Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern müssen bis Ende Juni einen Plan vorlegen, nach dem die Wärmeversorgung ihrer Bewohner künftig möglichst klimafreundlich organisiert wird. Kleinere Gemeinden haben dafür zwei Jahre länger Zeit. Doch im sächsischen Görlitz mit seinen 57.500 Einwohnern ist man schon einen Schritt weiter. Dort wurde diese Woche der erste Spatenstich für ein klimaneutrales Wärmenetz gesetzt.
Das Besondere an dem knapp 200 Millionen Euro teuren Projekt „United Heat“: Es ist grenzüberschreitend und bezieht die polnische Schwesterstadt Zgorzelec ein. Mit dem auf der östlichen Seite der Neiße gelegenen polnischen Stadtteil hatte sich Görlitz 1998 zur Europastadt erklärt.
Fernwärme mit politischer Dimension
Das Wärmenetz ist zunächst ein wirtschaftliches Projekt, aber es hat eine politische Dimension. Darauf weist Adam Kampa, Chef der Stadtwerke Zgorzelec, hin. Es sei „ein Symbol, das dafür steht, dass Deutsche und Polen kooperieren können“, sagt er. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht.
Dass am selben Tag und an einem anderen Ort der polnische Oppositionsführer und PiS-Chef Jarosław Kaczyński sich wieder einmal über angeblichen „deutschen Neoimperialismus“ beklagt, zeigt die Anspannung in den bilateralen Beziehungen. Wechselseitige Grenzkontrollen, die vorgeblich dem Aufgreifen illegaler Einwanderer dienen, erschweren den Reise- und Warenverkehr. Die Regierung in Warschau hat sie Ende März um weitere sechs Monate bis zum 1. Oktober verlängert.
In Görlitz war der politische Auflauf zum Start des Projektes dennoch oder womöglich auch gerade deshalb groß: Berliner Ministerin und Warschauer Staatssekretär, Sachsens Ministerpräsident, der Marschall der Woiwodschaft Niederschlesien, Botschafter, Bürgermeister, Abgesandte der EU und nicht zuletzt die Vertreter der beteiligten Unternehmen: Frankreichs Veolia als Eigentümer der Stadtwerke Görlitz, Eon als Betreiber der Stadtwerke Zgorzelec.
Sichere Energieversorgung, die von dem lebt, was in der Region ist
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche lobte den Kooperationswillen und das Vertrauen der Beteiligten. Angesichts der Liefer- und Preiskrise an den Weltenergiemärkten entdeckte die Ministerin, die die Förderung der erneuerbaren Energien begrenzen will, die Vorzüge der Regenerativen. Während die Ölpreiskrise die Welt in Atem halte, schaffe man in Görlitz „eine sichere Energieversorgung, die sich loslöst von Unsicherheiten und davon lebt, was in der Region vorhanden ist“.
Damit meinte Reiche nicht die Braunkohle, die in Zgorzelec die Hauptrolle in der Wärmeversorgung spielt, während in Görlitz Erdgas zur Erzeugung von Heizenergie für die lokalen Wärmenetze genutzt wird. In vier Jahren soll der gesamte Betrieb auf regenerative Energien umgestellt sein. Das würde den jährlichen Ausstoß von Kohlendioxid um 50.000 Tonnen mindern und die Luftqualität verbessern.
Klimaschutz ist nur ein Treiber
Letzteres hob Konrad Wojnarowski, Unterstaatssekretär des polnischen Energieministeriums, hervor. Er verwies auf die große Bedeutung, die Fernwärme in Polen historisch hat: Beinahe jeder zweite Einwohner, 15 von 36 Millionen, hänge an dem 23.000 Kilometer langen Fernwärmenetz, oft betrieben mit heimischer Braun- oder Steinkohle. Von der will sich der letzte heimische Steinkohleförderer in der EU bald lösen.
Deshalb stehe das Land vor einer großen energiepolitischen Transformation. Dabei geht es der Regierung in Warschau nicht allein um den Klimaschutz, sondern auch um sozialverträgliche akzeptable Wärmepreise. Polen hoffe dabei auf weitere Hilfen der Europäischen Union, auch in der neuen Haushaltsperiode der Jahre 2028 bis 2034, wofür jetzt die Vorbereitungen laufen.
Wohlige Wärme mit Hackschnitzeln, Solarthermie und Seewasser
Im künftig vereinten Wärmenetz von Görlitz und Zgorzelec soll Biomasse eine herausragende Rolle spielen. Sie soll knapp die Hälfte der benötigten Energie beitragen. Helfen wird dabei ein neues, mit Hackschnitzeln und Sägeresten betriebenes Heizkraftwerk auf polnischer Seite.
Auf der deutschen Seite wird vor allem Wärme aus dem nahen Berzdorfer See gewonnen – ohne dass dies die Wassertemperatur stark verändern werde. Hinzu kommt Solarthermie auf 37 Hektar Fläche, die einen saisonalen Wärmespeicher füllen wird. Die benötigte Restenergie werden Wärmepumpen etwa aus dem Abwasser ziehen. Die Verantwortlichen versprechen „eine ganzjährig stabile, dekarbonisierte Wärmeversorgung“.
Hartnäckige Bürgermeister hoffen auf Neukunden
Seit 2020 haben die Bürgermeister der beiden Gemeinden an dem Projekt gearbeitet. Die Voraussetzungen dafür sind gut. Aus ihrer gemeinsamen sozialistischen Zeit verfügen beide Städte über Wärmenetze. In Görlitz sind 23 Prozent der Haushalte an Nahwärmenetze angeschlossen, in den Plattenbausiedlungen von Zgorzelec noch mehr. Um sie gemeinsam zu betreiben, müssen zwölf Kilometer Leitungen hinzugebaut werden. Daran knüpft sich die Hoffnung, dass der eine oder andere Anlieger auch noch auf Fernwärme umsteigt.
Durch die Verbindung der Wärmenetze entstehen Synergien. Reiche kennt das Projekt noch aus ihrer Vergangenheit als Chefin des Eon-Netzbetriebs. Im Festzelt auf dem Görlitzer Klärwerk rechnet sie nun vor, dass die Investitionskosten des grenzüberschreitenden Projektes um 13 Prozent unter denen einer nationalen Lösung lägen. Für die privaten und gewerblichen Verbraucher beiderseits der Grenze bedeute das acht Prozent niedrigere Kosten. Grenzüberschreitende Kooperation zahle sich aus.
EU und der Bund übernehmen Löwenanteil der Invesititonen
Dennoch mahnen der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu und sein Kollege Rafał Gronicz aus Zgorzelec, die Bezahlbarkeit sei der entscheidende Faktor für die Akzeptanz des Vorhabens. Womöglich haben sie dabei an die steigenden Projektkosten gedacht, für die sich am Ende eine Finanzierungslücke auftun könnte. Denn von allein trägt sich das zweistaatliche Fernwärmeprojekt nicht, es bedarf vielmehr großzügiger öffentlicher Zuschüsse. Die Hälfte der auf 195 Millionen Euro kalkulierten Investitionen finanziert die EU, weitere 81 Millionen kommen vom Bund. Lokale Betriebe sollen davon profitieren.
Es liegt wohl auch an der staatlichen Förderung, dass ähnliche grenzüberschreitende Projekte anderswo geplant sind, etwa weiter nördlich an der Oder in Guben und dem polnischen Pendant Gubin sowie in Frankfurt und dem auf polnischer Seite gegenüberliegenden Słubice.
Auch weit im Westen tut sich was, an der deutsch-französischen Grenze bei Kehl am Rhein. Mittels einer den Fluss unterquerenden 6,5 Kilometer langen Leitung sollen ab dem übernächsten Jahr 7000 Haushalte in Straßburg durch Abwärme aus dem Betrieb der Badischen Stahlwerke mitgeheizt werden.