Der Fußboden verbirgt sich unter einem halben Meter Geschichte. Berge von Papier, zerborstene Möbel, verblichene Fotos – alles liegt übereinander, als hätte jemand das Gedächtnis dieses Hauses aus den Regalen gerissen. Ein schwerer Safe ist aufgebrochen. Jeder Schritt knirscht.
„Geh bitte ein Stück weiter nach links“, sagt Makis Pagoulatos, ein ergrauter Mann mit melancholischem Lächeln, über den Videoanruf aus Griechenland. „Dort neben dem Stromkasten hingen zwei gerahmte Porträts meiner Eltern, an denen ich sehr hänge.“ Aus der Wand ragen nur noch zwei Nägel.
Es ist ein merkwürdiger Rundgang. Einer steht in Khartum inmitten des zertrümmerten Lebens des anderen, der vor 70 Jahren hier geboren wurde und nun tausende Kilometer entfernt in Athen sitzt.
Das Hotel „Acropole“ war nicht wegen seines eher schlichten Ambientes berühmt, sondern wegen der Familie Pagoulatos. Ohne ihr Netzwerk wäre weniger über dieses widersprüchliche Land an der Schnittstelle zwischen arabischer und afrikanischer Welt bekannt – über die Herzlichkeit der Menschen, seine jahrtausendealte Geschichte und die Gewalt, die den Sudan seit jeher erschüttert.
1952 wurde das „Acropole“ von Makis’ Vater gegründet, einem griechischen Einwanderer aus einfachen Verhältnissen. Später übernahmen seine drei Söhne. Von hier aus organisierten Hilfsorganisationen Lebensmittellieferungen, Archäologen Genehmigungen, Besucher Reisen und Generationen von Journalisten Kontakte.
Als die wegen ihrer NS-Nähe zeitlebens umstrittene deutsche Filmemacherin Leni Riefenstahl um das Jahr 2000 in den Nuba-Bergen verunglückte, organisierte Makis’ Bruder George ein Flugzeug. Die verletzte Riefenstahl, damals weit über 90 Jahre alt, überstand den Unfall.
„Wir haben immer gerne geholfen. So machen das alle im Sudan, sonst hätten sie die vielen Krisen nicht überlebt“, sagt Makis. „Das war unser Leben.“ Noch heute kleben an den zersplitterten Glasscheiben des Büros Aufkleber von BBC und Arte, dem Roten Kreuz, Save the Children und vielen mehr. Es war Tradition, sich an diesem Ort zu verewigen, von dem viele annahmen, er würde ewig bestehen.
Doch der Krieg, der vor drei Jahren, am 15. April 2023, begann, zerstörte diese Gewissheit. Er traf das Land im Zentrum. Wohnviertel, Behörden und Märkte verwandelten sich in Kampfzonen. Die Miliz der Rapid Support Forces (RSF) übernahm die Kontrolle über die Stadt. Und besetzte das Hotel.
Heute ist Khartum wieder in der Hand der Armee. Sie bietet Geleitschutz zum Hotel und zu fast allen Interviews im Sudan, in dem eine gänzlich unabhängige Recherche aktuell kaum möglich ist.
Häuser und Straßen sind verlassen, direkt vor dem Eingang des „Acropole“ seien zwei Leichen verscharrt, erzählt ein Soldat. Es gibt weder Strom noch Wasser. Kein Gebäude, das von Einschusslöchern oder Raketeneinschlägen verschont blieb.
Der Krieg im Sudan hat sich zu einer der weltweit größten humanitären Krisen entwickelt. Zehntausende starben. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist auf Nothilfe angewiesen, die international stark unterfinanziert ist. Rund vier Millionen Menschen sind im Laufe des Krieges aus dem Großraum Khartum geflohen. Insgesamt wurden elf Millionen vertrieben, vier Millionen in Nachbarländer.
Auch die Ankünfte in Europa steigen, wenn auch auf weiterhin eher niedrigem Niveau. Im Jahr 2025 waren es 14.208 Flüchtlinge – ein Anstieg von mehr als 200 Prozent im Vergleich zu 2024. Generäle der Armee drängen auf die Rückkehr der Menschen, lassen ihre eigenen Familien aber lieber im Ausland, meist in Ägypten.
Auch Hilfsorganisationen sollen zurückkehren, zumindest nach offiziellen Angaben. Doch da viele fürchten, dass dieser Konflikt mittelfristig auch wieder Khartum betrifft, lassen sie Vorsicht walten. Hinter vorgehaltener Hand sagt eine Mitarbeiterin, man werde dort wahrscheinlich eine kleine Zweigstelle eröffnen, die meisten Angestellten aber am sicheren Küstenort Port Sudan lassen.
De facto ist das Land auf unabsehbare Zeit geteilt: Die RSF kontrolliert Darfur im Westen, die Armee den Osten und Teile des Zentrums. Dort bekämpfen sich die beiden Kriegsparteien weiter – ohne Rücksicht auf Zivilisten. Daran wird auch die Sudan-Konferenz wenig ändern, die am Mittwoch in Berlin stattfindet, wenn sich der Ausbruch dieses oft vergessenen Krieges zum dritten Mal jährt.
Ausländische Mächte mischen im Sudan mit
Zu viele äußere Akteure nehmen Einfluss auf beide Kriegsparteien. Die RSF erhält Unterstützung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und in geringerem Maße aus Äthiopien, die Armee aus Ägypten sowie durch Waffenlieferungen aus dem Iran. Zudem haben sowohl RSF als auch die Armee ihre Einnahmen aus der Goldproduktion stark erhöht.
Sudans Armee, die de-facto-Regierung des Landes, hat Deutschland offiziell aufgefordert, die Konferenz abzusagen. Sie war, wie auch die RSF, nicht eingeladen worden. In einem dem Auswärtigen Amt übergebenen Memorandum kritisierte Sudans Botschafterin, man werde einer „Terrormiliz“ (also der RSF) gleichgestellt. Der Ausschluss der Regierung sei eine „Verletzung der staatlichen Souveränität“.
Eine Absage ist unwahrscheinlich, gab es vor einer Konferenz in Paris vor einem Jahr doch bereits ähnliche Töne. Allerdings droht man dieses Mal, die Beziehungen zu den Geberländern zu „überdenken“. Das dürfte die humanitären Hilfsleistungen weiter erschweren. Verhandlungen mit der RSF lehnt die Regierung kategorisch ab.
Abgesehen von den USA, die auf die Emirate einwirken können, ist der politische Einfluss des Westens begrenzt. In Berlin werden Politiker relevanter Länder sowie Vertreter der UN und der sudanesischen Zivilgesellschaft erwartet. „Die Konferenz ist keine Friedenskonferenz“, sagt Gerrit Kurtz von der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Niemand sollte seine Erwartungen zu hoch schrauben.“
Selbst eine dringend notwendige humanitäre Waffenruhe sei derzeit kaum in Sicht, so der Experte. „Es wäre bereits ein Fortschritt, wenn sich die sudanesischen Vertreter auf eine Erklärung zur Deeskalation des Konflikts einigen könnten.“ Ein solches Communiqué gilt nach einem Vorbereitungstreffen in Addis Abeba als wahrscheinlich, sagt Kurtz.
Gleichzeitig biete die Konferenz die Chance auf einen Perspektivwechsel, so der Experte: „Weg von den Kriegsparteien, hin zu denen, die bereits heute an gesellschaftlichem und politischem Frieden arbeiten.“
Spätabends in einer Wohnung in Khartums Nachbarstadt Omdurman sitzt ein hagerer Mann, der die Hoffnung nicht aufgegeben hat. Der 35-Jährige gehörte zu den Zehntausenden, die mit ihren Demonstrationen im Jahr 2019 den Sturz des islamistischen Diktators Omar al-Baschir und kurzzeitige Lockerungen der Scharia erzwangen.
Er geriet unter Beschuss, riskierte sein Leben und scheiterte doch an seinem Traum, seine Heimat – damals noch gemeinsam von RSF und Armee kontrolliert – in eine Demokratie zu verwandeln.
Aktivisten haben weiter Hoffnung auf Demokratie
Der Aktivist Omer Mustafa, dessen Name WELT wegen Sicherheitsbedenken änderte, bleibt dennoch optimistisch. Es gebe weiterhin Treffen von Aktivisten, oft im Rahmen der Emergency Response Rooms (ERR), einem landesweiten Netzwerk von Freiwilligen, das entscheidende humanitäre Hilfe leistet. Ihr Einsatz brachte ihnen im vergangenen Jahr den „Right Livelihood Award“ sowie eine Nominierung für den Friedensnobelpreis ein.
Viele der einstigen Demonstranten seien heute in den ERRs aktiv, sagt Mustafa. Die Demokratie sei zwar weit entfernt. „Aber wir machen weiter.“ Im Dezember gehörte er zu rund 100 Aktivisten, die eine pro-demokratische Demonstration organisierten. Sie war von der Armee genehmigt worden, in der Islamisten aus dem Umfeld al-Baschirs an Einfluss gewinnen.
Armeechef Abdel Fattah al-Burhan, de facto Sudans Staatsoberhaupt, zählt aus seiner Sicht nicht dazu. „Ich kenne ihn, er ist keiner von ihnen“, sagt Mustafa. Die Islamisten kontrollierten wichtige Teile der Geheimdienste und versuchten, Burhan zu schwächen, sagt er.
Teile der Armee sähen in den Pro-Demokratie-Aktivisten ein Gegengewicht zu diesen Kräften – eine Aussage, die überrascht. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch meldete zuletzt, die Armee habe Aktivisten getötet.
Beide Kriegsparteien haben in den vergangenen drei Jahren Kriegsverbrechen begangen. Doch die Massaker der RSF ragen heraus. Davon berichten Menschen in den zahlreichen Lagern für Binnenvertriebene ebenso wie Bewohner der Großstädte. Fast jeder, der während der RSF-Besetzung festsaß, hat Plünderungen und Morde gesehen.
Tausende Blindgänger in öffentlichen Räumen
Die RSF-Truppen sind inzwischen Hunderte Kilometer von der Hauptstadt entfernt, doch ihre Spuren bleiben. Unzählige Sprengkörper, die nicht zündeten, liegen noch immer in Khartum: Landminen, Granaten, Raketen. Mehr als 4000 Minen und über 120.000 Blindgänger wurden bislang identifiziert. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Immer wieder kommt es zu Unfällen.
Im Al-Mogran-Familienpark, nahe dem Zusammenfluss von Blauem und Weißem Nil, versuchen Minenräumer, das zugewachsene Gelände zu sichern. Die Arbeit ist langsam und gefährlich. Teams tasten sich Meter für Meter voran.
Viele der Männer haben Erfahrung aus Regionen wie Darfur oder Südkordofan, in denen diese Gefahr, anders als in Khartum, seit Jahrzehnten lauert. „Die Menschen hier haben nie gelernt, mit solchen Risiken umzugehen“, sagt ein Teamleiter.
Kleine Fortschritte gelingen. Ein Händler für Baumaterialien hat wieder geöffnet, einige frisch importierte chinesische Autos fahren auf den Straßen. Ein Investor aus Jordanien ist mit einem der ersten Inlandsflüge von Port Sudan nach Khartum zurückgekehrt und begutachtet die Schäden an seiner Fabrik.
„Wenn die Menschen glauben, dass sich die Lage stabilisiert, kann der Wiederaufbau schneller gehen als gedacht“, sagt er. „Die Eliten hier haben viel Geld.“ Noch aber fehle das Vertrauen.
Unklar bleibt, wie es außerhalb des Ballungsgebietes weitergeht. Die Kräfteverhältnisse von mehr als 100.000 Kämpfern auf beiden Seiten gleichen sich. Die Fronten sind so sehr verhärtet, dass man sich bisweilen gar untereinander arrangiert. Als die RSF vor einigen Monaten das wichtigste sudanesische Ölfeld Heglig eroberte, vereinbarte sie mit dem Gegner, die Einnahmen zu teilen.
Ahmed Abdelrahman, 26, ist Buchhalter und gehört zum arabisch geprägten Messiria-Stamm, aus dem die RSF viele Kämpfer rekrutiert. Der Konflikt hat längst eine ethnische Dimension angenommen. Die RSF hat in Darfur schwere Verbrechen gegen nicht-arabische Volksgruppen begangen.
Abdelrahman selbst kämpfte zeitweise als Freiwilliger für die Armee und wurde verletzt. Seine Familie ist gespalten: Einige Angehörige kämpfen mit ihm für die Armee, andere dagegen für die RSF in Darfur. Dort musste er der Beerdigung seiner Großmutter vor einigen Monaten fernbleiben. Stattdessen drohte ihm ein Cousin am Telefon: „Wir werden dich töten, wenn wir nach Khartum zurückkommen.“
Trotz allem hält auch er an der Idee einer besseren Zukunft fest. „Die Menschen haben ihre Stimme nicht verloren“, sagt er. Immer wieder komme es zu kleineren Protesten – von Beschäftigten, die ihre Löhne einfordern, oder von Gruppen, die gegen steigende Preise demonstrieren. Die Währung hat stark an Wert verloren, Lebensmittel und Treibstoff sind deutlich teurer geworden.
Es bleibt nur ein Paket mit Erinnerungen
Auf der Suche nach Makis’ Familienrelikten im „Acropole“ tauchen inmitten der Zerstörung weitere Bilder der Familie Pagoulatos auf: Weihnachten, die einst makellose Fassade, die Mutter beim Dekorieren des Hotels. Makis und sein Bruder George, der kurz vor Kriegsbeginn starb.
Und dann Makis allein – dieser unermüdliche Vermittler im Geflecht sudanesischer Bürokratie –, wie er entschlossen blickend in diesem Raum sitzt, vor den einst säuberlich gestapelten Papieren, die nun verstreut am Boden liegen. Seine Stimme stockt, als ein 1993 abgelaufener Pass seiner Mutter auftaucht. „Das musst du dir anschauen“, ruft er zu seiner Frau, die kurz darauf auf dem Handy-Bildschirm neben ihm erscheint. „Von 1993.“
Eigentlich wollten die Brüder das Hotel an ihre Angestellten übergeben. Für eine Wiedereröffnung fehlen aber Geld und Gäste. Traurig sei er, sagt Makis. Tief traurig. Es scheint wie sein Abschied aus der Ferne.
Am Ende bleiben etwa 30 Fotos, formell noch gültige amtliche Dokumente, eine auf Holz gemalte Maria-Ikone. 1,1 Kilogramm wird das Paket nach Griechenland am Ende wiegen. Die großen Porträtfotos der Eltern bleiben verschwunden, wie Makis befürchtete. „Ich möchte dir trotzdem danken“, sagt er. „Erinnerungen sind zu uns zurückgekehrt.“
Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.
Source: welt.de