Die AfD in Sachsen-Anhalt: CSU des Ostens?

Es ist die Landschaft. Sachsen-Anhalt besteht fast nur aus Landschaft. Der Harz, die Elbe, die Saale, die weitläufige Altmark. Dazwischen wenige Siedlungen und Städte. Von zehn Bürger:innen in Sachsen-Anhalt leben neun gerne in ihrem Bundesland, fühlen sich mit ihrem Wohnort verbunden.

Vor allem wegen der Landschaft, das zeigt der im Dezember veröffentlichte Sachsen-Anhalt-Monitor. Und trotzdem glaubt laut der Studie ein Drittel: Um die Lebensbedingungen zu verbessern, brauchen wir eine Revolution.

Dieses Jahr im September wählt das kleine Bundesland mitten in Deutschland einen neuen Landtag. In den aktuellen Umfragen liegt die AfD vorn. Rund 40 Prozent der Befragten würden demnach ihr Kreuz bei der blauen Partei setzen.

Ähnlich sieht es in Mecklenburg-Vorpommern aus. 2024 war es nur ein wenig anders in Sachsen, Thüringen und Brandenburg, also in Ostdeutschland. Doch warum? Ist die AfD dort mittlerweile Volkspartei?

Bleiben wir mal in Sachsen-Anhalt, wo die Menschen ihre Landschaft lieben und ein Teil sich revolutionär fühlt. Der Sachsen-Anhalt-Monitor ist eine regelmäßige Studie, um die demokratischen Vitalwerte zu überwachen. Oberflächlich sieht es da gut aus: Eine deutliche Mehrheit von 87 Prozent gibt an, sie sei für die Demokratie als Staatsform. In Vereinen oder bei Demos setzen sich viele dafür ein.

Doch bei genauerer Betrachtung liegen mehrere Kennzahlen des Sachsen-Anhalt-Monitors im kritischen Bereich. Als die Wochenzeitung Die Zeit den Mitautoren und Soziologen Gert Pickel fragte, ob die Demokratie in Sachsen-Anhalt noch stabil ist, antwortete der nur vorsichtig. Er sei sich nicht mehr sicher.

84 Prozent halten andere Herrschaftsformen als Demokratie für legitim

Die Frage nach der Revolution war in der Studie als Indikator für „Linksextremismus“ gedacht, so die Autor:innen. Sie sollte eine „antistaatliche Haltung“ offenlegen. Im Ergebnis stimmten vor allem Menschen der Aussage zu, die sich selbst politisch rechts verorten. Unter den äußerst Rechten gaben 63 Prozent an, eine Revolution sei nötig.

84 Prozent derselben Gruppe halten auch andere Herrschaftsformen als die Demokratie für legitim. Unter Umständen sei eine Diktatur besser. Ein Führer, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert. Eine einzige Partei, die die Volksgemeinschaft verkörpert.

Laut dem Sachsen-Anhalt-Monitor ist der akute Wunsch nach einem Ein-Parteien-System bei denen, die sich mit der AfD verbunden fühlen, besonders verbreitet. „Das braucht Deutschland jetzt“, glauben demnach zwei von drei AfD-Anhänger:innen. Welche Partei sie wohl vor Augen haben? Bei den Anhänger:innen der CDU, der SPD, der Linken und der Grünen wünscht sich nicht mal einer von Dreien eine solche Herrschaftsform.

Ähnlich unterschiedlich sind die Ansichten von AfD-Anhänger:innen und dem Rest, wenn es um die wirtschaftliche Lage und Zukunft geht. Die AfDler:innen schätzen sie durchschnittlich schlechter ein. Vielleicht rührt daher die Hoffnung, auf bessere Chancen in einem anderen System.

Es sei erleichternd gewesen, den Kanzler anzuschreien

Sachsen-Anhalt ist kein Sonderfall, kein Bundesland voller Rechtsextremist:innen. Dort wird aktuell nur besonders sichtbar, was passiert, wenn die Bindung an eine plurale Demokratie bröckelt, wenn eine autoritäre Partei zur politischen Normalität wird.

Als sich am 20. Dezember der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in der Landeshauptstadt Magdeburg jährte, kam Bundeskanzler Friedrich Merz zum offiziellen Gedenken. Der CDU-Politiker, der sich inhaltlich schon vor seiner Amtszeit auf die AfD zubewegte.

Mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) lief er an Dutzenden Wartenden vorbei. Plötzlich skandierte einer: „Schämt euch!“ Andere stimmten ein. Die meisten schauten nur zu. In der zweiten Reihe lächelte stumm Martin Reichardt, Vorsitzender der AfD in Sachsen-Anhalt.

Nachdem Merz verschwunden war, wandten sich die, die zuvor skandiert hatten, zufrieden einander zu. Erleichternd sei es gewesen, den Kanzler anzuschreien, kicherte eine Frau. Aber der Merz sei doch 2015, als „die Probleme“ losgingen, gar nicht in der Regierung gewesen, gab ein Mann zu bedenken. Sofort stand er im Gegenwind: Egal, der Kanzler gehöre ja trotzdem zu denen.

Was Merz nicht versteht, wenn er versucht, mit migrationsfeindlicher Politik AfD-Wähler:innen von sich zu überzeugen: Die haben nicht unbedingt ein Problem mit Migrant:innen. Sie haben eins mit dem bestehenden System.

Laut dem Parteienforscher Benjamin Höhne, gebürtig aus Sachsen-Anhalt, ist das nicht überraschend. Bei populistischer Politik bestehe „ein Hang zur Destruktion der bestehenden politischen Ordnung.“ Auch dafür werde die AfD gewählt.

Die Umfragewerte steigen trotz Fehltritten und Skandalen

Aber warum geben ausgerechnet in Ostdeutschland so viele der AfD ihre Stimme? Liegt es wirklich nur an der Wende-Erfahrung? An den bestehenden Ungleichheiten zwischen Ost und West? Ist es die Sorge vor der nächsten Transformation?

Das sei nicht so einfach, antwortet Benjamin Höhne. „Da tut sich auch die empirische Wahlforschung schwer.“ Er startet trotzdem einen Erklärungsversuch: Es könnte daran liegen, dass die Menschen in Ostdeutschland ein anderes Verhältnis zu Großorganisationen haben.

Die Bindung zu Kirchen, Gewerkschaften und Parteien sei seltener und schwächer als in der alten Bundesrepublik. Das öffne den Raum für neue Akteure wie die AfD, die versuchen, Leerstellen zu füllen, sagt Höhne.

Während bei anderen Parteien die Stammwähler:innen verschwinden, treten sie bei der AfD zunehmend in Erscheinung. „Sie haben mit der AfD eine politische Heimat gefunden. Sie halten der Partei die Treue, unabhängig von der tagesaktuellen Lage, von Fehltritten oder Skandalen“, führt Höhne aus.

Zweifelhafte Wahlkampfspenden, Gewalt gegen Andersdenkende. Trotz der Schlagzeilen, die Umfragewerte steigen trotzdem. 40 Prozent in Sachsen-Anhalt, die anderen Parteien weit abgeschlagen, so etwas kennt man ansonsten nur von der CSU in Bayern.

Nicht die einzige Ähnlichkeit. Markus Söder und Ulrich Siegmund, der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, sind zum Beispiel beide sehr aktiv auf Social Media. Beide deutschtümeln. Sie schießen rhetorisch gerne gegen „die in Berlin“ oder die Grünen. Übernimmt die AfD in Ostdeutschland etwa die Funktion der CSU in Bayern?

Wer die AfD als Regionalpartei abtut, verkennt ihren Erfolg im Westen

Parteienforscher Höhne klingt bei seiner Antwort fast entrüstet. Zum einen stehe die CSU auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Zum anderen fahre die AfD zwar im Osten besonders hohe Ergebnisse ein. Aber eine Regionalpartei wie die CSU?

„Nein, das würde die tektonischen Verschiebungen im Parteiensystem zu sehr vereinfachen und die Gefahr für Gesamtdeutschland regionalisieren“, entgegnet Höhne. Er kenne die Auffassung mancher im Westen, dass der Osten als schwierig gelte. „Aber wer die AfD als Regionalpartei abtut, der verkennt, dass sie auch im Westen stärker wird, trotz ihrer Radikalisierung.“

Bei der Bundestagswahl 2025 verdoppelte die AfD ihr Ergebnis. Laut einer Auswertung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung wählten die rechtsextreme Partei dabei vor allem Menschen, die sich von der Gesellschaft benachteiligt fühlten. Sie glauben, weniger zu bekommen als sie verdienen. Die AfD fördere das mit einer Niedergangsrhetorik und positioniere sich als Heilsbringerin.

Eigentlich ein Scheinriese, zumindest auf TikTok

An einem kalten Abend Mitte Dezember reichte Ulrich Siegmund mit breitem Lächeln einen Glühwein nach dem anderen über die Ladentheke auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg. Der AfD-Spitzenkandidat sammelte Tasse für Tasse Geld, um es einem gemeinnützigen Verein zu spenden.

Ein kurzes Video auf TikTok informierte danach seine über hunderttausend Follower:innen über die gute Tat. Er habe mehr Geld zusammenbekommen als die „Altparteien“. Auf TikTok folgen Siegmund etwas mehr als 600.000 Accounts.

Das sind doppelt so viele wie bei Markus Söder und fast so viele wie bei Sahra Wagenknecht. Kommt daher der AfD-Erfolg? Der Social-Media-Berater Martin Fuchs klingt da skeptisch. Um Themen zu setzen und den Ton zu schärfen, dafür sei TikTok relevant.

Aber: „Reichweite und Sichtbarkeit bedeuten nicht, dass man bei Wahlen erfolgreich ist.“ Außerdem gebe es neben Siegmund kaum große eigene Accounts. Die AfD sei auf Tiktok eigentlich „ein Scheinriese“, glaubt Fuchs.

Aber Siegmunds Auftritt auf dem Weihnachtsmarkt in der Landeshauptstadt zeigt noch etwas ganz anderes. In Sachsen-Anhalt ist die AfD schon normalisiert. Das verstärkt ihre Rhetorik gegen das System. Wenn Ulrich Siegmund behauptet, die AfD wolle eine absolute Mehrheit, um kompromisslos zu regieren, scheint das vielen nichts Bedenkliches.

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