„Die Chancen zu Händen uns stillstehen eins zu tausend“

Mit einem Aufstand sollte an Ostern 1916 die Freiheit Irlands erkämpft werden. Aber Panne folgte auf Panne. Nicht einmal die deutsche Hilfslieferung erreichte Dublin. Die brutale Reaktion der Briten hatte jedoch erstaunliche Konsequenzen.

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Am 9. April 1916 verließ ein Dampfer mit dem Schriftzug „Aud“ und der norwegischen Flagge den Ostseehafen Warnemünde, passierte die dänischen Meerengen und nahm Kurs auf Island. Nachdem sie als neutrales Schiff problemlos die britische Blockade passiert hatte, schwenkte die „Aud“ nach Süden, überstand einen Orkan, umrundete Irland und lief am 20. April in die Tralee Bay im Süden der Insel ein. Aber niemand erschien, um die brisante Ladung abzuholen, 20.000 Gewehre, zehn schwere Maschinengewehre, Munition und 400 Kilogramm Sprengstoff. Material, mit dem das Deutsche Reich den Kriegsgegner Großbritannien durch eine Rebellion an seiner Hintertür aus dem Gleichgewicht bringen wollte: den Osteraufstand in Irland.

Die „Aud“ hieß ursprünglich „Castro“, war als britisches Schiff bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Nord-Ostsee-Kanal von den Deutschen aufgebracht und in „Libau“ umbenannt worden. Der 3500-Tonnen-Dampfer wurde wegen seinerÄhnlichkeit mit der tatsächlich existierenden „Aud“ von der kaiserlichen Admiralität als Blockadebrecher eingesetzt. Dass ihr Kommandant Karl Spindler jedoch am 20. April vergeblich nach seinen Kontaktleuten Ausschau hielt, reihte seine Mission in die lange Kette an Pannen und Fehlkalkulationen ein, die dem Osteraufstand 1916 in der Liste misslungener Revolutionen einen Spitzenplatz bescherte. Dennoch, und das ist das Erstaunliche daran, war es ausgerechnet sein Scheitern, das 1922 zur Gründung des Irischen Freistaats führte.

20 Jahre zuvor hätte das Verhältnis zwischen Großbritannien und Irland asymmetrischer nicht sein können. London war das Zentrum eines Empires, das ein Fünftel der Erde beherrschte und ersten Territorien wie Kanada, Australien oder Neuseeland bereits den Status von Dominions zugestanden hatte. Die britische Verwaltung in Dublin dagegen regierte die 4,5 Millionen Bewohner der Insel wie eine unbotmäßige Kolonie mit harter Hand, weil sie sich immer noch nicht mit den Herrschaftsverhältnissen abfinden wollten.

Bereits im Mittelalter hatten englische Heere mit der Eroberung Irlands begonnen. Wiederholt waren Aufstände blutig niedergeschlagen worden. Das Ergebnis war eine soziale Spaltung in wenige hundert Großgrundbesitzer, die in der Regel gar nicht in Irland lebten, und ihre einheimischen Pächtern, die am Existenzminimum vegetierten und ihre Äcker noch mit Sichel und Sense bewirtschafteten, während England im 19. Jahrhundert zur Führungsmacht der Industriellen Revolution aufstieg. Ihren Mangel an Empathie hatten die Herren in den 1840ern bewiesen, als sie zunächst tatenlos zusahen, wie ein Pilz die Kartoffelernte vernichtete. Eine Million Iren verhungerten; 1,5 Millionen wanderten in die USA aus, wo sie zeitweilig die größte Immigrantengruppe stellten.

Zementiert wurde die Feindschaft durch die Religion. Da die Iren katholisch waren, unterstellten ihnen die protestantischen Engländer, eine fünfte Kolonne des Papstes zu sein. Dieser Gegensatz führte auch in Irland selbst zu einer Spaltung. Denn im Norden um Belfast waren durch Zuwanderung die Protestanten deutlich in der Mehrheit, während im Rest der Insel die Katholiken dominierten. Die römische Konfession wurde daher zum Fundament der irischen Nationalbewegung, die sich im 19. Jahrhundert formierte und eine Verbesserung der Lebensbedingungen sowie politische Mit- oder gar Selbstbestimmung einforderte.

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An der Frage der Mittel schieden sich allerdings die Geister. In der „Gaelic League“ fanden Patrioten zusammen, die durch den Rückgriff auf keltische Sprache und Traditionen die irische Nation prägen wollten. Einem gewaltsamem Separatismus verschrieben sich dagegen die 1858 gegründete „Irish Republican Brotherhood“ (IRB) und die „Sinn Féin“ (Wir selbst), die 1905 entstand. Als Sammelbecken der Arbeiterschaft verstand sich die „Irish Socialist Republican Party“ (ISRP) , die Freiheit im marxistischen Sinne anstrebte.

Als Regierungen in London darangingen, den Unruheherd im Hinterhof mit Gewährung einer Home Rule (begrenzte Autonomie im Rahmen des Empire) zu entschärfen, eskalierte die Lage. Im Norden provozierte die Aussicht, von Großbritannien getrennt und damit der katholischen Mehrheit ausgeliefert zu sein, massiven Widerstand, der von einflussreichen Kreisen in England unterstützt wurde. Milizen entstanden, die unter den Augen der Behörden aufrüsteten. Dagegen formierten sich die „Irish Volunteers“ als militärischer Arm der IRB und die „Irish Citizen Army“ unter dem Kommando der ISRP.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 verhinderte den drohenden Bürgerkrieg. Obwohl Großbritannien wohlweislich darauf verzichtete, die Wehrpflicht in Irland einzuführen, meldeten sich fast 200.000 Iren freiwillig zum Dienst für König Georg V. und ein Vaterland, das sie nicht als das ihre betrachteten. 40.000 fielen. Die Radikalen erkannten dagegen: „Englands Probleme sind Irlands Chance.“

Was folgte, erinnert an den Streit der jüdischen Befreiungsbewegungen in Monty Pythons Film „Das Leben des Brian“. IRB und ISRP machten Aufstandspläne, die teilweise auf fantastischen Prämissen gründeten. So meinte Sozialistenführer James Connolly ernsthaft, britische Truppen würden nicht auf kapitalistische Einrichtungen feuern, weil diese ja Eigentum von Kapitalisten seien. Auch wurde die Bereitschaft der Bevölkerung, sich dem Aufstand anzuschließen, grotesk überschätzt.

Connolly und der Militärrat der IRB rauften sich schließlich zusammen und legten den 23. April 1916, Ostersonntag, als Termin zum Losschlagen fest. Damit konnten sie jedoch die Führung der „Irish Volonteers“ nicht überzeugen, die ein Blutbad befürchtete und den Aufstand zudem als Verrat an ihren Kameraden ansah, die in den Schützengräben Flanderns kämpften. Eine Lösung sollte die Mission von Roger Casement bringen. Der ehemalige britische Diplomat, der im Kongo die Gräuel unter dem Regime Leopolds II. von Belgien aufgedeckt hatte und zur Führung der „Volonteers“ gehörte, reiste nach Berlin, um die deutsche Führung zu einem Zusammengehen zu gewinnen.

Aber der Versuch, kriegsgefangene Iren zum Beitritt in eine „Irische Legion“ zu werben (es meldeten sich nur gut 50 Männer), scheiterte ebenso wie der Plan, das Deutsche Reich zu einer Invasion Irlands zu bewegen. Nicht einmal die Entsendung von Ausbildern schien den Verantwortlichen in Berlin die Operation wert zu sein. Immerhin wurden 20.000 Beute-Gewehre aus russischen Beständen und die übrige Fracht der „Aud“ in Marsch gesetzt, um den Aufstand zu unterstützen.

Nun folgte Panne auf Panne. Weil die Russen ein „Geheimes Signalbuch“ der kaiserlichen Marine erbeutet und an die Engländer weitergereicht hatten, konnten diese den Funkverkehr der Deutschen entschlüsseln. Daher erkannte man, dass ein Waffentransport unterwegs war, und verstärkte die Patrouillen.

Aufgrund der Nachricht, dass man vergeblich auf ein deutsches Expeditionskorps warten würde und der Termin zum Losschlagen auf den 24. April verschoben worden war, waren die Kaianlagen in der Tralee Bay unbesetzt, an denen die Waffen der „Aud“ ausgeladen werden sollten. Die hatte jedoch kein Funkgerät an Bord, um bei einer möglichen Durchsuchung keinen Verdacht zu erregen. Von britischen Schiffen bedrängt, entschloss sich Kapitän Spindler daher, das Schiff zu sprengen und mit seinen Leuten in Kriegsgefangenschaft zu gehen.

Derweil sollten Casement und zwei Begleiter vom kaiserlichen U-Boot U20 nach Irland gebracht werden. Erst erzwang ein Motorschaden den Umstieg auf U19. Dann mussten sie bei stürmischer See mit einem Schlauchboot an Land rudern, wo Casement bald gefangengenommen wurde. Daraufhin wollte der Stabschef der Volonteers den Aufstand absagen. IRB und ISRP votierten aber dagegen. Sie unterschrieben die Proklamation „An das Volk von Irland“, die vor dem General Post Office von Dublin verlesen werden und die Nation zum großen Kampf aufrufen sollte.

Nicht nur, dass es die Aufständischen versäumt hatten, wenigstens eine tragfähige Organisation wie ein landesweites Kommunikationsnetz aufzubauen. Die Anführer machten sich auch keine Illusionen über ihre Chancen. Der Sozialist James Connolly erklärte: „Die Chancen für uns stehen eins zu tausend.“ Der Schriftsteller Patrick Pearse, der zum Präsidenten der provisorischen Regierung gewählt wurde, sah den Aufstand – durchaus nach österlichem Vorbild – als eine Art Blutopfer: „Das Leben entspringt dem Tod; und aus den Gräbern patriotischer Männer und Frauen entstehen lebendige Nationen.“ Für ihn ging es darum, ein Zeichen zu setzen.

So zogen am Ostermontag rund 1770 Volonteers und Bürgersoldaten durch Dublins O‘Connell Street. Nur die Waffen, die sie mit sich führten, ließen ahnen, dass es sich nicht um einen der üblichen Aufzüge handelte. Als die Kolonne vor dem Hauptpostamt anlangte, erging plötzlich der Befehl „Links um – Attacke“. Kurz darauf wehte über dem Behördenpalast die grüne Flagge mit einer goldenen Harfe, und Pearse verlas von der Vortreppe die Proklamation:

„Im Namen Gottes und der verstorbenen Generationen, von denen Irland seine alte Tradition nationaler Souveränität herleitet, ruft es durch uns seine Kinder zur Fahne und kämpft für seine Freiheit!“ Daneben wurden weitere Positionen in der Stadt besetzt. Aber die Einnahme von Dublin Castle, dem Sitz der Provinzialregierung, gelang nicht. Auch unterließ man es, die Telegrafenverbindungen zu kappen.

Es wurde ein ungleicher Kampf. Obwohl die britischen Behörden vorgewarnt waren, hatten sie auf den gesunden Menschenverstand gesetzt und auf verstärkte militärische Präsenz verzichtet. Mehr als 5000 Soldaten und Polizisten wurden umgehend in Marsch gesetzt, ebenso mehrere Divisionen aus England, denen man nicht erklären musste, dass es wie in einem Kolonialkrieg nicht darum ging, Gnade walten zu lassen. Denn für die British Army, die alles daransetzte, sobald wie möglich an der Somme die große Entlastungsoffensive für die bei Verdun bedrängten Franzosen eröffnen zu können, erschien der Aufstand als hinterhältiger Verrat.

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Zumal die deutsche Hochseeflotte den Aufstand am 24./25. April für einen Vorstoß gegen die englische Ostküste nutzte. Um die Home Fleet zu einer großen Schlacht zu provozieren, beschossen vier kaiserliche Schlachtkreuzer, unterstützt von mehreren Zeppelinen, die Häfen Lowestoft und Great Yarmouth. Allerdings reagierten die Briten zu spät, um die deutschen Schiffe abzufangen.

Auf den Osteraufstand in Irland hatte das Unternehmen keine Auswirkungen. Nach sechs Tagen mussten die letzten Aufständischen kapitulieren. 64 Rebellen, 132 Soldaten und 318 Zivilisten hatten ihr Leben verloren. Das Strafgericht, das General John Grenfell Maxwell exekutierte, war brutal. 16 Anführer wurden zum Tode verurteilt und umgehend erschossen (der verwundete Connolly wurde auf einem Stuhl sitzend vor das Peloton getragen). 3500 Iren wurden verhaftet, selbst wenn sie nur nach gälischem Brauch einen Hering begraben oder ein Osterfeuer entfacht hatten.

„Diese harte Reaktion der Militärbehörden machte aus den gescheiterten Rebellen Helden, ganz wie es Pearse ersehnt hatte“, urteilt der Anglist Rolf Breuer. Hatten wütende Bewohner Dublins nach dem Ende der Kämpfe noch ihre Nachttöpfe über den Gefangenen ausgeleert, empörte sich nun das ganze Land über die schonungslose Abrechnung der Briten. In den USA war man peinlich berührt, und selbst in England erkannte man, dass es so nicht weitergehen konnte. Schließlich war die Durchsetzung des Selbstbestimmungsrechts der Völker ein Kriegsziel der Entente gewesen (für das allein am ersten Tag der Somme-Schlacht 1916 rund 2500 Iren gefallen waren).

Nach dem Osteraufstand wurde im Süden Irlands ein militantes Selbstbewusstsein zum einigenden Band. Aus Angehörigen der Volonteers und der Bürgerarmee entstand die „(Old) Irish Republican Army“, die den Irischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten führte, der mit der Errichtung des Irischen Freistaats endete. Bereits 1919 hatten sich die Angehörigen der Sinn-Féin-Partei, die bei den Wahlen zum Londoner Unterhaus die absolute Mehrheit errungen hatten, zum ersten irischen Parlament zusammengefunden und die Republik ausgerufen: „Proclaimed in Dublin on Easter Monday, 1916.“

Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte der Erste Weltkrieg zu seinem Arbeitsgebiet.

Source: welt.de

Britisches Empire (Geo: GB) (ks)I. Weltkrieg (1914)Irland