Der Raum welcher absoluten Enthemmung. Und die Konsequenz, die daraus folgt

Der Fall Collien Fernandes und Christian Ulmen wirkt wie ein Ausreißer. In Wahrheit zeigt er ein System: Das Internet verstärkt menschliche Abgründe. Die Antwort darauf liegt jedoch nicht in einer Klarnamenpflicht.

Am Ende, so schließt die „Spiegel“-Recherche, soll es ihr eigener Ehemann, der Vater ihrer 13-jährigen Tochter gewesen sein, der sich über Jahre hinweg im Internet als Collien Fernandes ausgegeben habe. Er soll, so die Vorwürfe, Männer aus ihrem privaten und beruflichen Kontext unter ihrem Namen angeschrieben und Fake-Bilder von ihr versendet, erniedrigende Chats und Vergewaltigungsfantasien geteilt, sogar Telefonate mit KI-Stimme geführt haben. Ihr Ehemann, das war Christian Ulmen. Fernandes hat ihn mittlerweile angezeigt.

Die Vorwürfe sind gravierend. Sollten sie sich bestätigen, wäre das ein moralischer Abgrund, von dem juristisch wohl erstaunlich wenig übrig bleiben könnte. Identitätsmissbrauch, sehr viel mehr gäbe das geltende deutsche Recht in solchen Konstellationen möglicherweise oft nicht her, ordnen Experten ein, während andere argumentieren, dass das Stalkinggesetz (§ 238 Strafgesetzbuch) mehrfach nachgeschärft wurde und auch im Zusammenspiel mit dem Paparazzi-Paragrafen (§ 201a StGB) zu mehrjährigen Haftstrafen in diesem konkreten Fall führen könnte. Wirklich eindeutig scheint die Interpretation hier also nicht zu sein.

Auch das führt dazu, dass die Rufe nach schärferen und klareren gesetzlichen Regelungen in sehr kurzer Zeit sehr viel lauter geworden sind.

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Natürlich ist das ein Problem, denn der Fall ist kein Einzelfall, er ist ein Symptom. Seit Jahren lässt sich beobachten, wie das Internet zu einem Raum geworden ist, in dem sich menschliche Abgründe nicht bloß zeigen, sondern entfalten. Verstärkt, beschleunigt, entgrenzt.

Der US-Psychologe John Suler hat dieses Phänomen früh als „Online-Disinhibition-Effekt“ beschrieben, zu Deutsch: Online-Enthemmung. Menschen tun im Netz Dinge, die sie im realen Leben nicht tun würden. Nicht, weil sie plötzlich andere Menschen werden, sondern weil die Bedingungen andere sind. Anonymität, Distanz, Unsichtbarkeit hebeln soziale Kontrollmechanismen auf. Wer keine unmittelbare Reaktion fürchten muss, wer kein Gegenüber hat, das Schmerz zeigt, Empörung äußert oder Grenzen setzt, der verliert leichter den Bezug zur eigenen Handlung. Moral wird situativ und Verantwortung diffus. Ist ja nur das Internet. Tut ja niemandem weh.

Hinzu kommt ein zweiter Mechanismus: die Gewöhnung an das Extreme. Das Internet belohnt Aufmerksamkeit – und Aufmerksamkeit entsteht selten durch das Normale. Was gestern noch schockiert hat, wirkt heute banal. Die Schwelle verschiebt sich. Inhalte müssen radikaler, drastischer, enthemmter werden, um noch Wirkung zu entfalten. Das Internet schafft diese Abgründe nicht. Es macht sie sichtbar, verfügbar und vor allem skalierbar.

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Was früher isoliert blieb, wird heute geteilt, reproduziert, verstärkt, aus individuellen Grenzüberschreitungen werden kollektive Dynamiken. Aus Abweichung wird Content.

Das zeigt sich nicht nur in extremen Einzelfällen. Es zeigt sich auch im Alltag der digitalen Öffentlichkeit. In der Art, wie über reale Gewalt gesprochen wird. Wie schnell Empörung in Unterhaltung kippt, wie bereitwillig Menschen willig sind, moralische Maßstäbe gegen Reichweite einzutauschen.

Soziale Netzwerke haben aus Diskurs oft ein Spektakel gemacht, aus Argumenten Zuspitzungen und aus Öffentlichkeit eine Arena, in der nicht die differenzierte Position gewinnt, sondern die maximal aufgeladene. Das hat Folgen. Auch politisch.

Die Reaktion der Politik? Sie erscheint unverhältnismäßig

Denn während die Kommunikation im Netz immer enthemmter wird, wächst zugleich der Druck auf den Gesetzgeber, darauf zu reagieren. Nicht selten entsteht dabei ein paradoxes Bild: Auf der einen Seite werden zugespitzte, aber legitime Meinungsäußerungen zunehmend reguliert, in einigen Fällen sogar mit völlig überzogenen Maßnahmen wie Hausdurchsuchungen oder Strafanzeigen geahndet. Auf der anderen Seite klaffen bei Phänomenen wie Deep Fakes, digitalem Identitätsmissbrauch oder KI-generierten Gewaltfantasien erhebliche rechtliche Lücken.

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Beides untergräbt Vertrauen, sowohl in den Staat, als auch in den öffentlichen Raum. Die Antwort darauf kann jedoch nicht in pauschaler Zensur liegen, nein, auch nicht in einer Klarnamenpflicht, die die Grundlagen einer offenen Gesellschaft infrage stellen würde. Wer Freiheit sichern will, kann sie nicht aus Angst vor ihrem Missbrauch abschaffen. Aber ein Weiter-so ist ebenso wenig eine Option.

Der Fall zeigt vor allem eines: Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, für die unsere rechtlichen und gesellschaftlichen Instrumente noch nicht ausreichen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob wir reagieren müssen. Sondern wie. Und ob wir überhaupt noch in der Lage sind, darüber vernünftig zu sprechen.

Eine angemessene Debatte scheint unmöglich

In sozialen Netzwerken sind schon zu oft große Denker zu kleingeistigen Gossenpoeten geworden, die Moral gegen Klicks eintauschen. Wer die Reaktionen auf den Fall Fernandes im Netz mitverfolgt, der mag stellenweise den Glauben an die Menschheit verlieren. Wie – auch Journalisten – da raunen und höhnisch spotten, ist angesichts der Schwere der Vorwürfe im besten Fall unwürdig, in den meisten Fällen aber einfach nur menschenverachtend. Die politische Instrumentalisierung des Falles steht für viele im Vordergrund.

Ob man zu den Extremen greift, alles wäre nur eine große Inszenierung, oder die Schlussfolgerung zieht, man müsse nun einfach alle Männer abschaffen, nimmt sich da kaum noch etwas. Auch das ist Teil des Problems: Ein Netz, das Enthemmung belohnt, ist kein guter Ort für kluge Debatten. Und eine Gesellschaft, die ihre Konflikte nur noch in Zuspitzungen verhandelt, verliert irgendwann die Fähigkeit zur Unterscheidung. Gerade die wäre jetzt nötig.

Source: welt.de

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