Man muss wirklich kein Geschichtsfan sein, um dieses Buch zu lieben. Vor 36.000 Jahren hatten wir ziemlich schlaue Eiszeit-Vorfahren – nicht nur das macht dieses Buch deutlich.
Jäger und Sammler sind in unseren Köpfen meist intuitiv mit Geschlechtern besetzt: Die Männer erlegten die Tiere, die Frauen brachten den pflanzlichen Anteil für die Mahlzeit nach Hause. Dass Frauen in der frühen Menschheit weitaus größere Rollen eingenommen haben, belegt die Comic-Zeichnerin Ulli Lust nach sechs Jahren Recherche mit geschichtlichen Fakten, denen sie spannende persönliche Geschichten zuschreibt. Frauen waren schon damals weit mehr als Beeren und Kräuter sammelnde Familienmitglieder.
Auch Frauen vermittelten als Schamaninnen zwischen den Geisterwelten der Lebenden und Toten. Sie waren Heilerinnen, Hebammen und wussten, wie man im Notfall eine Abtreibung einleiten kann. Sie waren Künstlerinnen und kannten die spirituelle Bedeutung aller Rituale – die sie auch durchführten. Ihre Bedeutung in der nomadischen Gesellschaft war damals, vor mehr als 30.000 Jahren, vermutlich gleichberechtigter als heute. Eine erstaunliche Erkenntnis.
Ulli Lust bekam für den ersten Teil „Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte“ den Deutschen Sachbuchpreis. Für den zweiten Teil, „Schamaninnen“, wurde sie 2026 bei der Leipziger Buchmesse im Bereich Sachbuch/Essayistik nominiert. Der stern hat mit der Autorin und Zeichnerin gesprochen.
Die Illustratorin Ulli Lust ist geborene Österreicherin, lebt aber seit mehr als 20 Jahren in Berlin © Kai Pfeiffer
Eiszeit: Ulli Lust im Interview
Liebe Ulli Lust, wie sind Sie bei Ihrer Erforschung dieses eiskalten Themas vorgegangen?
Um die Vergangenheit zu rekonstruieren, gibt es verschiedene Spuren und Indizien. Das eine sind die Artefakte, die tatsächlich ausgegraben werden, das andere die ganzen Datensammlungen der Archäolog:innen. Zudem gibt es geschriebene Texte, die aber alle nicht älter als 6000 Jahre sind. Selbst die ganz alten mesopotamischen Keilschriften sind keine historischen, sondern mythische Texte. Das heißt, das, was uns am weitesten in die Vergangenheit zurückführt, ist orale Literatur, sind also Märchen, Mythen und Erzählungen von Völkern, von nomadischen Jägern und Sammlern, also von Kulturen, die immer noch in diesen alten Lebensweisen leben, in der die Menschheit über Hunderte, Tausende von Jahren gelebt hat. Da habe ich vermutlich die größte Annäherung an die Lebenswelten in der Eiszeit. Wenn es etwa Ähnlichkeiten zwischen den Kunstwerken der sibirischen Indigenen und denen aus Amerika gibt, kann man den Rückschluss ziehen, dass sie Dinge mitgebracht haben, als sie die Beringstraße überquert haben. [Anm. d. Red.: Über die Beringia-Landbrücke war es vor Zehntausenden Jahren eine Weile lang möglich, den Weg zwischen dem asiatischen und dem nordamerikanischen Kontinent zu Fuß zurückzulegen.]
Wie erkennt man das Alter eines Mythos oder Märchens?
Wenn zum Beispiel mit Feuerstein hantiert wird oder mit roter Farbe, also wenn Dinge benutzt werden, die auf alte Techniken und Materialien zurückführen. Oder wenn noch keinen Mühlen verwendet werden, sondern das Mehl mit der Hand gemahlen wird, das sind Indizien. Dann weiß man, dieses Märchen ist aus der Jungsteinzeit und kann Details aus diesen Geschichten herausschälen. Das haben Mythenforscher gemacht, auf die ich mich berufe.
Heißt Rotkäppchen deswegen so und nicht Grünkäppchen?
Grimms Märchen sind schon sehr, sehr stark überarbeitet. Ich finde Märchen und Mythen wahnsinnig interessant als historische Konstrukte, die Schichten der Vergangenheit in sich tragen. Zum Beispiel diese lächerliche Geschichte mit dem Weihnachtsmann: Wir haben diese überirdische Figur, die uns Geschenke durch den Schornstein bringt. In den schamanischen Kulturen kamen durch den Schornstein die Geister. Damals gab es diese Idee, dass alles, was wir Menschen essen oder trinken, Geschenke von den Geistern der Tiere oder der Pflanzen sind. Wenn ich mein Brötchen esse, dann wäre das ein Geschenk des Weizens.
© Ulli Lust / Reprodukt
Aber im Gegensatz zu Ihren Protagonisten, unseren Vorfahren, bedanken wir uns nicht mehr beim Weizen für ein Brötchen.
Und das ist ein Fehler! Deswegen sind wir so ins Ungleichgewicht geraten. Ich hätte es vielleicht noch viel stärker betonen müssen, was für uns am relevantesten ist an so einer Weltanschauung: Dass man versucht, eine Balance zu finden mit der Welt, in der man lebt, damit das System funktionieren kann und nicht irgendwann kippt.
Was ist der Aufhänger für die Serie „Die Frau als Mensch“?
Die Bücher beschäftigen sich mit der Periode der Menschheit, in der es mehr Frauen-Statuetten als Männerfiguren gab. Wenn man eine eiszeitliche Menschendarstellung unbestimmten Geschlechts findet, nimmt man zunächst an, es wäre eine weibliche, weil die meisten Menschendarstellungen weiblich waren.
Sie sind wissenschaftlich extrem akribisch vorgegangen. Es gibt aber Teile, die aus Ihrer Feder stammen, wo Sie sich eine Geschichte zusammengereimt haben, weil Sie dachten, so muss es gewesen sein.
Ja, genau. Ich wollte mir die Möglichkeit nicht entgehen lassen, eine lebendige Eiszeitwelt zu imaginieren. Das war dramaturgisch schwierig, weil diese Stellen nicht so viel Platz einnehmen und ablenken sollten von der historischen Recherche. Aber sie machen das Ganze auch lebendig – wenn man versteht, wie sich das anfühlt, das Jagen und das Hunger-Haben und Kinder-Kriegen, wenn es kalt ist. Diese menschlichen Gefühle.
Durch Ihre erzählerischen Momente bringen Sie auch Ihre eigene Familie als Zeitbezug zu heute mit ein. Da gibt es diese schönen Episoden, in denen aus Eiszeit-Fakten süchtig machende Geschichten werden. Ist das Ihr größtes Talent?
Ach, das ist ein fantastischer Satz!. Ich kann natürlich nicht sagen, dass das mein größtes Talent ist. Aber wenn es gelingt, dann ist ja jede Autorin überglücklich. Das wollen wir alle gerne, süchtig machende Geschichten! Also ich sage meinen Studierenden immer: Ein guter Comic ist, wenn man liest und vergisst, dass es ein Comic ist. Wenn man so drin ist in der Geschichte, dass man einfach weiterlesen möchte und vergisst, was für ein Medium es ist.
Source: stern.de