Die Folgen der Ereignisse im Persischen Golf – laut dem Chef der Internationalen Energieagentur die „größte Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit“ – belegen die hohe Abhängigkeit der Welt von Öl und Gas. Zusammen bestreiten sie fast 60 Prozent der globalen Primärenergie, in Deutschland sogar etwas mehr. Die plötzliche Einschränkung des Angebots führt daher zu Preissprüngen und Verwerfungen in der Weltwirtschaft.
Aus Ressourcensicht unterscheiden sich Öl und Gas fundamental. Während Gas global noch in großen Mengen und in vielen Ländern verfügbar ist, auch in Form von Schiefergas und Gashydraten, nähert sich die Ölförderung dem geologisch denkbaren Maximum. Für konventionelles Erdöl gilt dieses Maximum schon seit 2005/2006 als erreicht. Dass das globale Ölangebot seitdem dennoch weiter steigen konnte, lag vor allem am rasanten Wachstum der nichtkonventionellen Förderung: Schieferöl, Ölsande, flüssige Beiprodukte der Erdgasförderung, Kondensate. Zentral war der Schieferölboom in Amerika: Die USA sind derzeit der größte Ölproduzent und zudem (leicht) Netto-Exporteur.
Allerdings könnte diese Dynamik bald enden. Analysen der US-Energieinformationsagentur (EIA) aus dem Jahr 2025 deuteten auf eine Plateaubildung der US-Erdölförderung in diesem Jahr hin. Die aktuellen Öl- und Gaspreissteigerungen könnten nun zwar eine kurzfristige Beschleunigung der amerikanischen Fördermengen bewirken – eine dauerhafte Fortsetzung der Expansion scheint aber wenig realistisch. Gründe liegen in dem komplexen Wechselspiel zwischen Produktivitätsgewinnen, Finanzierungsbedingungen und Erschöpfung der Vorkommen.
Venezuela, Iran und Russland im Fokus
Mit dem absehbaren Ende des Ölbooms in den USA richtet sich die Aufmerksamkeit daher zunehmend auf Länder mit Öl-Expansionspotential, zum Beispiel Venezuela, Iran, Russland. Mit Zugang zu Kapital, Märkten und Technologien könnte die Ölförderung in diesen Ländern theoretisch substanziell ausgeweitet werden. Aber selbst in diesem Fall dürften die Tage eines stetig wachsenden Angebots von Erdöl und erdölähnlichen Produkten bald gezählt sein. Denn der Zuwachs aus neuen Potentialen wird nach Ansicht von Experten vermutlich schon im nächsten, spätestens im übernächsten Jahrzehnt nicht mehr in der Lage sein, den Rückgang der konventionellen Erdölförderung mengenmäßig zu kompensieren.
Unabhängig von allen Überlegungen zum Klimaschutz folgt geostrategisch daraus erstens: Solange die Wirtschaft so stark am Öl hängt, wird der Zugang zu Erdöl als Machtfaktor (deutlich) wichtiger. Und zweitens: Die schnelle Ablösung der Wirtschaft vom Öl ist eine Priorität, vor allem für Länder ohne nennenswerte eigene Ölressourcen.
Elektrizität als Schlüssel
Zu anderen Gründen für die strategische Relevanz günstiger Stromerzeugung – Basis für eine starke Industrie, Voraussetzung für eine umfassende Digitalisierung und Hebel zur Minderung von Treibhausgasemissionen – tritt also ein weiterer, nämlich der Beitrag zu einer strategischen Abkehr vom Öl. Denn in vielen Anwendungen ist Strom eine sinnvolle Alternative, mit batterieelektrischen Fahrzeugen und Wärmepumpen als wichtigen Leittechnologien. Insgesamt wird ein leistungsfähiger Stromsektor im globalen Wettbewerb der Nationen also zunehmend zum strategischen Standortfaktor: „Power is power.“
China, nur mit geringen Ölvorkommen ausgestattet, setzt diese Erkenntnis konsequent um. Vor 20 Jahren hat China ähnlich viel Strom erzeugt wie die EU. Per heute jedoch hat China diese Menge vervierfacht – in der EU ist sie im selben Zeitraum leicht gesunken. Seit etwa 2011 hat China die USA als größten Stromproduzenten der Welt abgelöst und mittlerweile um mehr als den Faktor zwei übertroffen.
Gleichzeitig ist der Anteil von Strom am Endenergieverbrauch in China auf mehr als 30 Prozent rasant angestiegen. Grundlage ist der gleichzeitige Ausbau sowohl von Wind, Photovoltaik (PV) als auch von konventionellen Anlagen mit gesicherter Leistung, vor allem Kohle, aber auch Kernenergie und große Wasserkraft. Das Stromerzeugungspotential des Landes ist dadurch auch im vergangenen Jahr wieder erheblich gewachsen. China entwickelt sich mit hoher Geschwindigkeit zu einem sogenannten Electro-State.
Auch in Deutschland stellt man sich die Energiewende gerne als Transformation in einen Electro-State vor. Hierzulande liegt jedoch der Anteil von Elektrizität am Endenergieverbrauch seit Jahrzehnten stabil bei nur rund 20 Prozent, und Stromerzeugung und Stromnachfrage sind langfristig eher rückläufig als steigend, auch weil hierzulande die neu zugebauten Wind- und Solaranlagen mit all den zusätzlich benötigten Speicher- und Netzinvestitionen zunächst die ausscheidenden Kohle- und Kernkraftkapazitäten ersetzen müssen. Strategisch unterscheiden sich China und Deutschland also diametral: Deutschland macht Energiewende, China Energieerweiterung. Entsprechend wächst die relative Leistungsstärke der chinesischen Industrie.
Notwendigkeit einer Gesamtstrategie
Aufgrund der sich abzeichnenden Grenzen des Weltölmarkts sowie der Dynamik bei der Digitalisierung kann man vermuten, dass große Mächte ihren Endenergiemix weg von Mineralölprodukten und hin zur Elektrizität verschieben werden; und umso schneller, je weniger Öl sie selbst fördern können. Wind- und Solarkraftwerke werden dabei vermutlich überall wachsende Anteile an der Stromerzeugung erschließen; aber aufgrund des gleichzeitigen Wachstums der Stromnachfrage sowie des Bedarfs an gesicherter Leistung zumeist nicht statt, sondern zusätzlich zu konventionellen Energieformen.
Aufgrund der Wetterabhängigkeit gilt dabei: Je höher der Anteil von Wind und Solar an der Stromerzeugung, desto schwieriger deren Integration. Gemäß Zahlen der Internationalen Energieagentur lag dieser Anteil in Deutschland im Jahr 2024 schon über 40 Prozent – und damit weit über dem globalen Durchschnitt (13 Prozent) oder den Werten in China (15 Prozent) und den USA (16 Prozent).
Die deutsche Stromerzeugung ist also ein zentrales strategisches Handlungsfeld. Unter Berücksichtigung sowohl der geopolitischen als auch der ökologischen Herausforderungen braucht es schlüssige Antworten auf Fragen beispielsweise nach der Entwicklung des (gesicherten!) Stromangebots, der bestmöglichen Einsatzbereiche für das knappe Gut (gesicherter) Strom sowie nach dessen Absicherung im Krisenfall. Und es braucht Antworten auf Fragen nach den Wechselwirkungen zwischen Energiewirtschaft, Wirtschaftsstruktur und geopolitischer Ausrichtung Deutschlands.
Derartige Fragen können nur im Rahmen einer Gesamtstrategie beantwortet werden, welche die Klima- und Energiepolitik stimmig mit allen anderen von ihr betroffenen Politikfeldern verzahnt. 2026 wäre nicht zu früh für die Bundesregierung, eine solche Strategie für Deutschland zu schreiben.
Marc Oliver Bettzüge ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Energie und Nachhaltigkeit sowie Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI).