Niemand bricht aus seinen Rollen aus: Martenstein bleibt der konservative Provokateur, die Medien übernehmen die Rolle des Verstärkers und die politischen Gruppierungen lassen ihre Reflexe spielen
Foto: Fabian Hammerl
Milo Rau ließ am Thalia Theater ein AfD-Verbot prüfen. Es soll unser Denken erweitern, bietet aber nur Raum für altbekannte Rollen. Von der AfD bis zu den empörten Gegenstimmen. Profitiert hat vor allem „Bild“-Kolumnist Harald Martenstein
Beginnen wir diesen Text mit einem kleinen Wirklichkeits-Check. Wenn Theater unsere Perspektiven auf die Welt verändern soll, was hat sich dann durch Milo Raus Prozess gegen Deutschland verändert?
Die Antwort ist: Genau gar nichts!
Das Drehbuch seines Theaters folgt lediglich dem bekannten (und alltäglichen) Drehbuch unserer Wirklichkeit: Bild-Mann Martenstein provoziert mit der erwartbaren These, dass nicht die AfD, sondern ihr Verbot undemokratisch sei. Matussek und seine Bande jubeln. Die NZZ reproduziert diesen Quatsch. Der Cicero frohlockt, und die Welt mischt natürlich auch mit! Und, klar, Julian Reichelt beschimpft schon mal das „menschliche Antlitz des Sozialismus“ im Publikum.
Derweil lässt die Linke ihre pawlowschen Hunde von der Leine und schießt aus verrosteten Rohren: „Verharmlosung der Nazis!“, „Falscher Dialog“ und „Martenstein mögen wir sowieso nicht!“ Aber brauchen wir für dieses Theater wirklich das Theater?
Milo Raus Missverständnis über fehlende Debatten
Wenn die Bühne das Denken über unsere Wirklichkeit erweitern soll, ist das hier fulminant in die Hose gegangen. Hamburgs Thalia Theater hat lediglich die ritualisierte deutsche Debatten-Realität auf die Bühne gestellt.
Milo Raus Theater basiert auf dem gigantischen Missverständnis (oder der bewusst formulierten Falsch-Behauptung?), dass es in Deutschland gar keinen offenen Diskurs der Meinungen gäbe, dass unsere Gerichtsbarkeit sich nicht täglich ernsthaft und nach allen Regeln des Grundgesetzes mit den politischen Grenzregionen auseinandersetze, und dass für all das – für Legislative, Exekutive und Judikative – Milo Raus Theater unverzichtbar sei.
Eine Hybris, die an den politischen Großschauspieler Donald Trump erinnert. Prozess gegen Deutschland funktioniert wie die Truth-Social-Plattform des US-Präsidenten: ein perfekt kuratierter Ort der Gegenwirklichkeit. Ziel ist es, selber zur Wirklichkeit zu werden.
Von der AfD zu Martenstein: Niemand bricht aus seinen Rollen aus
Milo Rau behauptet eine kommunikative Blockade unserer Gesellschaft, die durch seine Inszenierung zu lösen sei. Tatsächlich verhält es sich aber so, dass unsere politische Wirklichkeit seit vielen Jahren selber zum Theater geworden ist. Die Politik hat der Bühne ihre alten Tricks abgeschaut: die Inszenierung, das Pathos, die Behauptung der Lüge als Wirklichkeit und die Emotion als Triebkraft des Handelns. So gesehen ist der Prozess gegen Deutschland nichts anderes als eine Simulation unserer Wirklichkeit, die seit langer Zeit das Theater selber simuliert.
Niemand bricht aus seinen Rollen aus: Martenstein bleibt der konservative Provokateur, die Medien übernehmen die Rolle des Verstärkers und die politischen Gruppierungen lassen ihre Reflexe spielen. Am Ende ist genau das herausgekommen, was Skeptiker wie die Publizistin Leonie Plaar und der Philosoph Rainer Mühlhoff mit ihren Absagen befürchtet haben.
Die AfD bekam das Theater, das sie ansonsten so gern bekämpft, als Bühne, Bild-Kolumnist Martenstein erhielt von Rau eine kulturelle Legitimation, und das sogenannte „Urteil“, das die AfD als rassistisch einstuft, und in dem ein Parteiverbot in Erwägung gezogen wird, geht im medialen Spektakel über das Bühnenspektakel unter.