die CSU-Ikone die Liaison später nie publik machte, obwohl ihm das für seine Kanzler-Kandidatur 1980 von Vorteil gewesen wäre, ist rätselhaft.
Damit es von Anfang an klar ist: Der „Hackl Franz“ hat die „Treutlein Hanni“ nicht bekommen. Vermutlich nicht einmal rumgekriegt. Sie kannten sich gut und schätzten sich. Beide hatten am Max-Gymnasium in München ein Einser-Abitur hingelegt, er war Primus, sie war Prima. Das nach jüdischer Definition jüdische Mädchen Johanna Trautwein und der Metzgersohn Franz Strauß waren beide in Schwabing daheim. Er seit Geburt in der Schellingstrasse 49, sie in der Mannheimer Straße 5 mit ihren Eltern zugezogen.
Das Strauß-Fahrrad stand oft vor ihrem Gartentor. Wenn der Rapp Eugen das Zweirad-Gefährt sah, traute er sich nicht mehr zu läuten, ging weiter. Der Hackl Franz war ihm kräftemäßig und rhetorisch überlegen. Vater Trautwein mochte den intelligenten, zupackenden Franz. Die Gunst der Hanni gewann letztendlich der Rapp Eugen. Das ist kein anderer als Hermann Lenz, einer der größten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der Gefühle meisterhaft in Sprache umsetzen konnte. Johanna wurde 1946 Frau Lenz.
In seinem Roman „Neu Zeit“ verarbeitete er die gemeinsame Vergangenheit, verfremdet spielerisch gekonnt die realen Namen. Der Schwabe Hermann Lenz verpasst seiner späteren Frau und seinem Nebenbuhler Roman-Namen, die der oberbayerischen Namennennungskultur gehorchen: zuerst der Familienname, dann der Rufname – Hackl Franz und Treutlein Hanni.
Das alles ist erst jetzt an die Öffentlichkeit geraten, obwohl die Briefe aus den Jahren 1935 bis 1937 schon seit Langem im Strauß-Archiv der Hanns-Seidel-Stiftung lagern. Briefe, die manchmal in lateinischer und griechischer Sprache verfasst sind. Die ungehobelten Nazi-Späher sollten nicht verstehen, was sich die beiden zu sagen hatten, manchmal sicher auch zuflüsterten. Die „Treutlein Hanni“ und der „Hackl Franz“ lachten sich vermutlich ins Fäustchen.
Kein Außenstehender wusste nach dem Krieg, dass der hochbegabte junge Metzgersohn Franz damals einer Jüdin nachstieg. Das war damals nicht ganz ungefährlich. Dass das zarte Werben des später berühmten Franz Josef Strauß um ein jüdisches Mädchen während der Nazizeit, nach Inkrafttreten der Nürnberger Rassengesetze, erst 2026 einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird, ist „Report München“ zu verdanken. Genauer gesagt Stefan Meining, der einem Hinweis hartnäckig nachgegangen ist und fündig wurde.
Weniger zart ist Strauß mit seinem Kommilitonen Lenz umgegangen. Irgendwann zwischen zwei Vorlesungen an der Ludwig-Maximilians-Universität in München packte der kräftige Franz den hageren Hermann am Kragen und machte ihm überdeutlich klar, dass er seine Finger von der „Hanni“ lassen sollte. So erzählt es Lenz in seinem Roman und fügt hinzu: Danach habe er sich eine Pistole besorgt. Er fühlte sich bedroht, und die Rede war von einem Duell, zu dem es glücklicherweise nie kam.
Wer die menschliche und politische Tragweite der Geschichte, wie zwei Heranwachsende Mitte der 30er-Jahre um eine Frau buhlen, verstehen will, sollte den Lenz-Roman „Neue Zeit“ aus dem Jahr 1975 lesen. Literaturwissenschaftler haben sich damit umfangreich und intensiv beschäftigt. Aber noch nie hat sich ein Polit-TV-Magazin, das zur besten Sendezeit über zwei Millionen Zuschauer anlockt, mit der Neigung des späteren FJS für ein jüdisches Mädchen, das Judentum und Israel beschäftigt.
Da stand eher das Gegenteil im Vordergrund. Im Bundestagswahlkampf 1980 stellte die SPD-Opposition und eine umfangreiche, aggressive außerparlamentarische Clique, unterstützt von „Spiegel“, „Stern“, „Süddeutsche Zeitung“ & Co gerne die denunzierende Frage: War der langjährige CSU-Vorsitzende, mehrfache Bundesminister, Kanzlerkandidat und Bayerische Ministerpräsident nicht doch ein glühender Anhänger der NSDAP? Bei „Stoppt-Strauss“-Demos wurde das Doppel-S in seinem Namen gerne in SS-Runen gestanzt. Wer heute Hannis Briefe – „Herzlichst Deine Hanni“ – und den Lenz-Roman nebeneinanderlegt, dem gehen mehrere Lichter auf.
Sie verteidigte ihn gegen Angriffe aller Art
Sicher ist: Strauß wusste, dass Johanna Trautwein nach der damaligen braunen Schreibweise Halbjüdin war. Eine andauernde Beziehung mit ihr konnte für einen deutschen Studenten schnell dazu führen, wegen „Rassenschande“ ins KZ zu wandern. Trotzdem hat er nicht nur mehrere Jahre an der Beziehung festgehalten. Als Johanna wegen ihrer Herkunft von der offiziellen Abiturfeier ausgeschlossen wurde, organisierte er eine eigene Abi-Party für seine Umworbene und einige furchtlose Freunde. Diese Information stammt von Hans Maier, Politikwissenschaftler und 16 Jahre Kultusminister in Bayern, auch unter Franz Josef Strauß. Der heute 95-Jährige war mit dem kinderlosen Ehepaar Lenz befreundet und erzählte diese Begebenheit Anfang der 90er-Jahre Theo Waigel, einem der Strauß-Nachfolger im Amt des CSU-Vorsitzenden und später Deutschlands dienstältester Bundesfinanzminister.
Sicher ist auch, dass Johanna nach dem Krieg auch als Frau Lenz nichts auf „ihren Franz“ kommen ließ. Sie verteidigte ihn gegen Angriffe aller Art und immer wieder. In den Nachkriegsjahren war das in literarischen Kreisen, die stramm links waren, ein absolutes No-Go. Die Quelle dafür ist die Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander, die mit Johanna Lenz eng befreundet war, seitdem sie das erste Mal ihre Literaturhandlung in der Münchner Fürstenstraße betreten hat. „Johanna ging bei der Verteidigung von FJS sogar so weit“, erzählt Rachel Salamander, „dass ihr Ausschluss aus den Literaten-Kreisen ihres Ehemannes zur Diskussion stand.“
Auch die engste politisch-persönliche Strauß-Umgebung rätselte noch zu seinen Lebzeiten, warum der Bundesminister der Verteidigung (1956–62) fortlaufend große Mengen an Waffen an Israel lieferte. Darunter 24 Sikorsky-Hubschrauber, die 1967 den Sechs-Tage-Krieg und die Eroberung der Golanhöhen nachdrücklich beeinflussten. Auch dafür gibt es einen Zeitzeugen: den heute 91-jährigen Eliezer Cohen, Kampfflieger der Israel Air Force, der Waffen und Hubschrauber aus Deutschland in den 60er-Jahren in Empfang nahm. Strauß ordnete die Lieferungen an, ohne den Bundestag zu konsultieren. Nur Bundeskanzler Konrad Adenauer und einige ausgewählte Oppositionsführer wussten Bescheid. Aber auch sie waren nur oberflächlich informiert. Hätte die Presse davon Wind bekommen, wäre die politische Karriere des Franz Josef Strauß beendet gewesen. Vermutlich hätte sich auch der Generalstaatsanwalt näher dafür interessiert.
Die politische Erklärung, warum Strauß Waffen an Israel geliefert hat, liegt auf der Hand. Israel war und ist die einzige Demokratie im Nahen Osten, ein wichtiges Standbein der westlichen Welt in der ölreichen, instabilen Region. Sicher hat Wiedergutmachung für das erlittene Leid des jüdischen Volkes zwischen 1933 und 45 eine Rolle gespielt. Aber riskiert man dafür seine eigene Karriere und vielleicht ein Gerichtsverfahren? Die jetzt veröffentlichten Briefe von Johanna an ihren Franz legen die Vermutung nahe, dass Strauß seit seiner Schüler- und Studentenzeit vermutlich ausgelöst durch die unvollendete Liebschaft zu „Hanni“ eine Affinität zum Judentum und später Israel pflegte. Dafür spricht auch, dass der studierte Altphilologe bei einem seiner Besuche in Israel seinem Freund, dem späteren Staatspräsidenten Shimon Peres, erzählte, dass er in der Schule Hebräisch lernen wollte. Nach 1933 war das Fach dann gestrichen worden.
Vor diesem Hintergrund rätseln auch heute nicht nur Strauß-Anhänger, warum er die Liaison mit der jüdischen Klassenkameradin spätestens 1980 nicht publik gemacht hat. Hätte er sich mit Johanna, die damals in München lebte und dort 2010 auf dem jüdischen Friedhof beerdigt wurde, bei einem gemeinsamen Weißbier nur ablichten lassen: Alle „Schwarzbücher“ wären eingestampft worden, ihr Autor Bernt Engelmann wäre bis auf die Knochen blamiert gewesen. Strauß hätte ohne diese ehrenrührige Kampagne Bundeskanzler Helmut Schmidt möglicherweise aus dem Amt gedrängt. Die absolute Mehrheit der CDU/CSU wurde bekanntlich mit 44,5 Prozent nur knapp verfehlt. Fragen, für die auch Strauß-Nahestehende keine schlüssigen Antworten haben. Selbst die Kinder haben den Namen Trautwein Johanna von ihrem berühmten Vater nie gehört, wie Max Strauß bestätigt.
Strauß hat die Jugendliebe nie vergessen. Ein deutliches Zeichen dafür taucht im Jahr 1980 auf. Franz Josef Strauß war gerade ein gutes Jahr Bayerischer Ministerpräsident, da verlieh er seinem siegreichen Nebenbuhler den Bayerischen Verdienstorden. Eine Ehre, aus der sich der introvertierte, fast menschenscheue Hermann Lenz nichts machte. Die Botschaft daraus: Strauß kämpfte gerne mit harten Bandagen. Aber nachtragend war er nicht.
Der Autor Godel Rosenberg war von 1978 bis 1988 Pressesprecher der CSU und von Franz Josef Strauß. Seit 1999 lebt er in Israel.
Source: welt.de