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Statements für Palästina und Genozid-Vorwürfe – die Abschlussgala der Berlinale sorgt für heftige Diskussionen. Es geht auch um die berufliche Zukunft der Festivalchefin Tuttle. Was ist passiert? Wie könnte es weitergehen?
Seit Donnerstag wird in Teilen der Presse darüber spekuliert, ob Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die Berlinale-Chefin Tricia Tuttle entlässt. Bislang sind das aber lediglich Gerüchte. Und auch dafür, dass Tuttle selbst keine Lust mehr haben soll, gibt es bislang keine Belege.
Auslöser für die Spekulationen ist eine kurzfristig einberufene Sitzung am Donnerstagvormittag im Kanzleramt. In seiner Funktion als Vorsitzender hatte Weimer die anderen Mitglieder des Aufsichtsrates der für die Berlinale zuständigen Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH (kurz KBB) eingeladen, um über die künftige Ausrichtung von Deutschlands wichtigstem Filmfestival zu sprechen. Weitere Details dazu gab es von offizieller Seite nicht.
„Nicht alle Berichte treffen den Kern der Wahrheit“
Dennoch waren zu diesem Zeitpunkt die Schlagzeilen bereits geschrieben. So berichtete die Bildzeitung bereits am Mittwochnachmittag, also gut 19 Stunden vor Beginn des Treffens, dass Kulturstaatsminister Weimar Berlinale-Chefin Tuttle ablösen wolle. Auslöser sei ein Eklat während des Abschlussgala am vergangenen Samstag. Dort wurde das Werk „Chronicles from the Siege“ des palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib als „Bester Erstlingsfilm“ ausgezeichnet.
In seiner Dankesrede warf er der Bundesregierung vor, „Partner des Völkermords in Gaza“ zu sein und fügte hinzu: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.“ Seine Worte blieben unwidersprochen stehen. Am Ende der Preisgala sagte Tuttle lediglich, dass die Berlinale kein Ort sei, um zu schweigen, sondern ein Ort für Künstler, um zu sprechen und das manchmal in einer Art und Weise, die unbequem sei.
Weimer kommentierte die Berichterstattung noch am Abend im Kulturausschuss des Bundestages mit den Worten: „Nicht alle Medienberichte, die zurzeit zu lesen sind, treffen den Kern der Wahrheit.“ Sein Ziel sei die Stärkung der Berlinale. Die Geschehnisse während der Abschlussgala hätten jedoch der politischen und kulturellen Integrität des Filmfestivals geschadet, so Weimer weiter. Über die Folgen und auch über „etwaige Personalfragen“ wolle er am nächsten Tag mit dem KBB-Aufsichtsrat sprechen.
Tuttle leitet seit 2024 die Berlinale.
Rücktrittsforderung aus der CDU
Andeutungen über eine mögliche Ablösung von Tuttle als Berlinale-Chefin gab es nicht. Auch nach der Sitzung des KBB-Aufsichtsrates gab es nichts Neues zu erfahren. Es habe keine Beschlüsse gegeben, die Gespräche würden fortgesetzt, in der kommenden Woche auch mit Tuttle selbst. Mehr war nicht zu erfahren.
Mittlerweile ist zu lesen, dass Tuttle selbst keine Lust mehr haben soll. Dabei hat sich die Berlinale-Chefin bislang nicht öffentlich geäußert. Einen Rücktritt der Filmfestleiterin fordert bislang nur die CDU-Politikerin Ellen Demuth, die seit 2025 im Bundestag sitzt und dort Mitglied des Kulturausschusses ist.
Dass sich Weimer in der ganzen Zeit nicht klar hinter Tuttle positionierte, mag Raum für Spekulationen schaffen. Mehr aber auch nicht. Und dennoch: Auch anderen Medien berichteten plötzlich so, als ob das Aus der Berlinale-Chefin schon beschlossene Sache sei.
Rücktritt wäre massiver Imageschaden
Dabei wäre ihre Ablösung nach nicht einmal zwei Jahren im Amt ein massiver Imageschaden für das Filmfest. Tuttle hatte die Leitung im April 2024 übernommen. Ihre beiden Vorgänger im Amt, Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, konnten die hohen Erwartungen, welche die Filmbranche, aber auch die Politik an sie stellte, nicht erfüllen. Die Gründe waren vielfältig: Corona-Pandemie, Finanznöte, eine unglückselige Kommunikation mit der Politik. Und im Vergleich zur europäischen Festivalkonkurrenz verlor die Berlinale unter ihnen an Glamour und Renommee.
Da erschien die Verpflichtung von Tuttle – noch unter Weimers Vorgängerin Claudia Roth – geradezu als ein Glücksfall. Die US-Amerikanerin leitete zuvor das London Filmfestival, dem sie in dieser Zeit einen enormen Besucherzuwachs verschaffte. Und wieder waren die Hoffnungen groß, mit ihr die Richtige für die Berlinale gefunden haben. Sollte sie nun gehen, welche Kulturmanagerin oder welcher Kulturmanager mit entsprechender Kompetenz und der notwendigen Verve würde den Job noch machen wollen?
Ein mögliches Aus von Tuttle kann deshalb auch nicht im Sinne von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sein. Schließlich würde es das Filmfest nicht stärken, sondern schwächen. Also genau das Gegenteil von dem erreichen, was Weimer vor wenigen Tagen im Bundestag als sein Ziel formulierte. Zudem würde es auch kein gutes Licht auf ihn als Krisenmanager werfen.
Debatte um Meinungsfreiheit
Und noch jemand dürfte wohl kein Interesse an einem Aus von Tricia Tuttle. Am Montag fliegt Bundeskanzler Friedrich Merz nach Washington. Im Zollstreit mit den USA erwarten ihn dort ohnehin schwere Gespräche mit US-Präsident Donald Trump. Dessen Regierung hatte der Bundesrepublik zuletzt Zensur und Mängel bei der Meinungsfreiheit attestiert. Sollte nun eine US-Bürgerin infolge einer öffentlichen Debatte in Deutschland ihren Job verlieren, könnte das wie ein dunkler Schatten über den Gesprächen liegen.
Der Kanzler erwarte in der Debatte um die Berlinale eine schnelle Klärung, sagte Vize-Regierungssprecher Sebastian Hille dazu am Freitag. An Spekulationen über eine mögliche Ablösung Tuttles wollte er sich nicht beteiligen. Ähnlich wie Weimer ließ auch Hille mehr Fragen offen, als er beantworten werden konnten und verwies stattdessen auf die laufenden Gespräche. Erneut also viel Raum für Spekulationen, mehr aber auch nicht.
Source: tagesschau.de