Nach einer Woche Krieg haben die iranischen Raketenangriffe auf Israel nachgelassen. Doch ein Ende der Eskalation in Nahost ist nicht in Sicht. Wer sich in Israel umhört, erfährt, dass nicht alle die israelisch-amerikanische Operation gegen das Regime in Teheran gut finden.
Am Flughafen Istanbul stehen zwischen Mekka-Pilgern in weißen Tüchern auch drei orthodoxe Juden mit Schläfenlocken, die von hier nach Scharm el-Scheich (Ägypten) fliegen wollen, um über die Sinai-Halbinsel zurück in ihre Heimat Israel zu gelangen. Denn seitdem die USA und Israel den Iran angegriffen haben, ist der Luftraum über Tel Aviv für zivile Flugzeuge weitgehend gesperrt, es bleibt nur der Landweg.
An der Gepäckkontrolle in Scharm el-Scheich korrigiert mich ein Beamter scharf, als ich sage, dass ich als Journalist über den ägyptischen Grenzort Taba nach Israel einreisen will. „Falastin!“, sagt er, das arabische Wort für Palästina.
Das Flugzeug landet spät, am Freitagmorgen soll es weitergehen, zweieinhalb Stunden mit dem Auto durch den Sinai. Draußen wartet Taxifahrer Moussa (56), der mich für einen ägyptischen Tageslohn von umgerechnet 20 Euro zum Hotel fährt, etwa eine Viertelstunde entfernt.
Der Beduine vom Stamm der Tarabin spricht fließend Hebräisch, hat es vor 30 Jahren von israelischen Touristen im Badeort Nuweiba gelernt, nahe der israelischen Grenze. Zehntausende Mitglieder seines Stammes leben in der Negev-Wüste, sind israelische Staatsbürger. „Die Sprachen sind so ähnlich“, sagt er und nennt ein paar Beispiele. „,Blut‘ etwa, ,dam‘ auf Arabisch, ,dam‘ auf Hebräisch. ,Nase‘, ,anf‘ auf Arabisch, ,af‘ auf Hebräisch.“
Was denkt er über den Krieg gegen den Iran? „Die Schiiten machen uns Sunniten mehr Probleme als die Juden!“, sagt er. Grundsätzlich fände er Kriege nicht gut, aber die Mullahs hätten ihn selbst verschuldet. „Sie gaben Geld an die Huthis, die Hamas, die Hisbollah, angeblich, um den Palästinensern zu helfen. Jetzt kriegen sie die Rechnung“, sagt Moussa.
Israels Armee geht gegen die Hisbollah vor
Am Freitagmorgen berichtet die israelische Zeitung „Ynet“, dass im Libanon eine halbe Million Menschen aus ihren Häusern geflohen sind. Die israelische Armee geht dort hart gegen die proiranische Terrororganisation Hisbollah vor, die den Norden Israels mit Drohnen angreift.
Dem Iran hingegen scheint die Luft auszugehen. Israels Armeesprecher Nadav Shoshani sprach am Freitag von einer „merklichen Abnahme“ der Angriffe im Vergleich zum Kriegsbeginn am Samstag vor einer Woche. Israel und die USA hätten inzwischen „mehr als 60 Prozent“ der iranischen Abschussrampen für Raketen zerstört.
Der Fahrer durch den Sinai hört konstant Koran-Suren über die Autolautsprecher, in der 32., „As-Sajda“, heißt es passend zum biblischen Mose, der in dieser Gegend die Zehn Gebote empfangen haben soll: „Und wir gaben bereits Mose die Schrift – so sei nicht im Zweifel über die Begegnung mit ihm – und wir machten sie zu einer Rechtleitung für die Kinder Israels.“
Die Fahrt geht vorbei an zahlreichen verfallenen Hütten und Bungalows am Roten Meer, verwitterte Schilder mit Namen wie „Paradise“ und „Kumkum 3“ zeugen von einer lange vergangenen, lebendigen Zeit. Früher kamen israelische Touristen hierher, aber seit dem „Arabischen Frühling“ im Jahr 2011, als sich Terroristen des Terrornetzwerks „Islamischer Staat“ im Nord-Sinai festsetzen, hat sich die Lage nicht mehr entspannt.
Eilat im Süden war lange ein Sehnsuchtsziel für Israelis aus dem Norden, liegt geografisch zwischen Jordanien, Ägypten und Saudi-Arabien. Hier ist es immer warm. Am Hippiestrand nahe der Grenze sonnen sich selbst in Kriegszeiten wie jetzt jüngere Israelis. Hier ist es ruhiger als im Norden des Landes, im Süden gibt es nicht so oft Raketenalarm.
Trotzdem: Viel los ist nicht. Nach Kriegsausbruch haben die meisten großen Hotels einfach zugemacht, auch viele Läden sind geschlossen. Der Musiker Gal (35) und seine Freundin Noam (25) aus Tel Aviv sind mit Hündin Mona vor den iranischen Raketen geflohen, haben hier auf unbestimmte Zeit ein AirBnB gemietet.
Sie finden den Krieg beide falsch. „Ich glaube nicht an Kriege, ich glaube nicht daran, dass es gut ist, Menschen zu töten“, sagt Gal. Natürlich sei es alles kompliziert mit dem Iran, das sehe er auch. „Ich habe auch keine Lösung, aber Krieg ist es bestimmt nicht“, sagt er. Seine Freundin sagt: „Wir wollen, dass es bald vorbei ist und wir wieder nach Hause können.“
Michael (60) und sein Sohn Itamar (25) sehen das ganz anders. Sie hatten ihren Urlaub in Eilat schon vor langem gebucht, kommen auch aus Tel Aviv. „Das ist ein sehr wichtiger Krieg, für Israel und für die ganze freie Welt“, sagt Itamar. Man habe die wachsende Macht des Iran zurechtstutzen müssen.
Dann sagt er: „Die morden doch ihr eigenes Volk! Wir haben das gemacht, wovor viele Angst hatten. Und die wollten auch noch Atombomben bauen. Wenn die Mullahs die bekommen hätten, wäre es vorbei gewesen. Und auch die Iraner können jetzt vielleicht ihre Freiheit bekommen.“
Sein Vater stimmt ihm zu. „In zwei Wochen ist das alles vorbei, ich bin Optimist“, sagt der Anwalt. „90 Prozent sind für diese Aktion, die Ajatollahs sitzen uns seit 50 Jahren im Nacken, wir mussten das machen.“
Eine Sache habe ihn dann doch gewundert. Die relative Schwäche der iranischen Armee. „Unsere Flugzeuge düsen da ungestört herum, als sei es der Dizengoff-Platz“, sagt er – und zieht damit einen Vergleich zu dem belebten Platz in Tel Aviv.
Tatsächlich sind laut Umfragen rund 90 Prozent der jüdischen Israelis für den Krieg – allerdings nur 26 Prozent der arabischen Staatsbürger.
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Source: welt.de