Die Gründungslüge eines besseren Deutschlands

Von 51.572 Toten des KZs bei Weimar waren 72 Kommunisten. Dass die späteren Helden der DDR selbst andere Häftlinge ermordeten, ist bekannt. Warum will man in Ostdeutschland noch immer etwas anderes glauben?

Mit 14 schwört sie ihrem Staat die Treue. Ines Geipel steht zur Jugendweihe 1974 auf dem Ettersberg bei Weimar und verpflichtet sich mit ihren Klassenkameraden der „großen und edlen Sache“. Eine wahre Patriotin und würdige Kommunistin gelobt sie zu werden. Später, als die DDR verschwunden ist, wird sie darüber Bücher schreiben, was der Staat in seinen Menschen angerichtet hat, in den Köpfen und Seelen. In „Umkämpfte Zone“ ging sie schon zurück bis 1945, als das KZ Buchenwald befreit und auf seinen Legenden und Lügen die DDR gegründet wurde. Sieben Jahre nach dem Buch zur Analyse des ostdeutschen Wesens widmet Ines Geipel dem Staatsmythos Buchenwald ihre Recherche „Landschaft ohne Zeugen“.

Nicht dass die Autorin in den Akten und Archiven viel herausfände, was nicht bekannt wäre. Allein die Zahl von 72 toten Kommunisten unter 51.572 Lagertoten sprach gegen den ungetrübten „Urstoff“ des Antifaschismus, wie Geipel den Mythos in ihrer „Umkämpften Zone“ nannte. Kurz nach der Befreiung hielten die Befreier fest, dass „Häftlinge selbst einen tödlichen Terror innerhalb des Nazi-Terrors organisierten“. 1994/95 machten die „Geheimakte Buchenwald“ und „Der gesäuberte Antifaschismus“ öffentlich, dass die Helden der DDR zugleich Opfer und Täter waren. All das wüsste man, wenn man es wissen wollte. „Landschaft ohne Zeugen“ geht der Frage nach, wie sich das „Fundament der Diktatur“ (Geipel), das Gründungsnarrativ der DDR im Osten konservieren konnte.

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Zwischen ihren typischen Wortbauten, geschützt durch „Kollektivkrypta“, „Gedächtnisbeton“ und „Monumentalwörter“, arbeitet Ines Geipel die ganze Geschichte noch einmal für sich und alle auf, die ihr Leben in jenem anderen deutschen Staat nicht heldenhafter finden müssen, als es war. Wie sich die Kommunisten als Kapos im Lagerhospital organisierten. Wie sie Todgeweihte „abspritzten“ und so ihre eigenen Reihen von unsicheren Elementen säuberten. Und wie die Stalinisten aus dem Moskauer Exil die Konkurrenz aus Buchenwald mit den Akten erpresste, die Ordner unter Verschluss hielt und ihr eigenes Buchenwald erfand.

„Nackt unter Wölfen“ wurde, während sie das Lager wegrissen und als Gedenkkulisse wiederaufbauten, zur faktischen Fiktion des Häftlings 2417. Bruno Apitz sagte später, sein Roman sei höchstpersönlich lektoriert worden von Walter Ulbricht. Das „Erlösungsbuch“ wurde verfilmt, in Hörspielen und Dokumentationen zur Wahrheit: Kommunisten retten ein jüdisches Kind. 2012 legte der Aufbau-Verlag den Roman von der Zensur frei und neu auf. 2015 ließ der MDR „Nackt unter Wölfen“ neu verfilmen. Die „Sächsische Zeitung“ warnte davor, die Erinnerungskultur der Zuschauer zu stören und sie vor den Kopf zu stoßen.

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Ines Geipel schreibt heute über 2015: „Es war auch das Jahr, in dem sich die politischen Koordinaten des Landes verschoben: der Flüchtlingssommer, die Zäsur Richtung rechts, eine aufgeriebene deutsche Gesellschaft mit sich verschärfendem Spaltungstext, neue Frontlinien auch in der Erinnerungspolitik.“ So liegt die Landschaft da, nicht nur vom Ettersberg, von Weimar aus betrachtet.

Ines Geipel: Landschaft ohne Zeugen – Buchenwald und der Riss in der Erinnerung. Fischer, 336 Seiten, 25 Euro.

Source: welt.de

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