Er hat „Der nackte Affe“, seinen Weltbestseller von 1967, zuletzt auch noch für Kinder schreiben können. Im Verlagshaus Jacoby & Stuart ist die im Vorjahr erschienene italienische Originalausgabe vor kurzem unter dem Titel „Der kleine nackte Affe“ herausgekommen. Desmond Morris habe, so erzählt die Pressechefin Judith Poznan, die deutsche Fassung mit den Illustrationen von Sergio Ruzzier noch gesehen und sei sehr zufrieden gewesen. Es ist ja viel schwieriger, die Menschwerdung des Menschen für Kinder zu erzählen als für Erwachsene.
Die Herausforderung, das komplexe Geschehen der Evolution vereinfacht erzählen zu sollen dergestalt, dass es nicht falsch wird, aber eben auch nicht mit allen möglichen Vorbehalten und Absicherungen versehen werden muss, diese Herausforderung wurde zur letzten des genialen Bücherschreibers Desmond Morris. Mehr als siebzig Bücher über die Lebewesen des Naturreichs hatte der Zoologe, Maler und Fernsehjournalist da schon geschrieben, über den Menschen und über lauter andere Tiere.
Kindern erzählen, wie Tatsachen aus Tatsachen folgen
Und ohne in Abrede zu stellen, erst recht nicht den Kindern gegenüber, dass der Mensch nicht nur als biologisches Wesen beschreibbar ist, sondern 1001 Fragen darüber hinaus aufgibt, zieht dieser im Menschenzoo heiter Gebliebene seine junge Leserschaft mit folgender Lebensbilanz in seinen Bann: „Mein Name ist Desmond Morris, ich bin Zoologe und Verhaltensforscher: In meinen Arbeiten geht es um Tiere und ihr Verhalten. Und weil der Mensch ein Tier ist, befasse ich mich auch mit Menschen. Vor vielen Jahren habe ich ein Buch mit dem Titel ,Der nackte Affe’ geschrieben. Genauer: ,The naked Ape’, denn ich bin Engländer. Dies ist eine Version für junge Leute, die in einem Buch nicht nur auf Märchen, Tiergeschichten oder fantastische Abenteuer aus sind, sondern auf Fakten. In diesem Buch wird die Geschichte unserer Vorfahren auf einfache Weise erzählt. Das Buch hilft zu verstehen, wer wir sind und woher wir kommen. Das zu wissen ist sehr wichtig, damit wir darüber nachdenken, wie es mit uns weitergehen soll und kann.“
Morris’ Geschäftsidee hinter allem war die Bildung. Er machte Bildungsfernsehen, Bildungsbücher, Bildungszoo – und wusste damit lange vor der Faktenbeschwörung gegen Fake news, was Kinder fasziniert, wenn man es richtig zu erzählen versteht: wie Tatsachen aus Tatsachen folgen. Im „kleinen nackten Affen“ empfiehlt er jungen Lesern, Verhaltensforscher und Paläontologen zu werden: „Für den Fall, dass du noch nicht weißt, was du machen willst, wenn du erwachsen bist: denk daran!“. Mein jüngster Sohn ist sieben, war beruflich auf Lokführer festgelegt, bis er neulich das Kinderaffenmenschenbuch von Morris las. Er will jetzt Paläontologe werden, ohne das Wort schon geläufig auszusprechen.
Wo anfangen, wo enden bei Desmond Morris? Er stellte seine Bilder gemeinsam mit dem spanischen Surrealisten Joan Miró aus, promovierte über das Fortpflanzungsverhalten der Stichlinge, machte Fernsehen an der Seite des Schimpansen Congo, den er – Synergie ist Trumpf – auch malen lehrte, woraus sich wieder ein gehöriger Erlös erzielen ließ. Tiersendungen präsentierte Morris noch bis in die neunziger Jahre.
Nach dem überwältigenden Verkaufserfolg von „Der nackte Affe“ bekam er in Amerika Dauerschwierigkeiten mit den Kreationisten, die Morris zwar keinen Biologismus vorhielten, wohl aber seine zoologischen Akzentsetzungen. Welche bessere Verkaufsförderung gäbe es als Vergleichsverbote, fragte Morris nur. Am 19. April ist dieser Provokateur der menschlichen Natur im Alter von 98 Jahren gestorben.
Source: faz.net