Die Deutsche Telekom hat ihre erste große KI-Fabrik in München in Betrieb genommen. Die Großanlage in der Nähe des englischen Gartens sei die Basis für innovative Geschäftsmodelle für die Industrie, Start-ups und den Staat, sagte Konzernchef Timotheus Höttges. Das Gemeinschaftsprojekt mit dem US-Chipkonzern Nvidia und Europas größten Softwarekonzern SAP war mit einer Investition von über einer Milliarde Euro auf dem Weg gebracht worden. „Wir beweisen hier, dass Europa auch Künstliche Intelligenz kann“, sagte Höttges.
Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) nannte das Großprojekt als ein Beispiel dafür, dass inzwischen in Deutschland auch die privaten Investitionen angelaufen seien. „Hier wurde ein wichtiger Pflock für das deutsche und europäische KI-Ökosystem gesetzt“. Davon profitierten nicht nur innovative Unternehmen, das Projekt stärke auch die digitale Souveränität.
Hier kommen Antworten auf die wichtigsten Fragen zu dem Vorhaben.
Das Cloudrechenzentrum für Künstliche Intelligenz erfordert eine Investition von rund einer Milliarde Euro. Dafür werden 10.000 Grafikprozessoren von Nvidia angeschafft. Die Telekom stößt damit in Deutschland in die Spitzenliga der Rechenzentren vor. Zum Vergleich: Deutschlands größter Supercomputer Jupiter, der im Forschungszentrum in Jülich steht, verfügt über 24.000 Grafikprozessoren.
Warum vergingen nach der Ankündigung nur drei Monate bis zum Start?
Die Telekom baut nicht auf der grünen Wiese, sondern zieht in ein komplett renoviertes, vorhandenes Rechenzentrum in München ein, das früher von der Hypovereinsbank betrieben wurde. Von außen ist wenig zu sehen, da sich das Rechenzentrum über sechs unterirdische Stockwerke hin erstreckt. Das Gebäude gehört zum Büroquartier Tucherpark, das in den Sechzigerjahren direkt am Rande des Englischen Gartens errichtet wurde.
KI-Chips entwickeln eine enorme Hitze. Was passiert mit der Wärme?
Es stimmt: KI-Chips, insbesondere die Blackwell-GPUs von Nvidia, werden extrem heiß. Die Telekom wird zur Kühlung das kalte Wasser des direkt anliegenden Eisbachs verwenden: Die im Rechenzentrum entstehende Abwärme soll nicht nur einfach in das Bachwasser geleitet werden. Es gibt Pläne, diese Energie in das lokale Fernwärmenetz einzuspeisen, um das umliegende Quartier im Tucherpark zu beheizen. Details zur Nachhaltigkeit des Abwärmekonzeptes werden auf einer Pressekonferenz am Mittag erwartet.
Warum hat sich die Telekom für den Standort München entschieden?
Die Wahl fiel auf München, da hier die Dichte an potentiellen Industriekunden hoch ist. Telekom-Kunden und Partner wie Airbus, BMW, das KI-Unternehmen Perplexity oder Siemens sowie etliche Robotik-Start-ups wie Agile Robots benötigen geringe Datenlaufzeiten (Latenz) für ihre Anwendungen. Durch die Platzierung der Rechner mitten in der Stadt – und nicht in einem entfernten Gewerbegebiet – kann die Telekom die Ansprüche der Unternehmen erfüllen.
Ist der Wettbewerb mit großen US-Anbietern nicht wie ein Kampf zwischen David und Goliath?
Auf den ersten Blick wirkt die Marktstellung der großen amerikanischen Techkonzerne wie AWS (Amazon), Azure (Microsoft) oder Google Cloud erdrückend. Sie investieren jährlich ein Vielfaches dessen, was die Telekom in die Hand nehmen kann. Trotzdem hat die Telekom im Wettbewerb eine Chance. Das liegt in der Tatsache begründet, dass der Bonner Konzern sich eine lukrative Nische im Cloudgeschäft ausgesucht hat, nämlich das Bereitstellen von Hochsicherheitsrechenzentren in der Nähe der Industriebetriebe.
Profitiert die Telekom vom Standort Deutschland?
Ja und nein. Zum einen muss die Telekom in Deutschland mit höheren Kosten leben – vor allem für die Energieversorgung. Allerdings kann sie hier das Stichwort „Datensouveränität“ zum Geschäftsmodell aufwerten. Viele deutsche Unternehmen zögern nämlich, ihre sensiblen Daten in Cloudspeichern von US-Anbietern abzulegen. Die Telekom bietet hier eine „souveräne Cloud“ an, bei der die Daten physisch in Deutschland bleiben und unter europäischem und deutschem Recht stehen. Bei den US-Anbietern dagegen besteht durch Gesetze wie den „US Cloud Act“ zumindest theoretisch die Option eines Zugriffs durch amerikanische Behörden.