Über das sogenannte Autorenkino war zuletzt wenig Gutes zu lesen: Es sei weltfremd, verstiegen, zuschauerfeindlich, eine Kunst von gestern. Manches davon mag stimmen. Wie aber ein Kino aussieht, das nichts Autorenhaftes mehr hat, kann man in „The Weight“ von Padraic McKinley sehen, einem Film, der auf der Berlinale als Special läuft. Ethan Hawke und Russell Crowe spielen die Hauptrollen, der eine als unverschuldet ins Elend geratener Witwer und Familienvater – die Geschichte spielt zur Zeit der Großen Depression –, der andere als gerissener Bauunternehmer, der sich an den Häftlingen, die er beschäftigt, eine goldene Nase verdient. Es geht überhaupt um Gold, um eine Ladung Barren, die durch die Wälder Oregons geschmuggelt werden soll, und um das, was Hawke und seinen Mitgefangenen, die das Edelmetall schleppen müssen, unterwegs in die Quere kommt: Treibholz, eine marode Hängebrücke, Banditen und schließlich die Heimtücke ihrer Auftraggeber.
Das klingt nach solider Kinounterhaltung, und die bietet der Film auch, aber auf einem Niveau, das doch eher ins Angebot der Streamingdienste und Privatsender passt als ins Hauptprogramm eines A-Festivals. Die Charaktere sind hölzern und stereotyp, die Spannungsmomente vorhersehbar, und bei den Verfolgungsjagden mit Oldtimerautos brüllen die Motoren besonders laut, damit man nicht hört, wie die Mechanik der Story im Getriebe klappert. „The Weight“ wird sicher sein Publikum finden, schon deshalb, weil Russell Crowe und Ethan Hawke jeden Kinotinnef vergolden, aber man mag sich nicht vorstellen, wie ein Festival aussehen würde, das nur aus solchen Filmen bestünde.
Zu diesem Leichtgewicht ist Angela Schanelecs Wettbewerbsbeitrag „Meine Frau weint“ das Gegengift. Hier gibt es keine Schießereien und Autostunts, sondern Frauen und Männer, die in langsamen Bildern langsame Sätze sagen und Dinge erleben, für die andere Filme keinen Blick haben. Ein Kranführer und eine Kindergärtnerin sind ein Paar, aber nicht mehr lange, denn Carla hat sich in ihren neuen Tanzpartner verliebt. Als Thomas schließlich davon erfährt, ist der andere zwar schon tot, gestorben bei einem Autobahnunfall, aber die Wunde, die Carlas Geständnis gerissen hat, schließt sich nicht mehr. Die beiden laufen durch Berlin, besuchen Freunde, sprechen mit Kollegen, doch irgendwann ist der Moment der Wahrheit da. Thomas liegt auf einem Bett, Carla kommt dazu und zieht sich aus, sie führt ihre Hand zu seinem nackten Glied, aber dann stockt die Bewegung, die Finger schließen sich. So zieht der Film den Schlussstrich unter eine Liebe.
Das ist kein Plot, eher eine Skizze, aber selbst davon sieht man in „Meine Frau weint“ nur ein paar Umrisse. Denn eigentlich interessiert sich Angela Schanelec viel mehr für die Stadt, in der ihr Film spielt, und für die Generation der Twentysomethings, die dort lebt, irgendwo zwischen Kreuzberg und Grunewald, in einem Biotop der sanften Schwermut und milden Unruhe. Einmal sieht man vier ihrer Figuren in tiefer Melancholie in einem abendlichen Wohnzimmer sitzen, als kämen sie geradewegs aus Lotte Lasersteins Bild „Abend über Potsdam“. In der nächsten Einstellung tanzen die vier dann zu Leonard Cohens „Lover, Lover, Lover“ auf der Terrasse. So, zwischen Trauer, Tanz und Traum, folgt der Film seiner einsamen Bahn, und wenn einem auch Schanelecs Weigerung, sich der Bildrhetorik des Kinomainstreams zu bedienen, manchmal auf die Nerven geht, muss man sie doch für die Konsequenz bewundern, mit der sie eine Form des Autorenkinos betreibt, die ihre große Zeit lange hinter sich hat.
Dass ausgerechnet dieser Solitär einen Zwilling auf der Berlinale hat, kann man als Ironie verstehen, aber auf Festivals kommt es nicht selten vor, dass ein Film auf die Frage eines anderen antwortet. Diesmal ist es die Frage nach der Zeit. „Meine Frau weint“ spielt in einer ungefähren Gegenwart, die in Anna Rollers „Allegro Pastell“, der Verfilmung eines Romans von Leif Randt, ein genaues Datum bekommt. Es sind die späten Merkeljahre, in denen sich die Lovestory zwischen einer Jungschriftstellerin und einem Webdesigner ereignet, und so fahren auch die Züge noch pünktlich, welche die Liebenden von Berlin nach Frankfurt bringen und umgekehrt. Für Tanja (Sylvaine Faligant) und Jerome (Jannis Niewöhner) ist es dennoch zu spät. In solchen Geschichten erzwingt entweder ein Baby oder ein Auslandsaufenthalt den Entschluss zur Trennung. Hier ist es beides.
Aber dieselbe Präzision in Ort und Zeit, die den Film – der in Berlin im Panorama gezeigt wird – auszeichnet, setzt ihm auch eine Grenze. Die Welt, in der er spielt, wirkt von heute aus so nostalgisch, dass man ihre privaten Krisen nicht richtig ernst nehmen kann. Es gibt Herzschmerz, Schreibstau und Psychiatrie in „Allegro Pastell“, aber im Vergleich mit Corona, Putin und Trump sind das alles Kinkerlitzchen. Manchmal ist es gut, wenn ein Film kein Datum hat. Alt wird er dann schon von selbst.
Source: faz.net