Die 44-Prozent-Behauptung – und wie sie ein falsches Bild von Muslimen erzeugt

Eine Horror-Botschaft breitet sich seit Wochen aus. Im Bundestag. In Redaktionsstuben. Und in sozialen Netzwerken ohnehin: In Deutschland sei fast jeder zweite Muslim unter 40 Jahren islamismusnah. Damit ist das Urteil über Deutschlands Muslime gefällt – und zwar guillotinenartig. Denn „Islamist“ und „Terrorist“ sind nach landläufigem Empfinden so etwas wie eineiige Zwillinge. Und selbst nichtterroristische Islamisten bekämpfen laut Verfassungsschutz zentrale Prinzipien unserer Verfassung.

Aktuell soll das auf 44 Prozent der deutschen Muslime unter 40 Jahren zutreffen. Zumindest legt dies die sogenannte „Motra-Studie“ nahe. Dahinter steht der von mehreren Bundesministerien geförderte Forscherverbund „Monitoringsystem und Transferplattform Radikalisierung“. Auf dessen Studien-Ergebnisse berufen sich derzeit Vertreter fast aller politischen Lager – nahezu immer unkritisch.

Welchem muslimischen Nachbarn kann man noch trauen?

Fast jeder zweite junge Muslim wird demnach von allerlei verfassungsfeindlichen Gefühlen und Gedanken beherrscht, wenn er nicht gar mit Osama-bin-Laden-Potenzial ausgestattet ist. Wie soll man da seinem muslimischen Nachbarn eigentlich noch trauen? In solch einer Atmosphäre kann ein Zusammenleben von Nichtmuslimen und Muslimen nicht gedeihen. Doch Gott sei Dank: In dieser Atmosphäre muss es auch nicht gedeihen – weil der Befund vermutlich nicht stimmt. Die Motra-Studie arbeitet mit voreiligen Unterstellungen, die teils wirken, als hätte eine religionsfressende Atheisten-Truppe sie erdacht.

Um die laut Studie „manifeste“ oder zumindest irgendwie „latente“ Islamismusaffinität der Befragten zu ermitteln, legten die Studienmacher ihnen acht Aussagen vor, denen sie gar nicht, eher nicht, eher doch oder voll und ganz zustimmen sollten. Um zu erkennen, ob ein Muslim sich der „Abwertung anderer Religionen und Gesellschaften“ schuldig mache, wurden ihm zum Beispiel folgende Sätze vorgelegt: „In Deutschland kann man deutlich sehen, dass die christlichen Religionen nicht in der Lage sind, die Moral zu sichern.“ Wehe dem Muslim, der dieser Aussage auch nur „eher“ zustimmte!

Wie verkommen ist unsere Sexualmoral?

In Wirklichkeit ist natürlich niemand islamismusaffin, nur weil er oder sie diesem Satz zustimmt. In der Aussage steckt ein beschreibendes Urteil, nämlich die Einschätzung, dass es den Kirchen aktuell nicht gelingt, „die Moral zu sichern“. Jedenfalls nicht auf wünschenswertem Niveau. Diesem Satz stimmen auch etliche Bischöfe der Republik zu. Überhaupt sollte jeder Christ darüber seufzen, dass dieser Satz leider korrekt ist. Von einer Gesellschaft, in der Menschen sich stets liebevoll und selbstlos um ihre Mitmenschen kümmern, wie es die christliche „Moral“ fordert, sind wir entfernt. Dieser Satz ist als deskriptives Urteil schlicht wahr. Pech, dass auch 27,7 Prozent der befragten Muslime die Realität so wahrnehmen. Sie gelten nun als „islamismusaffin“.

Noch ein Beispiel bietet die Aussage, „die Sexualmoral der westlichen Gesellschaften“ sei „völlig verkommen.“ Schon klar, das ist ein harsches Verdikt. Es könnte allerdings ebenso gut von konservativen Katholiken, Evangelikalen oder Orthodoxen stammen. Oder von einem Zeitgenossen, der gelegentlich Nachrichten schaut – über die Epstein-Files, über Deutschland als den „Puff Europas“ (so Bundestagspräsidentin Julia Klöckner), über geschätzte 250.000 illegale Prostituierte hierzulande, deren Ausbeutung die deutsche Politik seit Jahren de facto unterstützt, über Kitas mit Masturbations-Raum, über – aber belassen wir es dabei. Das reicht schon, um (wie 44,8 Prozent der Befragten) zu urteilen, es stehe arg schlecht um unsere Sexualmoral.

Muslimische Differenziertheit unerwünscht?

„Völlig verkommen“ mag impulsiv klingen, aber islamistisch? Laut Studie jedoch bewegt man sich damit bereits im islamismusaffinen Dunstkreis der „generalisierten Abwertung anderer, nicht islamischer Religionen und Gesellschaften“. Auf die Idee, den Muslimen alternativ auch eine etwas mildere Kritik zur Wahl zu stellen (etwa: „Die Sexualmoral ist geschwächt“, nicht gleich „völlig verkommen“) kamen die Studienköpfe leider nicht. War ihnen eine mildere, differenzierte muslimische Position so unerwünscht?

Eigenartig ist zudem der argumentative Weg, auf dem die Studienmacher nachweisen, dass ein Muslim zu „pauschal übersteigerter Aufwertung des Islam“ neige. Dazu muss er seiner Religion eigentlich nur von ganzem Herzen vertrauen und – wie 44,3 Prozent der Befragten – folgendem Satz „voll“ oder „eher“ zustimmen: „Nur der Islam ist in der Lage, die Probleme unserer Zeit zu lösen“. Das Gedankenverbrechen dieser 44 Prozent: Sie trauen ihrer Religion zu, was sie sonst niemandem zubilligen.

Natürlich vertreten sie damit nicht den religionspluralistischen Ansatz etwa des Religionswissenschaftlers Perry Schmidt-Leukel, der alle großen Religionen für gleichwertig und gleichkompetent hält. Nur: Diesen Ansatz vertreten große Strömungen des katholischen, orthodoxen und evangelikalen Weltchristentums ebensowenig. Schmidt-Leukel erhielt wegen seiner vermeintlichen Unverfrorenheit von der katholischen Kirche in Deutschland nicht einmal eine Lehrerlaubnis.

Die manipulative Macht hat, wer die Frage formuliert

Diese Neigung zur relativen Abwertung anderer religiöser Wege ist auch kein Spezifikum der Monotheisten. Auch vom stets anerkennend-toleranten Buddhismus kann nur reden, wer sich nie mit dem gnadenlosen Exklusivismus vieler Buddhisten von Myanmar über Sri Lanka bis Thailand beschäftigt hat. Wollen uns also die Forscher hinter der Motra-Studie erklären, dass eigentlich große Teile der Welt und ihrer Religionen vom Verfassungsschutz beobachtet gehören? Diesen globalen Weltanschauungskrieg sollen sie doch bitte privat führen – nicht im Auftrag steuerfinanzierter Ministerien.

Davon abgesehen zeigt sich hier erneut, wie sehr Fragestellungen manipulieren können. Warum wurde diese Aussage nicht etwas weicher formuliert und dann den Muslimen vorgelegt? Wie hätte das Ergebnis wohl ausgesehen, wenn neben den Satz „Nur der Islam ist in der Lage, Probleme zu lösen“ auch eine konziliante Alternative angeboten worden wäre – etwa „der Islam ist besser als andere in der Lage, Probleme zu lösen“? Wer Muslimen nur die Wahl lässt zwischen „Der Islam taugt nichts“ und „Einzig der Islam taugt etwas“, der verzerrt und vergröbert Meinungen – anstatt sie zu spiegeln.

Diese Kritik an den Techniken unserer Extremismusforscher ist im bürgerlichen Deutschland auch verbreitet – sofern es darum geht, vermeintlichen Rechtsextremismus mit allzu grober Methodik aufzuspüren. Wenn aber Muslime zum Opfer werden, dann sollen die gleichen Methoden plötzlich blind verlässliche Resultate liefern?

90 Prozent wollen nicht mehr „islamische Regeln“!

Womit wir beim dritten untersuchten Islamismus-Merkmal wären: bei der „Bereitschaft, religiöse Regeln des Islam zur Grundlage der politischen Verfasstheit des Staates zu machen beziehungsweise die Befürwortung einer solchen politischen Ordnung“. Diese Bereitschaft wird in der Tat von 23,8 Prozent der Teilnehmer auf eine für die Bundesrepublik inakzeptable Weise artikuliert. Ihnen zufolge wäre „ein islamischer Gottesstaat die beste Staatsform“. Nein, das kollidiert mit unserer Verfassung. Da existiert ein echter Konflikt. Am ehesten könnte man scheinbar bei diesen 23 Prozent von Islamismusnähe sprechen.

Diese Gruppe schrumpft indes sogleich wieder, weil nur 9,8 Prozent sagen, auch die deutsche Gesellschaft solle „stärker nach islamischen Regeln gestaltet“ werden. Über 90 Prozent der befragten Muslime wollen von diesem Ziel hierzulande also nichts wissen! Auch die klare Mehrheit der Gottesstaat-Sympathisanten meint folglich, der Gottesstaat ihrer Träume sei für Deutschland weder Thema noch Ziel.

Bleiben wir noch bei diesen abgefragten „islamische Regeln“: Stehen die zwingend im Gegensatz zu bundesrepublikanischen Regeln? Müsste dieser unterstellte Widerspruch nicht erst bewiesen werden, bevor man ihn in einer Studie voraussetzt? Zur Frage, welche islamischen Regeln wie umgesetzt werden sollen, kursieren in der muslimischen Welt doch 1000 unterschiedliche Antworten. Unbestreitbar kann das Verständnis „islamischer Regeln“ auch verfassungskonform sein. So gibt es etwa eine wachsende Tendenz in der islamischen Lehre, nicht die Gesamtheit aller Gebote aus Koran und Sunna als buchstäblich verpflichtend anzusehen, sondern nur die dahinter stehenden Grundwerte, genannt „maqasid asch-scharia“.

Sind nur Salafisten glaubwürdige Muslime?

Diese Unterscheidung zwischen Wortlaut des Korans und dahinter stehendem Grundwert bedeutet beispielsweise: Die koranische Prügelstrafe für öffentlichen Ehebruch wird als zeitgebunden verstanden, der zugrundeliegende Wert der Pflege ehelicher Treue dagegen als zeitlos. Demgemäß könnte eine heutige Gesellschaft, die islamischen Regeln folgt, die Beratung für Ehepaare in Krisen verbessern – nicht Peitschenhiebe für Ehebrecher verordnen. Hätten die Forscher deshalb nicht erst eruieren müssen, was die befragten Muslime unter „islamischen Regeln“ überhaupt verstehen?

Als Nachweis der Islamismusaffinität gilt laut Motra-Studie noch eine weitere Aussage: „Die Regeln des Korans sind mir wichtiger als die Gesetze in Deutschland“ (25,1 Prozent). Ein Evergreen grober Gesinnungsforschung! Auch da fragt sich: Woher wissen die Studienautoren, dass diese 25 Prozent an einen grundlegenden Widerspruch zwischen Koran und Grundgesetz glauben? Warum haben sie sich nicht erkundigt, wer unter diesen 25 Prozent von einer Harmonie zwischen Heiliger Schrift und Verfassung ausgeht? Immerhin beteuern alle muslimischen Gemeinschaften Deutschlands außer den Salafisten diese Harmonie. Oder gelten den Forschern nur Salafisten als glaubwürdige Zeugen des islamischen Selbstverständnisses?

Wer kollidiert da mit der Verfassung?

Davon abgesehen: Auch viele Christen würden sagen, Jesus sei ihnen wichtiger als die deutsche Rechtsordnung. Ähnlich würden sich viele Buddhisten über Buddha und Hindus über Vishnu oder Krishna äußern. Heikel ist nicht der Vorrang des Göttlichen vor dem Weltlichen (der ist selbstverständlich), sondern die Frage, wie groß das praktische Konfliktpotenzial zwischen beiden Sphären ist. Es sei denn, man hielte gelebte Religiosität an sich schon für ein bekämpfenswertes Übel.

Dann aber stünden nicht die Muslime, sondern die Studienmacher in Konflikt mit unserer Verfassung. Denn die verlangt vom Staat nicht atheistisches Vorurteil, sondern wohlwollende, kooperierende Neutralität gegenüber Religionen.

Source: welt.de

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