Deutschland spielte bisher militärisch keine Rolle im Indopazifik. Aber jetzt hat Verteidigungsminister Pistorius auf seiner Reise durch Japan, Singapur und Australien konkrete Rüstungsdeals abgeschlossen. Es geht um mehr als Milliardengeschäfte.
Es war ein ungewöhnlich konkretes Ergebnis für einen Staatsbesuch. Am Dienstag unterzeichneten ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) und Singapurs staatlicher Rüstungskonzern ST Engineering im Beisein des deutschen Verteidigungsministers Boris Pistorius einen Vertrag: In Singapur soll ein dauerhafter Wartungs-Hub für U-Boote aus deutscher Herstellung entstehen.
Der Moment ist symptomatisch für das, was diese Reise des Verteidigungsministers von früheren unterscheidet. Auf seinen Besuchen in Japan, Singapur und Australien schließt Pistorius konkrete Rüstungsdeals ab. Es ist der Beginn einer neuen Phase – Deutschland verankert seine Rüstungsindustrie dauerhaft im Indopazifik.
Bei früheren Besuchen deutscher Minister in der Region ging es mehr um Symbolpolitik. Deutschland schickte in den vergangenen Jahren immer mal wieder eine Fregatte in die Region oder nahm an gemeinsamen Militärübungen teil. Es ging darum, Flagge zu zeigen. Jetzt werden Geschäfte gemacht.
Das Abkommen mit ST Engineering zielt nicht nur auf die gemeinsame Instandhaltung der vier U-Boote vom Typ 218SG, die Singapur bei TKMS bestellt hat, sowie zweier weiterer, im vergangenen Jahr georderter Boote. Der Hub soll bewusst auch Drittländer anziehen. „Egal wer Allied Navy ist, dem wird geholfen – ob Deutschland, Singapur, Norwegen oder anderen like-minded Partnern“, sagte Pistorius in Singapur.
Das zeigt auch ein Detail, das bislang kaum öffentlich bekannt ist: Kanada, das die Bestellung zwölf neuer konventioneller U-Boote entweder bei TKMS oder beim südkoreanischen Anbieter Hanwha Ocean plant, hat bereits Interesse an einem solchen Wartungsstandort in Singapur signalisiert. Das Abkommen ist damit zugleich ein strategisches Verkaufsargument im laufenden Wettbewerb um ein milliardenschweres Rüstungsprogramm.
Das Verhältnis zwischen Deutschland und Singapur ist enger, als es öffentlich wahrgenommen wird. Singapur betreibt eine große Flotte von Leopard-2-Kampfpanzern, deren Besatzungen in Deutschland ausgebildet werden. Seit 2020 ist ein deutscher Verbindungsoffizier am Information Fusion Center stationiert, dem maritimen Lagezentrum für Südostasien.
Und Pistorius zeigte sich erfreut, dass Singapur über den Kauf von P-8-Poseidon-Seefernaufklärern nachdenkt: „Gerne wollen wir unsere Erfahrungen weitergeben und Singapur bei der Einführung unterstützen.“
Ja-Ian Chong, Politikwissenschaftler an der National University of Singapore, ordnet Deutschlands Rolle im Vergleich zu den USA oder Australien nüchtern ein: Deutschland ermögliche Singapur eine Diversifizierung seiner Rüstungsbeschaffung und bringe komplementäre Fähigkeiten mit.
„Singapur nutzt bereits Systeme, die mit Deutschland entwickelt wurden oder von dort stammen“, sagt Chong. „Der Cyberbereich der Bundeswehr ist zudem ein natürlicher Partner für den Digital and Intelligence Service der Singapore Armed Forces.“
Chong verweist auch auf die wirtschaftliche Dimension der Kooperation: Singapurs Handel mit Gütern und Dienstleistungen übersteigt das Dreifache des Bruttoinlandsprodukts. Freie Seehandelswege sind für ein solches Land keine abstrakte Forderung, sondern eine existenzielle Notwendigkeit.
Pistorius hatte die Straße von Hormus explizit als Referenzpunkt für gemeinsame Interessen angeführt. „Freiheit der Schifffahrt und maritimer Zugang sind für einen offenen Handelsknotenpunkt wie Singapur von entscheidender Bedeutung“, sagt Chong. „Deutschland und Singapur haben beide ein Interesse daran – das schafft Raum für Kooperation.“
Im japanischen Yokosuka hatte Pistorius am vergangenen Wochenende den nächsten Schritt in der Militärkooperation mit Japan angestoßen: ein sogenanntes Reciprocal Access Agreement, das dauerhaft erleichterten Truppenaustausch ermöglichen soll – weg von punktuellen Übungen, hin zu systematischer Präsenz.
Im Oktober sollen rund 100 deutsche Sanitätskräfte an der japanischen Übung „Keen Sword“ teilnehmen. Deutschland plant zudem, im kommenden Jahr mit Seefernaufklärern und einem Seebataillon im Indopazifik präsent zu sein und im Jahr darauf erneut an RIMPAC teilzunehmen, der größten Marineübung der Welt.
Auch in Canberra wurde die militärische Zusammenarbeit ausgebaut. Bei seinem Treffen mit Australiens Verteidigungsminister Richard Marles vereinbarte Pistorius mehrere Schritte, die die militärische Zusammenarbeit strukturell vertiefen sollen.
Im Zentrum steht ein sogenanntes Status of Forces Agreement (SOFA), das Einsätze und Stationierungen deutscher und australischer Truppen im jeweils anderen Land rechtlich erleichtern soll. „Wir verfolgen ein Abkommen, das es unseren Streitkräften deutlich einfacher machen wird, im jeweils anderen Land zu operieren“, sagte Marles.
Für Pistorius ist das mehr als eine Formalität. Wie bei Japan geht es um eine strategische Verschiebung, mit dem Ziel dauerhafter Präsenz und Interoperabilität. Die zunehmende Verzahnung der Sicherheitslagen in Europa und im Indopazifik sei dabei der zentrale Treiber.
Zweiter Schwerpunkt: Weltraum
„In einer Welt mit weniger Verlässlichkeit, weniger Ehrlichkeit und weniger Vorhersehbarkeit ist es umso wichtiger, dass gleichgesinnte Partner wie Australien und Deutschland enger zusammenarbeiten“, sagte Pistorius.
Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf dem Weltraum. Beide Länder unterzeichneten eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit bei der Überwachung von Aktivitäten im All. Hintergrund ist die wachsende Bedrohung durch Russland und China.
Hinzu kommt ein weiterer, strategisch heikler Punkt: die Suche nach neuen Technologien für die Bundeswehr. Pistorius kündigte an, den australischen Markt für Laserwaffen genau zu prüfen. Diese könnten künftig eine zentrale Rolle in der Drohnenabwehr spielen. „Wir sondieren den gesamten Markt, um die beste Lösung für unsere Streitkräfte zu finden“, sagte er.
Die Reise von Pistorius ist nicht isoliert zu verstehen. Ende Februar besuchte Bundeskanzler Friedrich Merz China. Außenminister Johann Wadephul hatte die Reise mit einem Peking-Besuch im Dezember 2025 vorbereitet und war selbst Anfang Februar unter anderem in Singapur und Australien. Innerhalb von weniger als zwei Monaten haben Außenminister, Kanzler und Verteidigungsminister dieselbe Region bereist.
Kann Deutschland glaubwürdig beide Spuren gleichzeitig fahren – Engagement mit Peking und Vertiefung der Kooperationen mit Chinas Nachbarn? Politikwissenschaftler Chong sieht das pragmatisch: „Singapur ist aus Pekings Sicht keine unmittelbare Herausforderung, daher ist eine öffentliche Missbilligung des Pistorius-Besuchs unwahrscheinlich.“ Länder wie Singapur und Deutschland, die gemeinsame Interessen und ein gewisses Streben nach strategischer Autonomie teilten, hätten guten Grund zur Zusammenarbeit.
Chong warnt aber, das Mantra der Neutralität und Nicht-Einmischung, das viele südostasiatische Staaten pflegen, könnte unter Druck geraten. „Offizielle in Peking haben die Ausweitung von Kooperationen zwischen US-Verbündeten und Partnern bereits als ‚Eindämmung, Einkreisung und Unterdrückung‘ bezeichnet“, sagt Chong. „Die Frage für Singapur und Deutschland ist, wie sie gemeinsam dazu beitragen können, Frieden zu erhalten und Konflikte zu verhindern“, sagt Chong, „zu einer Zeit, in der Gewalt weltweit häufiger wird.“
Die Unberechenbarkeit der Trump-Administration zwingt Berlin zudem zur Diversifizierung seiner Sicherheitsarchitektur. Neue Partner im Indopazifik zu finden, ist kein Misstrauensvotum gegen die USA, aber es ist eine Absicherung.
Die Indo-Pazifik-Leitlinien aus dem Jahr 2020 formulierten den Anspruch – Pistorius’ Reise ist der erste ernst zu nehmende Versuch, ihn industriepolitisch zu unterfüttern. Deutschland sucht im Indopazifik nicht mehr nur Verbündete, sondern Lieferketten, Rüstungspartner und strategische Anker jenseits der USA. Und jenseits Chinas.
Source: welt.de