Die Dämonen jener Leonora Carrington

Sie trank die Milch der Träume: Paris widmet der genialen Surrealistin Leonora Carrington, was man ihr in Deutschland bisher verwehrt: eine funkelnde Einzelausstellung. Die Reise lohnt sich. Oder ist es ein Trip?

Die Windsbraut mit offenem Haar fliegt zwischen den Welten. Da sind Inseln ohne Fundament, die irgendwie seltsam naiv zwischen Himmel und Erde, blauem Meer und grauen Wolken zu schweben scheinen. Eine wird von einem riesenhaften Igel getragen, darauf die zerstörte Zeltstadt des alten Europas. Auf einer anderen warten zwischen einer Windrose seltsame spinnenbeinige Objekte, ein blutrotes, vulvaförmig offenes Kleid, eine Hecke, ein abgeschlagener Pferdekopf mit Raubtiermaserung.

„Arts 110“ heißt das Ölgemälde von Leonora Carrington, das als eine Art Zwischenresümee gleich im ersten Raum des Pariser Musée de Luxembourg prangt, wo gerade die erste Einzelausstellung der Surrealistin in Frankreich gezeigt wird. Artes 110, das war Carringtons erste Adresse in Mexiko-Stadt, wo sich die Engländerin in den 1940er-Jahren neu erfand: eine zutiefst traumatisierte Wanderin zwischen den Welten, eine europäische Kriegsemigrantin. Sie hatte sich gegen den dominierenden, 26 Jahre älteren Liebhaber Max Ernst durchsetzen müssen, wie auch gegen die eigene wohlhabend-übergriffige Familie.

Lesen Sie auch

Von Ernst war sie 1940, nach dreijähriger Beziehung, nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich endgültig getrennt worden, nachdem dieser schon 1939 von den Franzosen interniert worden war. Auf der Flucht war sie in Madrid von den Franquisten vergewaltigt worden, ihre Familie hatte sie gegen ihren Willen in diverse Sanatorien gesteckt. Doch nun wollte sie in der Neuen Welt neu starten, im Leben wie als Künstlerin.

Ein zweites Leben in Mexiko

Mexiko mit seiner ihr fremden Kultur und seinen Mythen wie Rauschmitteln schien ein geeigneter Ort, um weiter Undinen und Hexenwesen, Feen und Fabeltiere, einsame Landschaften und rätselhafte Kompositionen in Öl festzuhalten. Und dort blieb die zweimal verheiratete Mutter zweier Söhne dann auch die meiste Zeit ihres 94-jährigen Lebens. 2011 ist Leonora Carrington durchaus berühmt gestorben. Anerkennung hatte sie damals schon erfahren für ihre visionären Bilder, ihre oft dem Bewusstseinsstrom entsprungenen Schriftzeugnisse – doch es hatte viel zu lange gedauert.

Dabei war Carrington schon 1938 bei der legendären Ausstellung „Exposition Internationale du Surréalisme“ in Paris dabei. 1943 zeigte die damalige Max-Ernst-Gattin Nummer Drei, Peggy Guggenheim, Carringtons Arbeiten in „Exhibtion by 31 Women“ in ihrer New Yorker Galerie Art of This Century. In den 1980ern wurden ihre Bücher wiederentdeckt, 1999 schufen Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth nach Carringtons 1940 veröffentlichten Drama die dysfunktionale Familienoper „Bählamms Fest“. 2022 wurde die Hauptausstellung der 59. Biennale di Venezia nach ihrem Buch „The Milk of Dreams“ benannt, in dem das Leben durch ein „Prisma der Vorstellungskraft“ immer wieder neu erfunden wird. Carringtons Gemälde „Die Zerstreuung Dagoberts“ von 1945 wurde 2024 in New York für 28,5 Millionen Dollar versteigert (mehr als jeder Max Ernst). Damit ist sie eine der fünf teuersten Künstlerinnen.

Lesen Sie auch

Und doch wurde sie, obwohl sehr kreativ, eigenwillig und visibel, schon in ihrer Jugend zwischen Max Ernst und André Breton, Paul Éluard (samt Gala) und Salvador Dalí gern als Kindfrau abgestempelt, eine Muse – kaum mehr. „Ich hatte keine Zeit, jemandes Muse zu sein“, bellte die legendäre Surrealistin einmal bissig zurück. „Ich war zu sehr damit beschäftigt, gegen meine Familie zu rebellieren und zu lernen, Künstlerin zu sein.“

„Schwestern des Monds“

Behütet im neogotischen Schloss einer reichen englischen Familie aufgewachsen, durfte sich die 1917 geborene Leonora Carrington künstlerisch entfalten, so wie es eben einer höheren Tochter anstand. Doch das intensiv träumende Mädchen, das aus diversen Klosterschulen flog und schnell außerordentliches Maltalent entwickelte, zeigte bereits als 13-Jährige in seinem hier ausführlich gezeigten Aquarell-Zyklus „Sisters of the Moon“ eine Vorliebe für Kreaturen, die man für verbogene Disney-Schurkinnen oder Manga-Monster halten könnte: schräge, meist weibliche Gestalten zwischen mittelalterlicher Miniatur und alptraumhafter Verzerrung: Aliens wie aus einer dämonischen Märchenwelt, wohl geboren aus keltischen Erzählungen ihrer irischen Mutter, später dann auch durch die Begegnung mit der Renaissance in Florenz.

Und obwohl hier 130 Zeichnungen, Aquarelle, Gemälde und Skulpturen (auch die mit Drachen und Einhörnern bemalten Schranktüren aus dem mit Ernst bewohnten Landhaus im Ardèche sind dabei), oft aus Privatsammlungen, zusammengefasst wurden und eine bildnerisch suggestive, meisterhaft eigenwillige Sprache sprechen, glaubten die Kuratoren Tere Arcq und Carlos Martín der aus Stationen in Madrid und Mailand weiterentwickelten Retrospektive, auch viele Fotos und Zeitzeugnisse Carringtons beigeben, sie als „avantgardistische Umweltschützerin, Mutter, Migrantin“ labeln zu müssen.

Ähnlich wie bei Frida Kahlo, einer anderen schon früher als feministische Ikone in den Pantheon erhobenen Künstlerin aus Mexiko, muss auch das bunte Lotterleben zwischen Malerei und Liebe illustriert werden. Einerseits, weil sich daraus der kreative Output wesentlich speist, aber eben auch, weil es voyeuristisch farbig, aufregend und ungewöhnlich rüberkommt. Also gibt es die puppenhaft posierende Carrington als Sehnsuchtsobjekt ihrer berühmten Künstlerfreunde, Partys und schnell wechselnde Aufenthaltsorte, aber auch Carrington als Studie etwa für die Fotografin Lee Miller. Schon 1943 nannte sie einen autobiografischen Text „Ganz unten“.

Fantasie, Feminismus und Mystik als radikal sinnliche wie intellektuelle, immer eigenständigere, jeden -ismus hinter sich lassende Synthese. Das zeigen einzig die Bilder – unter kuriosen Kapiteln wie „die leuchtende Dunkelheit“ oder als „alchemistische Küche“ aus Malerei, Kochen und Zauberei gebündelt – als Selbsttherapie wie als autonomer Ausdruck; bei ihr ist das nur selten zu trennen. Und gerade dieser Dualismus des gefährdeten, nach Sinn und Sinnhaftigkeit suchenden, aber auch starken Ichs macht diese Bilderwelt aus Spiritualität und Metamorphose so faszinierend.

Psychische Landkarten

Besonders das Kapitel „Lebensreise einer Heldin“ liest Carringtons Gemälde als psychische Landkarten der Reise ihrer Seele, gespeist von einem lebenslangen Interesse an Gnostizismus, Kabbala, Hermetik und östlicher Mystik. Eine nach weiblichem Empowerment suchenden Kunstwissenschaft kommt Biografie wie Bildnachlass Leonora Carringtons da als gerade zwischen den dominant machohaften Surrealisten allzu lange marginalisierte Größe natürlich sehr gelegen.

Doch die Gunst der Zeitgeist-Stunde offenbart interpretatorische Abgründe, lässt man sich nur auf diese hier chronologisch wie thematisch gegliederten, oft seltsamen Arrangements aus präraffaelitischer, bisweilen in die Körperlänge gezogener Malpedanterie und scheinbar bestürzend sinnlosen Kompositionen ein. Natürlich ist das exzentrisch, aber eben auch bodenlos dunkel und brodelnd vielsinnig in seinem scharfen Blick wie feinen Pinselstrich. Zu sehen etwa in „Las tentaciones de San Antonio (1945), die das berühmte Hieronymus-Bosch-Bild im Prado variieren: Versuchung als durch Ritual, Okkultismus, Androgynität vorangetriebene Verwandlung, nicht als Qual. Dabei von präziser Akribie und einer verschwenderischen Farbpalette.

Für die katholische Leonora Carrington, die auch Zarathustra, Giordano Bruno und Buddha malte, war Kunst keine Illustration von Magie, sondern deren Fortsetzung mit anderen Mitteln. Sie nutzte die Erinnerung zwischen Tod, Transformation und Initiation als Rückgewinnung von Wissensformen wie matriarchaler Symbolik, die durch die Moderne ausgelöscht worden waren.

In den Kanon des 20. Jahrhunderts ist Carrington als eigenständige Position inzwischen aufgenommen, auf ihre erste Einzelausstellung in Deutschland muss sie freilich noch warten. Aber man kann diese Künstlerin, die Drama, Trauma, mystische Visionen, technische Virtuosität, formale Anmut und schlicht-zarte Exaltation in ihrem Werk vereint, ja noch drei Monate lang in Paris besuchen.

Leonora Carrington, bis 19. Juli 2026, Musée du Luxembourg, Paris (Katalog 45 Euro)

Source: welt.de

AusstellungenBalken-InboxBildende KCarringtonErnstLeonora (1917-2011)MalereiMaxMuseenParisSurrealismus (ks)ünstler (ks)