Nach Selbstauskünften haben psychische Auffälligkeiten unter Schülern im Jahr 2025 um vier Prozent zugenommen. Jeder Vierte fühlt sich überdurchschnittlich belastet. Etwa 15 Prozent leiden unter Ängsten, Traurigkeit und Depressionen. Das ist erstmals nach der Pandemie ein Anstieg. Wie erklären Sie sich das?
Den von uns festgestellten Anstieg sehen wir auch in ähnlich gelagerten Untersuchungen wie der COPSY-Studie und dem DAK-Präventionsradar. In allen Erhebungen wird deutlich, dass psychische Belastung stark mit Armut verbunden ist, auch weil prekäre Lebensverhältnisse häufig mit familiärem Stress einhergehen. Das Empfinden finanzieller Unsicherheit hat mehreren Untersuchungen zufolge zugenommen. Ein weiterer Faktor könnte sein, dass Kinder und Jugendliche über Social Media stark mit belastenden Nachrichten konfrontiert werden. So beunruhigend das Ergebnis ist, muss man aber auch sagen: 85 Prozent der Jugendlichen sind eigentlich psychisch gesund, es ist keinesfalls so, dass eine ganze Generation stark belastet wäre. Und es gilt zu berücksichtigen, dass wir im Bereich der psychischen Auffälligkeiten derzeit eine Entstigmatisierung erleben. Sie werden in der Öffentlichkeit häufiger thematisiert, daher berichten Jugendliche möglicherweise bereitwilliger und mit weniger Scham darüber als in früheren Jahren.
Wie waren die Werte in der Pandemie und früher?
Vor der Pandemie fühlten sich einer vergleichbaren Studie zufolge 17 bis 18 Prozent überdurchschnittlich belastet, in der Pandemie stieg die Zahl auf 27 Prozent. Diesen Wert scheinen wir bald wieder zu erreichen.
Es gibt inzwischen hochwertige Längsschnittstudien über den Einfluss von Social Media auf die psychische Gesundheit, die zeigen, dass dieser nachweisbar, aber relativ klein ist. Diese Studien machen auch deutlich, dass ein mittlerer Konsum von etwa drei Stunden am Tag, wenn er der aktiven Vernetzung dient, bei Jugendlichen sogar mit besserem Wohlbefinden einhergeht. Bei risikohafter Nutzung nimmt dieses ab. Das Nutzungsverhalten hat aber nicht den größten Einfluss unter den häufig untersuchten Faktoren. In allen Studien sehen wir, dass die Gruppe der von Armut betroffenen Kinder und Jugendlichen ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko hat, psychisch bedeutsam belastet zu sein. Armut ist ein systemischer Stressor, der sich auf viele Lebensbereiche auswirkt. Auf der einen Seite führt sie zu stärkerer Belastungen, auf der anderen Seite ist sie mit geringen Ressourcen verbunden, um mit diesen Belastungen umzugehen. Vor diesem Hintergrund muss man sagen, dass die Maßnahmen zur Armutsbekämpfung nicht ausreichend sind. Durch die Verschärfungen der Sanktionen beim Bürgergeld geraten Familien sogar unter noch stärkeren Druck.
Die Studie hebt hervor, dass gut strukturierter, unterstützender, motivierender Unterricht psychische Belastungen deutlich verringert. Inwiefern hat diese Erkenntnis neue Aspekte?
Das Schulbarometer zeigt differenziert, wie wirkmächtig schulische Prozesse für die Gesundheit von Kindern sind. Wir müssen viel stärker diskutieren, dass Schule nicht nur großen Einfluss auf das Lernen und Verstehen von Kindern und Jugendlichen hat, sondern auch auf ihre psychische Gesundheit. In einer kürzlich veröffentlichten Vodafone-Studie wurde deutlich, dass Leistungsdruck Schüler aus deren Sicht am meisten belastet.
Gibt es diesen starken schulischen Leistungsdruck nicht schon länger?
Tatsächlich haben wir keine Vergleichsstudien, die besagen, dass es früher besser gewesen sei. Ich würde das sogar in Zweifel ziehen. Wir wissen, dass psychische Störungen derzeit der häufigste Grund für die gesundheitsbedingte Frühverrentung sind. Studien zeigen zum Beispiel, dass etwa drei Viertel aller psychischen Störungen bei Erwachsenen in der Kindheit und Jugend zum ersten Mal aufgetreten sind. Das erlaubt gewisse Rückschlüsse. Klar ist auch: Der Selektionsdruck hat im Übergang zu den weiterführenden Schulen gesamtgesellschaftlich zugenommen. Zudem halten Schüler sich durch die Ganztagsangebote heute länger als in früheren Jahren in schulischen Kontexten auf, die überlastet sind.
Eine Überforderung im Unterricht in mehreren Fächern nehmen hingegen nur wenige Schüler wahr – spricht der trotzdem empfundene Leistungsdruck dafür, dass die Prüfungsformate nicht mehr zu den erworbenen Kompetenzen passen?
Prüfungsdruck wird von Schülern als besonders hoch erlebt. Der Unterricht wird zwar aktuell zunehmend modernisiert, die Prüfungsformate aber bleiben oft die gleichen. Hier müsste es eine bessere Passung geben.
Etwa drei Viertel aller Schüler geben an, in ihrer Schule nicht ausreichend mitbestimmen zu dürfen, dieser Umstand hat laut Ihrer Studie einen bedeutsamen negativen Einfluss auf das schulische Wohlempfinden und die allgemeine Lebensqualität. Dieser Zusammenhang, erstmals abgefragt im Schulbarometer, fällt deutlich ins Auge. Wie stark hat Sie dieser Wert überrascht?
Ich fand es positiv, dass so viele Schüler gesagt haben, dass sie gerne mehr mitbestimmen möchten. Mich hat nicht überrascht, dass sie das Gefühl haben, es nicht zu können. Wie deutlich der Zusammenhang ist, hat mich schon überrascht. Bei der Partizipation gibt es für Schulen noch viele ungenutzte Möglichkeiten, die keine großen finanziellen Mittel erfordern. Das würde auch das Demokratieverständnis verbessern. Mehr Mitbestimmung kann ein universeller Gamechanger sein – für Lehrer ist sie freilich oft ein wenig unbequem.
Prof. Dr. Julian Schmitz ist Professor für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie sowie Psychotherapie an der Universität Leipzig und wissenschaftlicher Leiter des Schulbarometers 2026.
Source: faz.net