Wer mag Psychologen? Na ja. Wer mag Kriminalpsychologen? Noch mehr: Na ja. Trotzdem zählen sie neben den Gerichtsmedizinern zu den Nachrückern im Krimigenre, wenn frische Impulse bei der Ermittlungsarbeit gebraucht werden, nach der Devise: Nicht länger wird der letzte Zeuge befragt, jetzt kriecht man in den Kopf des Täters.
Und so kommt die Küchenpsychologie in die Polizeistuben, wo sie zwar immer schon in einer Ecke hockte, aber inzwischen macht sie sich richtig breit. Wie in „Tod am Wolfgangsee“, dem ersten, von der ARD mitproduzierten Langfilm um den forensischen Kriminalpsychologen Thomas Meiberger, der bereits von 2018 bis 2020 eine Karriere bei Servus TV mit zwanzig Folgen à 45 Minuten hinter sich hat. Der österreichische Hauptdarsteller Fritz Karl hat als Friedrich Anton Karl zusammen mit dem Regisseur Till Franzen auch das Drehbuch zu diesem Salzburg-Krimi geschrieben (nicht zu verwechseln mit der ORF/ZDF-Reihe „Die Toten von Salzburg“).
Anleihen bei der Apostelgeschichte helfen nicht
Nun ist also das deutsche Fernsehen dabei. Alle sitzen in einem inhaltlich-stilistisch überfrachteten Boot und hoffen, dass es der Kriminalpsychologe zieht. Der „Herr Magister“ mit der sonoren Stimme gibt sich redlich Mühe, doch wie soll er all die offenbar sehr unterschiedlichen Sendervorgaben schultern? Selbst Anleihen in der Apostelgeschichte und in der Kunstgeschichte bei Hieronymus Bosch helfen hier nicht. Das tödliche Geschehen mit drei Leichen wirkt überkonstruiert und untersteuert. Junge Männer werden anscheinend grund- und zusammenhanglos umgebracht und in ungewöhnlichen Positionen aufgefunden – kopfüber an den Mast eines Segelboots gebunden oder in einem Brunnen versenkt. Sie stammen aus wohlhabendem Elternhaus oder aus ärmeren Verhältnissen und kennen sich untereinander wohl nicht. Dass ihre Väter einmal eine verschworene Clique bildeten, stellt sich erst nach und nach heraus – und wieso sich diese auflöste.
Natürlich hat der Psychologe mit seinen ach so subtilen Fragetechniken an den Recherchen einigen Anteil. Praktischerweise ist er ein Freund der Eltern des ersten Toten, eines Medizinstudenten. Dessen Vater verlangt, dass Meiberger an den Ermittlungen zu beteiligen sei, und weil er ein Politiker ist, wird das durchgesetzt. Verständlich, dass Lisa Schützenberger als Kommissarin Grünwald davon nicht begeistert ist. Allerdings trägt sie, überfordert und uninspiriert, kaum etwas zur Aufklärung bei, belauscht lieber die Bäume und schwadroniert vom „Internet des Waldes“. Häufig fordert sie Meiberger auf, „keine Alleingänge“ zu unternehmen, ohne dass man die Gründe dafür versteht, denn ihr und ihrem Kollegen fällt wenig bis gar nichts ein. Warum sie am Schluss Meiberger bei einer dieser Solotouren aufspürt, was ihm vermutlich das Leben rettet, bleibt ebenso unklar wie manche aufgebauschte Konstellation.
Das Strickmuster für das ungleiche Paar ist leider reichlich klischeehaft: Sie ist jung und dumm, er ist alt und klug. Da ist zum Beispiel ein Universitätsprofessor, der mit dem ermordeten Medizinstudenten eine heimliche Affäre hatte und den Peter Lohmeyer mit grob kaschierter Zartheit als zutiefst verletzen Liebhaber zeigt, der nicht nur sein Glück verstecken musste, sondern auch seine Trauer nicht äußern darf. Er wohnt in einer Burg mit dicken Türen. Als man ihn verhören will, öffnet er nicht. Die aufgeregte Kommissarin scheucht ihre Mitarbeiter los, um einen Zugang zu suchen, und rennt selbst mit. Meiberger hingegen wartet ruhig ab, schaut sich um – und entdeckt dann eine verborgene Pforte neben dem Haupteingang. Er drückt darauf, und sie ist, wie zu erwarten, nicht verschlossen.
Für die Profikriminalisten ist das ziemlich peinlich und er eine Nummer zu groß. Überhaupt scheint das auf 90 Minuten erweiterte Format der Geschichte und ihren Protagonisten nicht gutgetan zu haben. Eingebettet ist sie freilich in die düster-atmosphärischen Bilder des Kameramanns Matthias Pötsch, der zwar das touristische Salzburg einfängt, es jedoch überdies als gefährlich verwinkelte Bühne mit viel Schatten und magisch abgezirkeltem Licht zelebriert. Für die aufwendig inszenierten Morde wäre das eine adäquate Kulisse gewesen, aber so sind es Mozartkugeln vor einer uninteressant scheiternden Fremdenverkehrsreklame mit koketter Krimiattitüde.
Der Salzburg-Krimi: Tod am Wolfgangsee startet heute in der ARD-Mediathek und läuft am Donnerstag, 26.2, 20.15 Uhr, im Ersten.
Source: faz.net