Herr Nagy, gut drei Wochen nach Beginn der amerikanischen und israelischen Angriffe ist Iran noch immer in der Lage, mit Shahed-Kamikazedrohnen seine Nachbarländer anzugreifen. Was lässt sich daraus lernen?
Wir sehen, dass sich die Bedrohungslage auch im Mittleren Osten verändert hat. Derartige Angriffe haben wir bisher nur aus der Ukraine gekannt. Iran kann mit bis zu 800 Drohnen und 50 Raketen gleichzeitig angreifen. Der Drohnenanteil hat sich dabei enorm erhöht. Unbemannte Systeme haben die Bedrohungslage stark verändert: Sie sind relativ günstig, können in hohem Maß produziert und auch eingesetzt werden und haben eine Reichweite von bis zu 2000 Kilometern. Das haben wir so noch nicht gesehen.
Sie widersprechen also der These, dass die Situation in der Ukraine nicht so einfach auf höher entwickelte Armeen übertragbar ist?
Nein, die Bedrohung ist real, und was wir sehen, folgt demselben Muster: Wo können traditionell technologisch unterlegene Gegner durch den Masseneinsatz unbemannter Systeme unsere kostspieligen, bemannten Luftabwehrsysteme abnutzen oder überfordern? Wenn wir uns die westlichen Verteidigungsfähigkeiten anschauen und überlegen, wo die größte Lücke ist, dann besteht sie zweifelsohne in der Luftverteidigung gegen unbemannte Systeme.
Wie viele Drohnen hat Iran noch in der Hinterhand?
Das lässt sich schwer sagen. Beachtlich ist die Weiterentwicklung der Modelle: Die ersten hatten noch Düsenantriebe, jetzt gibt es Jetantriebe, die Flughöhe hat sich auf mehr als vier Kilometer gesteigert. Die Änderungen entstehen mittlerweile innerhalb von wenigen Monaten.
Haben Sie schon Anfragen für Ihre Abwehrsysteme aus den Golfstaaten erhalten?
Es gibt derzeit sehr viel Interesse an unseren Produkten, auch aus den Golfstaaten. Was für uns zählt, ist der dauerhafte und kostengünstige Schutz von Menschen und kritischer Infrastruktur vor Drohnenbedrohungen – wenn wir helfen können, wollen wir das tun.
Sie laufen zwangsläufig der Entwicklung der Angreifer hinterher. Wie bleibt Tytan auf dem Laufenden, was aus den Laboren potentieller Gegner kommt?
Unsere Umgebung in München darf nicht darüber hinwegtäuschen, welches hohe persönliche Risiko viele unserer Mitarbeiter auf sich nehmen. Sie fahren in die Ukraine und entwickeln dort gemeinsam mit unseren Partnern die Produkte weiter. Viele unserer Mitarbeiter sind hoch motiviert, einen Beitrag zur europäischen Sicherheit zu leisten.
Iran hat seine Drohnen unter dem Druck des jahrelangen Embargos entwickelt. Hat die westliche Welt diese Entwicklung zu lange unterschätzt?
Wir nehmen es zumindest ernst seit dem Ukrainekrieg. Denn wir sehen jetzt, was Russland mit diesen Drohnen gemacht hat. Zunächst hat man noch direkt aus Iran gelieferte Drohnen eingesetzt, mittlerweile hat Russland darauf aufbauend eigene Geran-Modelle entwickelt und produziert sie in hoher Stückzahl. Das sollte niemand mehr unterschätzen.
Russland produziert Zehntausende dieser Drohnen im Jahr auf Halde. Lassen sich solche Massen im Ernstfall überhaupt abwehren?
Ja, aber nur wenn wir unsererseits Masse mit Masse begegnen. Das bedeutet, dass wir unterschiedliche Schichten brauchen für die Verteidigung und dass diese Schichten möglichst autonom und die eingesetzten Systeme möglichst massentauglich sein müssen. Besonders wichtig ist der Aufbau der ersten Schicht, wo wir mit Abfangdrohnen die Bedrohung abwehren – und das kosteneffizient. Denn natürlich können wir diese Drohnen auch schon jetzt mit unseren hoch entwickelten Luftabwehrsystemen abschießen.
Sie reden davon, dass schon mobile Systeme eine siebenstellige Summe kosten können, ganz zu schweigen von Stinger-Raketen. Angriffsdrohnen sind dagegen in der Regel für einen mittleren fünfstelligen Betrag erhältlich. Können Ihre Interceptor-Lösungen da mithalten?
Wir haben einen Grundsatz: Abfangdrohnen dürfen nie teurer sein als der Angreifer. Insofern versuchen wir, die effizientesten Systeme bei gleichzeitig hoher Kostendisziplin zu entwickeln.
Wie viele Abfangdrohnen braucht man denn für die Absicherung der NATO-Ostflanke?
Die einfache Faustformel lautet, dass wir mit dem Angreifer auf Augenhöhe sein müssen. Wenn Russland also 10.000 Drohnen produziert, brauchen wir genauso viele.
Schätzungen gehen ja mittlerweile von einem Bestand von mehr als 50.000 Geran-Drohnen aus.
Wir müssen die monatliche Produktion auf jeden Fall enorm hochfahren. Aber es geht um mehr als reine Stückzahlen. Wir müssen diese unbemannten Drohnen in unser Luftverteidigungssystem möglichst gut integrieren. Das ist aus meiner Sicht entscheidend. Wir brauchen unterschiedliche Antworten auf unterschiedliche Bedrohungen.
Sie haben selbst unterschiedliche Systeme im Angebot. Einige rammen den Angreifer einfach vom Himmel, andere haben noch einen Sprengkörper eingebaut. Was wirkt am besten?
Unsere ursprüngliche Metis-Drohne hat eine Reichweite von 25 Kilometern, kann bis zu 350 Stundenkilometer schnell fliegen und auch eine Sprengladung von rund einem Kilogramm tragen. Darauf aufbauend haben wir größere Modelle mit Reichweiten von bis zu 100 Kilometern entwickelt. Da wir um die Personalprobleme in einigen NATO-Armeen wissen, setzen wir stark auf Autonomie. Der hohe Autonomiegrad unserer Systeme erlaubt es, den menschlichen Faktor zu hebeln. Das bedeutet, dass ein Mensch dadurch mehrere Drohnen steuern kann.
Das heißt, er drückt den Startknopf und dann gehen die Drohnen, gesteuert durch Künstliche Intelligenz, auf Kollisionskurs. Das nennt sich dann „Human in the Loop“, aber der Mensch entscheidet doch nicht mehr viel.
Das sehe ich anders. Wir wollen Entscheidungen erleichtern, aber der Pilot kann immer noch eingreifen und den Angriff abbrechen. Den eigentlichen Abfangprozess aber muss die KI leiten, da geht es um Schnelligkeit und Präzision. Das kann kein Mensch leisten.
Tytan bietet auch Objektschutz an. Anders als an der Front ist es bei zivilen Einrichtungen von großer Bedeutung, wohin die Trümmer der abgefangenen Drohnen fallen. Oft reden wir von umliegenden Wohngebieten, auf die es Trümmer und Munition regnen kann.
Das stimmt, wir setzen dort auch andere Systeme ein, das Prinzip ist aber das gleiche. Denn wir haben gesehen, dass das „Jammen“, also das Stören der GPS-Verbindung des Angreifers, allein heute oft nicht mehr ausreicht. Auch dabei kann es übrigens auch zu unkontrollierten Abstürzen kommen. Und auch Fangnetzdrohnen sind keine wirksame Lösung. Um sicherzugehen, dass eine Bedrohung abgewehrt wird, brauchen Sie kinetische Systeme wie unseres. Wichtig ist, dass man vorher definiert, über welchen Gebieten sie abfangen dürfen und wie man Menschen davor warnen kann. Wenn man die richtigen Sicherheitsmaßnahmen ergreift, regnen auch keine Drohnen unkontrolliert vom Himmel.
Die Bundeswehr haben Sie schon überzeugt. Im vergangenen Herbst bekamen Sie den Auftrag zur Sicherung von Liegenschaften. Wie weit sind Sie damit?
Der Auftrag hat für uns hohe Priorität. Wir sind mitten in der Umsetzung, gemeinsam mit unseren Partnern, und sie werden schon in den nächsten Monaten davon mit Sicherheit mehr hören.
Tytan ist nicht einmal drei Jahre alt. Kann so ein junges Unternehmen schon solche Aufgaben stemmen?
Schauen Sie noch mal in die Ukraine. Dort ist der Anteil junger Unternehmen, die zum Schutz der Heimat beitragen, sehr groß. Warum? Weil die Technologie sich geändert hat. Mehr als 80 Prozent der Verteidigung geschehen mit unbemannten, softwaredefinierten Systemen. Das sind Fähigkeiten, für die die klassische Rüstungsindustrie nicht bekannt oder gebaut ist. Als Start-up haben wir ganz andere Möglichkeiten. Wir bauen Strukturen neu auf, in denen die Software im Mittelpunkt steht. Und wir können viel schneller lernen und iterieren. Aber klar ist auch: Wir arbeiten nicht alleine. Wir haben Partnerschaften mit etablierten Industriekonzernen wie Hensoldt, KNDS und Deutz. Das ist aus meiner Sicht einer der größten Stärken in Europa, die wir aber zu wenig nutzen.
Wie meinen Sie das?
In Russland wird alles zentral gesteuert. Das ist natürlich sehr effizient, aber dafür weniger innovativ. In Europa können Unternehmen frei zusammenarbeiten und im Wettbewerb die beste Technologie entwickeln. Das ist unsere Chance.
Sie haben gerade eine Finanzierungsrunde über 30 Millionen Euro abgeschlossen. War es schwierig, das Geld zusammenzubekommen?
Nein, aber es war schwierig, dabei nur auf europäische Investoren zurückzugreifen. Das war uns sehr wichtig: Wir sind ein europäisches Unternehmen und wollen unsere Sicherheit mit europäischen Investoren sichern. Das wollen wir so lange wie möglich beibehalten. Auch wenn ich weiß, dass es nicht leichter wird. Aber es gibt auch gute Nachrichten wie den europäischen Fonds über fünf Milliarden Euro für schnell wachsende junge Unternehmen wie uns. Es tut sich was in Europa – das erlebe ich jeden Tag.
Was geschieht mit dem frischen Geld?
Wir müssen schnell wachsen und unser Geschäft skalieren. Wir werden in wenigen Wochen eine neue Produktionsstätte im Großraum München eröffnen. Bis Mitte des kommenden Jahres wollen wir dort 3000 Drohnen im Monat herstellen. Wir wollen auch unser Produktportfolio erweitern und werden deshalb in Forschung und Entwicklung investieren.
Sie wollen in neue Geschäftsfelder vordringen?
Von unserer DNA sind wir ein Unternehmen, das sich mit Luftverteidigung beschäftigt. Hier haben wir eine Kerntechnologie, auf der wir neben den Drohnen weitere Technologien aufsetzen können. Zudem ist auch die Geschäftsentwicklung in Europa und darüber hinaus ein Ziel. Überall dort, wo unsere Abfangdrohnen einen Beitrag leisten können, Menschen und kritische Infrastruktur zu beschützen.
Das heißt, Sie wollen weitere Produktionsstätten im Ausland aufbauen? Gibt es schon Interessenten?
Das ist definitiv ein Ziel von Tytan. Es gibt sehr viel Interesse, und wer in geographischer Nähe zu Russland liegt, ist besonders sensibilisiert.
Derzeit gibt es auch viel Konsolidierung in der Branche, die Preise sind gut. Ist ein Verkauf für Sie eine Exitoption?
Nein, das spielt derzeit überhaupt keine Rolle. Wir haben noch viele Ziele, die wir aus eigener Kraft erreichen wollen.