Als der Klappstuhl „Plia“ 1967 auf der Möbelmesse in Mailand vorgestellt wurde, fand er beim Publikum so großen Anklang, dass viele Besucher sich gleich einen unter den Arm klemmen und mitnehmen wollten. Das „Symbol einer neuen Ära“ – so hatte ihn der Hersteller Anonima Castelli beworben – erwies sich als derart begehrt, dass man Mühe hatte, die verbliebenen Exemplare am Stand festzuketten.
Dabei sah der Stuhl fast unverschämt einfach aus. Sein Gestell bestand aus verchromtem Stahl, Sitzfläche und Rückenlehne waren transparent. Besonders machte ihn die Tatsache, dass er sich nicht nur stapeln ließ, sondern sich mit einer fast beiläufigen Handbewegung auch zusammenklappen ließ – und zwar auf schmale fünf Zentimeter. „Aufgeklappt zog er alle Blicke auf sich, und wenn man ihn nicht brauchte, verschwand er einfach“, erinnert sich Edoardo Pavan, der heutige Firmenchef von Anonima Castelli.
Drei Jahre hatte er an dem Entwurf gearbeitet
Der Designer des Stuhls hieß Giancarlo Piretti und war gerade einmal 29 Jahre alt. Drei Jahre hatte er an dem Entwurf gearbeitet. Für das Gestell – drei durchgehende Metallelemente, die er in einem Drehgelenk bündelte – wählte Piretti besonders dünne Rohre, um dem Stuhl eine außergewöhnliche Leichtigkeit zu verleihen. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch Sitz und Rückenlehne aus transparentem Zelluloseacetat, einem Material, das Bayer gerade erst für Brillenfassungen entwickelt hatte.
Der Klappmechanismus war so neuartig, dass er Piretti den Beinamen „Thonet des 20. Jahrhunderts“ einbrachte, in Anspielung auf den Tischler Michael Thonet, der im 19. Jahrhundert mit seinen Bugholzstühlen das Möbel vom handwerklichen Einzelstück zum industrielles Serienprodukt gemacht und damit den Grundstein für das moderne Möbel legte. „Plia“ war ebenso revolutionär: Der Stuhl war elegant und zugleich zugänglich. Und er fügte sich mühelos in jede Umgebung ein, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Piretti, 1940 in Bologna geboren, war Architekt und Absolvent der Akademie der Schönen Künste. Dass er in Bologna lebte, wo eine leistungsfähige Industrie Komponenten für Möbelhersteller in ganz Italien produzierte, erwies sich als glückliche Fügung. Denn hier, fernab der bisweilen selbstverliebten Mailänder Avantgarde, zählte strenge Ingenieursdisziplin mindestens ebenso viel wie gestalterischer Ausdruck.
„Man kann nicht entwerfen, was man nicht zu bauen versteht“
In diesem Spannungsfeld fand Piretti jenes produktive Gleichgewicht, das seinem Werk später eine Präzision und Leichtigkeit verlieh, die all seine Entwürfe durchzog. „Man kann nicht entwerfen, was man nicht zu bauen versteht“, gab er seinen späteren Studenten mit auf den Weg. Piretti galt als akribischer Arbeiter und versierter Techniker; er hielt zahlreiche Patente.
„Plia“ war aber auch deshalb so erfolgreich, weil der Hersteller Anonima Castelli bereit war, beträchtliche Mittel in Forschung und Entwicklung zu investieren und Piretti große Freiheiten einzuräumen. Als der Designer nach einer missglückten Dienstreise mit dem Gedanken spielte zu kündigen, stellte ihm der Firmengründer Leonida Castelli ein eigenes Studio zur Verfügung und gewährte dem Designer die Freiheit, an Wettbewerben teilzunehmen sowie am Staatlichen Kunstinstitut in Bologna zu unterrichten.
Piretti blieb. Und aus „Plia“ entwickelte sich eine ganze Familie faltbarer Möbel: die Tische „Plano“ und „Platone“, die Garderobe „Planta“, der Schirmständer „Pluvium“, der Sessel „Plona“. Das wiederkehrende „pl“ im Namen war eine Anspielung auf das französische Wort „pliant“ – faltbar. „Seine Stühle und Möbel waren in Wahrheit kleine Maschinen“, erinnert sich der Designforscher Lorenzo Díaz Campos, der Piretti Ende der Achtzigerjahre kennenlernte.
Mit dem stapelbaren Stuhl „DSC 106“ eroberte Giancarlo Piretti später Konferenzräume rund um den Globus; das Sitzsystem „Axis 3000“ schmückt bis heute italienische Wartebereiche. Später entwickelte der Designer die „Piretti-Kollektion“: mehr als fünfzig Bürostühle mit einem patentierten Mechanismus, der die Spannung der Rückenlehne dem Gewicht des Sitzenden anpasst. Noch heute folgen Bürostühle dieser Logik.
Pirettis erfolgreichster Wurf blieb aber „Plia“. Sechs Millionen Mal wurde der Klappstuhl bis heute verkauft und viele weitere Millionen Male kopiert; das MoMA in New York nahm ihn in seine ständige Sammlung auf. Während der Pandemie erlebte der Entwurf ein bemerkenswertes Comeback: Er tauchte in Musikvideos auf, wurde in einer Kampagne von Yves Saint Laurent inszeniert, sogar eine Sonderedition mit der Streetwear-Marke Supreme erschien. Nach Angaben der Möbelplattform 1stDibs hat sich die Nachfrage nach dem Klappstuhl seitdem verdoppelt.
Er suchte selbst nie die große BühneGiancarlo Piretti war trotz seines klangvollen Namens ein stiller Zeitgenosse. Obwohl seine Produkte vielfach ausgezeichnet wurden, suchte er selbst nie die große Bühne. Der Designer blieb in Bologna, unterrichtete und entwarf bis ins hohe Alter. Im Januar ist er im Alter von 85 Jahren gestorben.